Quartiere in Baden (5)

Martinsberg: Grossstadt und Dorf in einem

Das Martinsbergquartier steht für Offenheit und Internationalität – die Werte, welche Baden aus Sicht vieler Bewohner vom Rest des Kantons unterscheiden.

Eines Tages wird wohl fast jeder Aargauer den Martinsberg kennen, so wie heute der Baregg allen ein Begriff ist. Bis 2040 soll auch durch diesen Hügel ein Tunnel gegraben werden, der Martinsbergtunnel. Er wird in der Nähe des Ausgangslokals Nordportal beginnen und auf der Neuenhoferstrasse in der Nähe des Friedhofs Liebenfels münden. Derzeit ist der Martinsberg vor allem noch Einheimischen ein Begriff, wobei das Quartier Internationalität und Offenheit verkörpert und somit jene Werte, die Baden aus Sicht vieler Bewohner vom Rest des Kantons unterscheidet.

Der Hauptgrund für die Internationalität: Hier hat die 1891 gegründete BBC ihre Wurzeln. Jahrzehntelang war der nördliche Teil des Quartiers – auf dem Hauptfoto am oberen Bildrand – ein reines Industriegebiet; das BBC-Areal galt als verbotene Stadt. Verboten, weil es nur Arbeiter betreten durften, unter Vorweisung eines Ausweises, und um das Areal standen Portierhäuschen, an denen kein Unbefugter vorbeikam. Ab Mitte der 90er-Jahre sorgten der damalige ABB-Chef Edwin Somm und die Stadtbehörden für eine Öffnung und Entwicklung. Noch immer finden sich hier viele Arbeitsplätze, doch an den Rändern entstanden Wohnsiedlungen, etwa bei der Wiesenstrasse, sowie die Berufsschule und die Technikerschule. Die BBC und die spätere ABB zogen seit je Arbeitskräfte aus dem Ausland an, und auch heute ist in den neuen Siedlungen oder den ehemaligen BBC-Häusern Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Hochdeutsch zu hören.

«Gelungene Verdichtung»

Daniela Berger, ehemalige SP-Stadträtin, betreibt im Martinsbergquartier seit 1991 als Miteigentümerin das Badener Tanzcentrum. Sie gerät ins Schwärmen: «Es ist eines der schönsten und lebenswertesten Quartiere der Stadt, ohne Zweifel. Es steht für eine gute Mischung zwischen Urbanität und totaler Ruhe, es ist ein Bildungs- und Wirtschaftsviertel und gleichzeitig eine attraktive Wohngegend.» Dadurch entstehe eine spannende Durchmischung der Bevölkerung: «Tagsüber wird das Quartier von jungen Menschen bevölkert, die den Unterricht in der Berufsfachschule (BBB) oder der Technikerschule besuchen. Abends gehört das Quartier den Bewohnern und vielen Familien, die sich im Alten Friedhof, der inzwischen als Park dient, treffen.» In den vergangenen dreissig Jahren sei das Quartier stark gewachsen, insbesondere durch die Wiesenstrassen-Überbauung und die Belétage-Türme. «In meinen Augen darf das Martinsbergquartier als Beispiel für gelungene Verdichtung bezeichnet werden. Die Zahl der Bewohner hat stark zugenommen, ohne dass sich die Menschen hier in die Quere kommen», sagt Berger.

Quartiervereinspräsident Stefan Ulrich spricht vom Quartier der Gegensätze. «Das Martinsbergquartier ist Grossstadt und Dorf in einem.» Das zeige sich erstens optisch: «Innerhalb kurzer Distanz wechseln sich Hochhäuser und imposante Gebäude mit idyllischer Natur ab.» Das Zusammenspiel von Architektur und Natur sei eindrücklich. Die Gegensätze zeigten sich zweitens auch bei der Zusammensetzung der Bevölkerung. «Die Durchmischung, die Nationalitätenvielfalt ist gewaltig. Es gibt Menschen, die schon das ganze Leben hier wohnen, und sich nicht vorstellen können, je an einem anderen Ort zu leben. Andere, oft Angestellte von ABB oder General Electric, verbringen nur einige Monate hier. Das Aufeinandertreffen so vieler unterschiedlicher Menschen ist wirklich reizvoll», sagt Ulrich.

Zweigeteilt durch Bruggerstrasse

Das Martinsbergquartier erstreckt sich vom Hang bis zur Eisenbahnlinie; es wird zweigeteilt durch die Bruggerstrasse. Auf der Bergseite befinden sich, vereinfacht formuliert, die Wohngebiete, während in den Gebäuden in Richtung Bahnhof, also im Langhaus, Gstühl, BT-Hochhaus, Trafo, den ABB-Hallen und vielen anderen, Tausende Arbeitsplätze untergebracht sind.

Eine Welt für sich lässt sich im Merker-Areal finden: Innerhalb der denkmalgeschützten Mauern des auffälligen gelben Vierecks, wo einst Waschmaschinen hergestellt wurden, haben sich mit die kreativsten Unternehmen der Stadt angesiedelt: Fast ein Dutzend Architekturbüros, Fotografen, Maler, Filmschaffende, Geigenbauer, Künstler, ein Übersetzungsbüro und eine Schneiderin haben hier ihren Arbeitsplatz.

Zu einem angenehmen Leben gehören für viele Badenerinnen und Badener zweifellos auch die Genüsse – auch in dieser Hinsicht muss sich der Martinsberg nicht verstecken. Neben kulinarischer Vielfalt – das «Torre» ist bekannt für Grilladen, das Bouillon für spanische Speisen, das Gottardo zählt zu den beliebtesten Italienern, im Arunje gibt es scharfe Curryspeisen, in der Stanzerei und in der Rampe kocht James Kong, um nur einige zu nennen – verfügt das Quartier über ein so dichtes Angebot an Kulturinstitutionen wie kaum ein Gebiet im Kanton. Die Trafo-Kinos, Stanzerei, Druckerei, Werkk, Fjord und Nordportal haben sich längst über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Quartiervereinspräsident Stefan Ulrich sagt: «Unser Quartier bietet alles, was es zum Leben braucht.»

Fest steht: Das Quartier, das sich in den vergangenen Jahren so stark verändert hat wie kaum eine andere Gegend in der Stadt, befindet sich weiter im Wandel. Die Verdichtung ist noch längst nicht abgeschlossen: Beim Müllerbräu-Areal beispielsweise werden fünf neue mehrstöckige Bauten erstellt, in denen Gewerbeflächen und 145 neue Wohnungen entstehen (und neben dem bestehenden Biergarten neu auch eine Bierhalle). Und auf dem Krismer-Areal an der Bruggerstrasse könnte bald ein weiteres Hochhaus mit bis zu zwanzig Stockwerken gebaut werden.

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