«Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben», schrieb Wilhelm Busch vor 140 Jahren. Diese Gabe wird älteren Menschen zunehmend zum Verhängnis. Denn wie die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, konsumieren fast 40 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen ab 65 Jahren täglich Alkohol.

Dass die Sucht im Alter zunimmt, spürt auch das Beratungszentrum Baden. Knapp die Hälfte aller Therapien und Beratungen liegen im Bereich Alkohol, ein grosser Teil der Betroffenen ist pensioniert. Beim Beratungszentrum Hilfe gesucht haben die 74-jährige Vreni* und der 76-jährige Max*. Seit fünf Jahren erhält das Ehepaar dort eine Stütze. Denn Max trinkt gerne, nicht regelmässig, nur «ab und zu», wie er sagt. «Aber wenn er trinkt, dann meistens zu viel», fügt Vreni an.

«Suche selber nach Gründen»

Das Ehepaar steckt in einer kniffligen Situation. Denn laut der Fachperson Sharon Katz, Beratungszentrum Baden, ist Max kein typischer Alkoholiker. Er ist weder ein Erleichterungs-, noch Pegel- noch ein Quartalstrinker. Trotzdem steht Max auf Messers Schneide, weil er gemäss Katz ein gefährdeter Trinker ist und jederzeit in eine Abhängigkeit rutschen könnte, wenn er nicht achtsam bleibt.

Max sieht das Ganze trotzdem gelassen. «Was ist schlimm daran, wenn ich zwischendurch einen über den Durst trinke», sagt er. Solche Aussagen treffen Vreni ins Herz. Denn der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen bringt, stimmt sie traurig. An schlechten Tagen fühlt sie sich wütend, betrogen und hilflos. «Ich ertrage es nicht, wenn Max breitbeinig herumläuft und mit einer verwaschenen Sprache spricht», sagt sie. Sie hätten doch immer schon Alkohol getrunken, an Wochenenden einen Apéro und ein gutes Glas Wein zum Essen. «Ich dachte, wir seien Genusstrinker. Das können wir jetzt nicht mehr sein, weil ich Angst davor habe, dass er nicht mehr aufhört.» Sie versteht nicht, wie es so weit kommen konnte.

Max weiss es auch nicht. «Ich habe nie übermässig getrunken. Ich suche ja selber nach Gründen, weshalb mein Konsum gestiegen ist», sagt er, während er die Hände verschränkt, und eine Weile nachdenkt. «Angefangen hat es nach meiner Pensionierung», erklärt der ehemalige Geschäftsmann. Er habe sich zwar sehr auf diesen Moment gefreut.

«Doch plötzlich hatte ich keine Verpflichtungen mehr und viel mehr Zeit.» Deshalb sei er oft länger aufgeblieben und habe halt anstatt ein Glas Wein, zwei oder drei getrunken – manchmal eine ganze Flasche. «Ich hatte keine Veranlassung dazu, die Finger davon zu lassen.» Auch Vreni hatte sich auf den Ruhestand gefreut. «Es ist schwierig, vorauszusehen, welche Wirkung das Alter und die Pensionierung so mit sich bringen», stellt sie fest. Am Anfang sei alles im normalen Rahmen weitergelaufen, «bis sich die Unzufriedenheit und die Unsicherheit zu uns gesellten.»

«Ihre Reaktion war übertrieben»

Eines Tages kam es zum ersten Eklat, als Vreni nach ein paar Tagen Urlaub nach Hause kam und all die Flaschen im Keller vorfand, die Max in der Zeit leer getrunken hatte. «Ich bin explodiert und habe ausgerufen. Einerseits weil ich enttäuscht war», sagt sie. Andererseits, weil es doch gefährlich sei, in diesem Alter alleine zu Hause zu trinken. Max hingegen schwieg, hatte keine Ausreden auf Lager.

«Ich fand ihre Reaktion zuerst übertrieben, bevor ich einsah, dass ich vielleicht etwas übertrieben hatte.» Sie hätten das Heu nicht immer auf der selben Bühne gehabt – «wir beurteilten die Situationen, die Menge und die Häufigkeit anders», erklärt er. Die Streitereien nahmen zu, das Ehepaar geriet in einen Teufelskreis. Vreni litt und versuchte alles, um den Alkoholkonsum von Max unter Kontrolle zu bringen. Doch je grösser ihre Kontrolle, desto schlimmer sein Trinkverhalten. «Er fing an, heimlich zu trinken, stand aber nicht dazu», sagt Vreni. Für sie brach jedes Mal eine Welt zusammen.

An Vrenis 60. Geburtstag dann der zweite Eklat. «Wir verbrachten gemeinsam mit der Familie ein Wochenende, als alles aus dem Ruder lief», erzählt Vreni. Ihre Kinder, die von nichts wussten, hätten ihren Vater zum ersten Mal in diesem Zustand gesehen. Für Vreni war klar, «jetzt ist Schluss». Sie setzte Druck auf, bis Max einwilligte, das Beratungszentrum in Baden aufzusuchen. «Ich musste lernen, meine Wut zu zügeln und die Kontrolle aufzugeben.» Und Max? «Ich wollte unsere Beziehung retten.» Er zeigte sich bereit dazu, seinen Konsum zu minimieren. Mit der Bedingung, trotzdem weiterhin selbstbestimmt trinken zu können. «Wir führen im Beratungszentrum gute Gespräche und vereinbaren Massnahmen. Ich trinke aber nicht gerne nach Regeln.»

Denkt nicht ans Aufhören

Ausreisser gibt es zwischendurch immer noch. Ein Grund, weshalb Vreni nicht in der Lage ist, Vertrauen ihm gegenüber aufzubauen. «Ich wünschte mir, wir könnten wie früher gemeinsam und kontrolliert das Wochenende mit einem Glas Wein einläuten.» Max habe ihr eine Freude genommen: den Genuss am Alkohol. Ans Aufhören denkt Max aber nicht, auch das Buchführen über die Menge seines Konsums will er nicht wie vorgeschlagen. Denn für Max ist klar: «Ich bin kein Alkoholiker.»

*Namen von der Redaktion geändert