Baden
Markus Schneider: «Es sollen nicht nur Reiche in Baden leben»

Stadtrat Markus Schneider will als möglicher Stadtammann Einfluss nehmen, dass die Stadt lebhaft bleibt. Im Interview spricht er über verdichtetes Bauen, Familie und die Ziele der CVP.

Martin Rupf und Roman Huber
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Stadtammann-Kandidat Markus Schneider (CVP): «Hier oben vom Schloss Stein habe ich Aussicht auf alle wichtigen Stationen in meinem Leben.»emanuel freudiger

Stadtammann-Kandidat Markus Schneider (CVP): «Hier oben vom Schloss Stein habe ich Aussicht auf alle wichtigen Stationen in meinem Leben.»emanuel freudiger

Herr Schneider, wieso wollen Sie Stadtammann werden?

Markus Schneider: Weil dieses Amt für mich das Spannendste ist, was man in dieser Stadt politisch erreichen kann. Doch noch viel wichtiger: Ich bin hier aufgewachsen und liebe diese Stadt. Ich hatte das Glück, dass mich meine Familie schon als Kind mit vielen Badener Traditionen und Gepflogenheiten vertraut machte. Ich bin hier in die Schule gegangen, war lange Lehrer an der Bezirksschule. Zudem war ich viele Jahre im Einwohnerrat. Diese Heimat möchte ich in Zukunft weiter prägen können. Das Schönste wäre für mich, wenn ich die Stadt Baden als «Oberhaupt» führen könnte...

...als «Oberhaupt»: Sie sind Oberstleutnant in der Armee. Wird sich die Verwaltung auf einen militärischen Führungsstil einstellen müssen?

Ich glaube, die Mitarbeitenden in den Abteilungen haben rasch festgestellt, dass ich keinen militärischen Führungsstil pflege. Dies umso mehr, als ich in der Armee Projektgruppen führe, die sich ihrerseits aus lauter Führungskräften aus der Privatwirtschaft zusammensetzen. Auch dort erwirkt man mit einem Befehlston gar nichts.

Was haben Sie Ihren Mitbewerbern voraus?

Der Hauptunterschied sind sicher die vielseitigen Führungsaufgaben aus der Privatwirtschaft, aber auch aus dem Militär, die ich mitbringe. Insbesondere habe ich viel Personalführungserfahrung. Für einen Stadtammann ist das eines der wichtigsten Kriterien. Zudem habe ich mich zum Coach ausbilden lassen, wo ich vor allem gelernt habe, Brücken zu bauen. Auch das ein Kerngeschäft eines Stadtammanns. Diese Kombination bringen die anderen Kandidaten nicht mit. Und ich bin es gewohnt, Entscheidungen zu fällen. Aber im Normalfall erst, nachdem ich das Gegenüber abgeholt habe.

Dafür können Sie nicht so viel Exekutiverfahrung vorweisen wie etwa Vizeammann Geri Müller oder Stadtrat Roger Huber. Ein Nachteil?

Nein. Ich bin nun seit einem Jahr im Stadtrat und hatte das Glück, als Bauvorsteher sehr stark Einblick in die Projekte der Stadt zu erhalten. Ein Grossteil aller grösseren Geschäfte ist im Ressort Planung und Bau angesiedelt. Dadurch hatte ich auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Stadtammann und konnte viele Erfahrungen sammeln. Zudem bin ich in Baden seit über 12 Jahren politisch tätig. In verschiedenen Funktionen, wie etwa als Fraktionspräsident, war ich immer sehr nahe an der Exekutive dran. Ich kenne beide Seiten – also auch die Exekutive – sehr gut.

Wie beurteilen Sie als Bauvorsteher die Wohnraum-Situation in Baden?

Der Wohnraum ist eines der wichtigsten Güter, die wir haben. Die Stadt kann sich nur weiterentwickeln, wenn wir sie auch lebhaft halten können. Dafür braucht es Bewohner, die hier leben, einkaufen und wirtschaften. Ich bin überzeugt, dass wir Gebiete aussondern müssen, in denen wir verdichten können. Denn wir müssen unbedingt unsere Naherholungsgebiete schützen. Einzonungen sind im Moment kein Thema.

