Affäre Geri Müller
Mediator über Badener Stadtrat: «Der momentane Zustand ist unhaltbar»

Der Alt-Einwohnerratspräsident und Mediator Rolf Düggelin äussert sich zur verworrenen Situation in der Stadtregierung mit Geri Müller. Er erklärt, warum es kein Scheitern der Mediation geben darf und er selbst gerne die Mediation übernommen hätte.

Martin Rupf
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Rolf Düggelin sorgt sich um das Image der Stadt Baden.

Rolf Düggelin sorgt sich um das Image der Stadt Baden.

Sandra Ardizzone

Auch wenn Rolf Düggelin seit 2007 nicht mehr in Baden wohnt, hängt der ehemalige Einwohnerratspräsident noch immer an «seiner» Stadt. «Für mich ist klar: Der momentane Zustand ist unhaltbar und nicht tolerierbar.» Zwar befürchtet er wegen der momentanen Regierungskrise grundsätzlich keine Verrohung der guten politischen Kultur in Baden. «Aber die Stadt steht nun schon seit Wochen in einem negativen Scheinwerferlicht und muss alles daransetzen, sich bald wieder von ihrer guten Seite präsentieren zu können», sagt Düggelin, der für die FDP von 1993 bis 2007 im Badener Einwohnerrat sass und zuletzt als dessen Präsident amtete.

Doch nicht nur der drohende Imageschaden bereitet dem ausgebildeten Mediator und Konfliktmanager Kopfzerbrechen. «Die Stadt Baden mit ihren rund 300 Angestellten funktioniert wie ein Unternehmen.» Es sei bekannt, dass Mitarbeitende eines Unternehmens, die verunsichert sind oder denen es in der Firma nicht mehr wohl ist, in hohem Masse ihre Motivation verlieren, so Düggelin. «Untersuchungen haben gezeigt, dass in solchen Fällen schnell einmal ein zweistelliger Prozentsatz an Leistungsbereitschaft verloren gehen kann.»

Tatsache sei, dass der Verwaltungsleiter bereits gekündigt hat und bei diesem Entscheid wohl die schwierige Situation im Stadtrat mitgewirkt haben dürfte. «Man stelle sich nur einmal vor, was es an Zeit-, Geld- und Energieverlust bedeutet, wenn von den 300 Stadtangestellten nur zehn Prozent nicht mehr voll motiviert sind und weitere Kündigungen erfolgen», so Düggelin.

Auf die Frage, ob es ihn selber gereizt hätte, in diesem Fall die Mediation zu übernehmen, antwortet Düggelin: «Klar, das ist für jeden Mediator eine reizvolle Aufgabe.» Weshalb? «Sie stellt eine besondere Herausforderung dar, da es nicht nur um zwischenmenschliche Spannungen geht, sondern ein ganzes System dahinter steht.»

Dass bisher vom Mediationsprozess nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist, wertet Düggelin als gutes Zeichen. «Eine Mediation ist etwas sehr Vertrauliches. Nur wenn die Teilnehmer auf absolute Diskretion vertrauen können, besteht eine Chance auf eine Lösung.» Und eine Lösung müsse es einfach geben, ist Düggelin überzeugt. «Es darf einfach kein Scheitern der Mediation geben.» Dies aus dem einfachen Grund, weil sonst die ganze Angelegenheit zu Juristenfutter zu werden drohe.

«Es wäre verheerend, wenn Richter über das weitere Vorgehen im Badener Stadtrat entscheiden müssten.» Wie eine solche Lösung aussehen könnte, kann oder besser will Düggelin nicht skizzieren. «Grundsätzlich ist eine Lösung nur dann realistisch, wenn keine der Parteien ihr Gesicht verliert.» Doch wie soll das gehen? Hier die Stadträte, die Geri Müller das Vertrauen entzogen haben und deren bürgerliche Mitglieder bestimmt auch einem grossen Druck ihrer Parteien ausgesetzt sind. Dort Geri Müller, der sich als Opfer sieht und nicht daran denkt, den Posten zu räumen. «Vielleicht ist es eine Lösung abseits der Norm, an die heute noch niemand denkt», so Düggelin.

«Es geht auch um viel Geld»

Ist denn für den ehemaligen FDP-Fraktionspräsidenten Geri Müller als Stadtammann überhaupt noch haltbar? «Ich sehe die Sache differenziert», sagt der Mediator wenig überraschend. Sprich, er habe für beide Seiten Verständnis. «Geri Müller kämpft um seine Existenz, seine Reputation, seine Ehre und seine Zukunft – dabei geht es auch um viel Geld; die finanziellen Überlegungen dürften schwer wiegen.»

Seine Fehler beurteile er selber dabei weit weniger gravierend als seine Kritiker. «Dass vor allem die bürgerlichen Parteien und auch viele Frauen ihn am liebsten weg haben wollen, ist ebenso verständlich wie auch konsequent», so Düggelin. Vor dieser Ausgangslage dürfte es schwierig werden, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Doch sei jeder Tag ohne Lösung ein Tag zu viel. Düggelin: «Die Zeit drängt, die anstehenden Probleme bedürfen dringend einer Lösung. Stadtrat und Stadtverwaltung müssen zwingend wieder in geordnete Bahnen gelenkt werden.»