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Massiver Kundenverlust bei der Krankenkasse Birchmeier: «Prämienerhöhung traf vor allem Junge»

Werner Kaufman leitet die Geschicke der KK Birchmeier seit 2007. Archiv/ASP

Werner Kaufman leitet die Geschicke der KK Birchmeier seit 2007. Archiv/ASP

Werner Kaufmann, Geschäftsführer der Krankenkasse Birchmeier, spricht über den massiven Kundenverlust

Werner Kaufmann, die Krankenkasse Birchmeier verlor auf Anfang Jahr 5306 Versicherte (-43 Prozent). Was bedeutet dies für das Unternehmen?

Werner Kaufmann: Wir sind ehrlich gesagt traurig, dass wir diese Einbussen in Kauf nehmen müssen. Denn wir haben in der Vergangenheit die Anzahl Kunden stetig aufbauen können.

Grund für den Kundenverlust war, dass die KK Birchmeier ihre Prämien Mitten im Jahr erhöhen musste. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) prognostizierte einen grossen Verlust.

Das war völlig übertrieben, eine Anpassung auf 1. Januar 2017 hätte gereicht. Wäre das der Fall gewesen, hätten wir massiv weniger Versicherte verloren. Es war ein Fehler, dass uns die unterjährige Prämienerhöhung aufdiktiert wurde: Der Verlust Ende Jahr fiel weit tiefer aus, als uns das BAG in Aussicht gestellt hatte.

Die KK Birchmeier hat grösstenteils junge Kunden verloren, weshalb?

Die unterjährige Prämienerhöhung 2016 traf vor allem Versicherte im Alter zwischen 18 und 25. Wir mussten die Prämien um durchschnittlich 20 Prozent erhöhen, in dieser Altersgruppe betrug der Anstieg über 30 Prozent. Zudem ist es die Kundengruppe, die am sensibelsten reagiert, wenn Prämien erhöht werden. Doch im Gegensatz zur Privatwirtschaft ist es im Krankenversicherungssystem grundsätzlich nicht nur negativ, wenn man Versicherte verliert, insbesondere Junge.

Können Sie das erklären?

Wir sind in den letzten Jahren vor allem dank junger Versicherten im Alter zwischen 18 und 25 stark gewachsen. Das hatte zur Folge, dass unser Beitrag für den Risikoausgleich-Pool massiv gestiegen ist. Denn: Je mehr junge, gesunde Menschen bei einer Krankenkasse versichert sind, desto mehr muss diese in den Pool einzahlen. Ausbezahlt werden die Gelder an Konkurrenten mit kränkeren, meist älteren Kunden. Von den 5306 Versicherten, die wir verloren haben, waren fast die Hälfte Junge. Jetzt sind im Verhältnis mehr ältere Kunden bei uns versichert. Dadurch erhalten wir in diesem Jahr aus dem Risikoausgleich-Pool rund drei Millionen Franken. Mit dem Wegfall zahlreicher junger Versicherten werden wir im laufenden Jahr so gesund sein wie nie.

Das ist doch paradox: Über 40 Prozent der Versicherten springen ab – und das Geschäftsjahr soll eines der besten werden?

Das ist so. Im letzten Jahr hatten wir 12 218 Versicherte (siehe Tabelle rechts) und rund drei Millionen Franken Reserven. Jetzt haben wir 6912 Kunden und – abzüglich des Geschäftsverlusts von rund 580 000 Franken im 2016 – noch rund zweieinhalb Millionen Reserven. Das führt dazu, dass das Verhältnis zwischen Prämieneinnahmen und Reserven, der sogenannte Reservensatz, in diesem Jahr so hoch sein wird wie nie zuvor.

Trotz guter Aussichten: Hat das negative Geschäftsergebnis 2016 Auswirkungen auf den Personalbestand?

Weil wir vorher im Vergleich mit anderen Krankenkassen personell eher unterdotiert waren und der administrative Aufwand durch Auflagen des BAG immer grösser wird, waren hier keine Massnahmen nötig. Derzeit haben wir 820 Stellenprozente. Wir werden einzig natürliche Abgänge nicht ersetzen.

Lohnt es sich heutzutage überhaupt noch, eine kleine Krankenkasse zu betreiben?

Auf jeden Fall! Ich bin seit über 30 Jahren im Krankenversicherungsgeschäft tätig. Wir heben uns ganz klar von den grossen Versicherern ab. Wir sind näher bei den Kunden und können uns direkt ihren Anliegen widmen. Das schätzen Kunden sehr. Doch ich verneine nicht, dass das Umfeld für kleinere Krankenkassen durch die Überregulierung der sozialen Krankenversicherung in den letzten Jahren schwieriger geworden ist.

Angesichts dessen wäre ein Verkauf oder eine Fusion eine gute Lösung?

Das sehe ich überhaupt nicht so. Wir kämpfen für die Vielfalt und die ausgewogene Mischung von kleinen, mittleren und grossen Anbietern in der Krankenversicherung. Der Wettbewerb sowohl in der Grundversicherung als auch bei den Zusatzversicherungen ist nötig. Zudem funktionieren wir in den administrativen Tätigkeiten wie die grossen Krankenkassen. Unsere entscheidenden Vorteile sind unsere transparenten und überschaubaren Strukturen und somit kurzen Entscheidungswege.

Welche Ziele haben Sie sich für das laufende Jahr gesetzt?

Wir wollen wieder neue Versicherte dazugewinnen – aber nicht um jeden Preis und nicht so markant wie in den vergangenen Jahren. Wir streben ein gesundes Wachstum an, das heisst, einen Zuwachs von rund fünf Prozent. Zwar haben wir einen Vertrauensverlust in Kauf nehmen müssen, grösstenteils bei den jungen Versicherten, trotzdem brauchen sich unsere Versicherten für die Zukunft keine Sorgen zu machen.

Wie Sie bereits angetönt haben, erwartet Sie Ende Jahr ein Plus. Können die Kunden davon profitieren?

Wir werden die Prämien auf den 1. Januar 2018 wahrscheinlich nur minim erhöhen müssen – wenn überhaupt.

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