In der Innenstadt droht die soziale Durchmischung verloren zu gehen, wie jüngste Beispiele zeigen. Was kann man dagegen tun?

Wir wollen keine Stadt, in der nur noch Reiche wohnen können. Das zeigt ja auch das Beispiel der Wohnbaustiftung für das Brisgi, wo wir als Stadt versuchen, Einfluss zu nehmen. Zudem sind wir im stetigen Austausch mit den Hausbesitzern. Doch wir stellen fest, dass es immer unpersönlicher wird. Früher waren der Kurt oder die Alice die Vermieter, heute sind es grosse Verwaltungen, auf die man wenig Einfluss hat. Auf diese Entwicklung müssen wir ein Augenmerk haben.

Soll die Stadt nicht einfach die Liegenschaften kaufen?

Das könnte durchaus ein Thema werden; im Moment aber nicht. Es gab aber im Stadtrat schon solche Diskussionen, weil es dann einfacher wäre, eigene Ideen zu realisieren. Eine andere Möglichkeit sind Testplanungen, wie wir sie zum Beispiel auf dem Müllerbräu-Areal durchführen. In diesem Rahmen können wir die öffentlichen Interessen einfliessen lassen. Aber so etwas kostet natürlich auch.

«Verdichtetes Bauen» ist in aller Munde. Für Familien eignen sich Hochhäuser aber nicht gerade.

Verdichtetes Bauen muss nicht zwingend in die Höhe gehen. Vielmehr kann auf einem Grundstück mit viel Freiraum etwas Grösseres entstehen. Das gibt dann zwar etwas weniger Grünfläche im Inneren, dafür müssen wir kein Land einzonen, und das Naherholungsgebiet bleibt erhalten.

Dichter bauen heisst auch mehr Menschen auf weniger Raum und so auch mehr Verkehr. Wie stehen Sie zum geplanten Schulhausplatz-Projekt?

Ziel dieses Projekts ist es, den Verkehr zu verflüssigen, damit man wieder schneller von A nach B gelangt. Vor allem auch der öffentliche Verkehr soll profitieren. Aber klar, eine ausgebaute Kreuzung kann auch wieder mehr Verkehr anziehen. Deshalb muss das Verkehrsproblem über weitere Anreize gelöst werden.

Nämlich?

Ich denke zum Beispiel an Neubauten, bei denen keine oder nur wenige Parkplätze vorgesehen sind. Man zieht also ganz bewusst Menschen an, die bereit sind, auf eigene Autos zu verzichten. Wohnen ohne Auto in Bahnhofnähe soll künftig gefördert werden.

Ein Bahnhof, wo bald auch die Limmattalbahn einfährt?

Das stelle ich mir schwierig vor. Viel eher käme für die Limmattalbahn das alte Nationalbahn-Trassee infrage. Vielleicht müsste die Limmattalbahn dann gleich bis Dättwil weitergeführt werden. Undenkbar ist es für mich, für die Bahn extra eine Brücke zu bauen.

Sie sagen, man solle schneller von A nach B gelangen können. Noch schöner wäre es, wenn man das zum Beispiel für das Einkaufen am Sonntag gar nicht müsste, weil es in der Innenstadt ein Geschäft gibt. Wann erhält Baden wieder einen solchen Laden?

Natürlich ist es schade, dass die Migros ihr Geschäft – das offensichtlich nicht rentierte – in ein Bistro umgewandelt hat. Ich hoffe, im Metroshop entsteht wieder etwas, wo man auch am Sonntag Lebensmittel kaufen kann. Aber als Stadt können wir nicht vorschreiben, dass dort ein solches Geschäft geführt wird.

Kommen wir kurz auf die Finanzpolitik zu sprechen. Das Thema Steuerfusssenkung ist latent, weil es der Stadt sehr gut geht. Wie stehen Sie dazu?

