Kabarett
Massimo Rocchi: Halber Italiener nimmt ganze Schweizer aufs Korn

Zum Start des Soloprogramms «EUä» brilliert Massimo Rocchi im Kurtheater Baden mit Hochgeschwindigkeit. Er nimmt die Schweiz aufs Korn, die Zuschauer haben viel zu lachen – und viel zu schlucken.

Rosmarie Mehlin
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Spaghetti, Pizza, Chianti, Tiramisu, Toscana – das haben wir alles längst verinnerlicht. Wir sind doch, Hand aufs Herz, halbe Italiener. Massimo Rocchi war ein ganzer; inzwischen hat er zudem den roten Pass und ist daher auch nur noch ein halber. Hat er seinerseits doch auch die Schweiz verinnerlicht. Wir Eidgenossen sind ihm sogar so sehr ins Fleisch und Blut übergegangen, dass er mehr als einer von uns ist: Wenn es um Selbsterkenntnis geht, macht er uns jedenfalls ganz schön etwas vor.

Als er noch ein ganzer Italiener war, hat er seine Landsleute auch nicht geschont. Mit einem Feuerwerk von Selbstironie hatte er ihnen – und damit sich – in «Spiagge Italiane» den Spiegel vorgehalten. Das war seinerstes Programm und er hatte es 1986 ebenfalls bereits im Kurtheater Baden aus der Taufe gehoben. Mit «äuä» (1994), seinem Engagement im Zirkus Knie (2003), «Circo Massimo» (2005) und «roCHipedia» (2009) hat er ein immer grösseres Publikum erobert. Dass es auch breiter geworden ist, war an der Premiere von Rocchis neuem Programm «EUä» augenscheinlich: In einigen Reihen vom ausverkauften Kurtheater nahmen zu Beginn und nach der Pause junge Männer mit vollen Biergläsern Platz.

Totaler Körpereinsatz

Ob sich das schickt, sei dahin gestellt. Klar ist: Die Konzentration, die Rocchi seinem Publikum abverlangt, kann tatsächlich durstig machen. Denn wer nicht so gebannt hinhört, dass mitunter der Mund offen bleibt, verpasst garantiert die eine oder andere der äusserst dicht gesäten Pointen. Rocchi, der grossartige Beobachter von Personen und Weltgeschehen, bringt Fakten und Figuren kurz, bündig, scharfzüngig, parodistisch und umwerfend komisch auf den Punkt.

Man mag einwerfen, dass es einfach ist, den Finger auf wunde Punkte eidgenössischer Grundzüge und Eigenschaften zu legen und diese zu karikieren. Doch Rocchi macht es sich nicht einfach. Dafür ist er viel zu klug und zu sehr Multitalent. Mit seinem intelligenten Sprachwitz, der ihm eigenen Wortakrobatik gepaart mit totalem Körpereinsatz und überbordendem Temperament ist er ein Ausnahme-Komiker.

Ob es um die Schweiz – «s Löchli in der Mitte, von vorne betrachtet der Bauchnabel Europas» – um eine Begegnung zwischen Hundehalter und Jogger oder einen alt Bundesrat – «die schwarze Spinne von Herrliberg» geht: Massimo Rocchi nimmt kein Blatt vor den Mund. Doch wann immer er diesen aufmacht, nie kommen nur Worthülsen heraus. Er hat viel zu sagen und das Publikum hat einiges zu schlucken: Vordergründig hat es zwar fast pausenlos Grund schallend zu lachen. Hintergründig aber ist das Lachen nicht selten Vorwand, um sich nicht selbst bei den Ohren nehmen zu müssen.

Fluimicil für Ueli Maurer

Allerdings bleibt dazu kaum Zeit, denn das Tempo, mit dem Rocchi die Themen wechselt, ist horrend. Und genauso temperamentvoll ist seine Körpersprache: Er züngelt, lechzt, verdreht die Augen, tänzelt, hüpft, er verwandelt sich blitzartig von François Hollande in Angela Merkel, von Doris Leuthard in Ueli Maurer – «Grippen, Grippen – ich hab ihm Fluimicil geschickt.» Über die griechische Mythologie kommt er zu den Weltreligionen und fordert einen «Kassensturz spezial» zum Thema. Sechseläuten und Basler Fasnacht werden von ihm ebenso wenig verschont wie Berlusconi, «die Schynigi Platte aus Italien».

Selbst nach zwei Stunden und zwei durchgeschwitzten Hemden macht der 58-Jährige nicht schlaff. Statt sich auf den Lorbeeren des lang anhaltenden, begeisterten Beifalls auszuruhen, gibt er zum Start seines neuen Soloprogramms im Kurtheater Baden Dreingaben. Ganz zum Schluss das unvergessliche Highlight aus seinen «Spiagge Italiane» – der Fussball-Goalie. Grazie mille – danggscheen viilmol Massimo!

«EUä» am 27./28. November 2015 in der Bärenmatte Suhr und am 29./30. Januar 2016 erneut im Kurtheater Baden.