Aus meiner Sicht steht weder eine Senkung noch eine Erhöhung an. Die Investitionen, die auf uns zukommen, sind sorgfältig geplant und sind mit dem heutigen Steuerfuss von 95 Prozent gesichert. Eine Senkung kommt auch deshalb nicht infrage, weil wir einen Investitionsstau hatten, den wir aufarbeiten müssen.

Komfortabel ist ja die Situation bei den Aktiensteuern mit rund 30 Millionen. Franken. Ist die Stadt Baden nicht zu abhängig von den grossen drei Firmen ABB, Alstom und Axpo?

Über das Klumpenrisiko spricht man schon, seit ich im Einwohnerrat bin. Fakt ist: Die Stadt pflegt eine sehr gute Beziehung zu diesen Firmen. Es ist aus meiner Sicht eine Illusion, jetzt im grossen Stil andere Firmen anzusiedeln. Bereits heute weisen wir einen guten Branchen-Mix aus. Man darf nicht vergessen, dass grosse Firmen automatisch kleinere Firmen anziehen.

Wie stehen Sie zum Thema Zusammenschluss; wo sehen Sie die Region in Zukunft?

Ich glaube, dass partielle Zusammenarbeit irgendwann keinen Sinn mehr macht. Dann nämlich, wenn es zu aufwendig wird. Deshalb werden Zusammenschlüsse sicher ein Thema. In welche Richtung das gehen wird, ist noch offen. Sicher muss auch die Zusammenarbeit mit Wettingen intensiviert werden.

Und mit Neuenhof?

Das wird sicher wieder ein Thema. Aber nach dem – zugegeben sehr knappen Volksentscheid – wollen wir das nicht erzwingen. Der Volksentscheid hat aufgezeigt, dass Baden für den Zusammenschluss mit Neuenhof noch nicht bereit war.

Zurück zu Ihrer Kandidatur: Die Vermutung liegt nahe, dass Sie, als Sie vor gut einem Jahr für den Stadtrat kandidierten, bereits auf den Stadtammann-Sitz schielten.

Natürlich war damals schon klar, dass Regierungsrat Peter C.Beyeler aufhören und Stephan Attiger sein möglicher Nachfolger sein könnte – und Baden somit einen neuen Stadtammann braucht. Ja, ich stehe dazu. Ich wollte auch Stadtrat werden mit dem Ziel, später für das Stadtammann-Amt zu kandidieren.

Wohl auch das Ziel der CVP?

Eigentlich geht es um eine Personenwahl. Aber natürlich will die CVP den Sitz, den sie vor sieben Jahren an die FDP verloren hat, wieder zurückgewinnen. Dabei hat die Partei auf mich gesetzt.

Das zweite Ziel wäre dann, dass ein bürgerlicher Kandidat Stadtammann wird?

Ja, da stehe ich offen dazu. Denn unter der bürgerlichen Politik von Sepp Bürge und Stephan Attiger hat Baden einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Das wird man auch weiter pflegen müssen. Die Wirtschaftsfreundlichkeit ist bei der CVP oder bei der FDP eher angesiedelt als beim team oder bei den Grünen.

Sie kandidieren für die CVP, also für die Christdemokraten. Wie viel «C» steckt in Ihnen. Müssen wir – sollten Sie Ammann werden – alle am Sonntag in die Kirche?

Für mich ist der Glaube wichtig. Aber noch viel wichtiger ist für mich die Familie. Wir müssen unsere Stadt für die Jungen, aber auch für ältere Menschen attraktiv halten.

Stichwort Familie: Was sagt Ihre Familie zu Ihrer Kandidatur?

Natürlich haben wir das am Familientisch diskutiert. Meine Kinder und meine Frau sind sich bewusst, dass sie im Moment wenig Zeit mit mir verbringen können. Als Stadtammann werde ich noch mehr Verpflichtungen haben, kann aber dafür meinen Tag etwas flexibler gestalten. Die Familie steht hinter meiner Kandidatur.

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