Wettingen
Mehr Schutz fürs Ortsbild: «Wir müssen stolz sein auf das, was wir haben»

Einwohnerrätin Maire-Louise Reinert will, dass die Gemeinde Wettingen ihr Ortsbild besser schützt. Dafür hat sie eine Motion beim Gemeinderat eingereicht. Es geht ihr um Vorhaben, durch die sich das Ortsbild stark verändern könnte.

Dieter Minder
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Marie-Louise Reinert freut sich über jedes intakte Gebäude im alten Dorfkern von Wettingen. Alex Spichale

Marie-Louise Reinert freut sich über jedes intakte Gebäude im alten Dorfkern von Wettingen. Alex Spichale

Alex Spichale

«Wir in Wettingen müssen mehr Selbstbewusstsein entwickeln und stolz auf das sein, was wir haben», betont Marie-Louise Reinert.

Damit meint sie das noch weitgehend intakte Ortsbild. Mit Vorstössen im Einwohnerrat will sie erreichen, dass die Gemeinde künftig ihr Ortsbild noch besser schützt.

«Der Anstoss für meine Motionen war der Abbruch des Pfyfferhuus.» Dieses Haus an der Bahnhofstrasse beherbergte einst die Post Wettingen – an seiner Stelle soll ein Geschäftshaus entstehen.

«Es geht mir nicht nur um das Haus, sondern um das Ensemble, das an dieser Stelle hätte erhalten werden können.» In jenem Gebiet stehen weitere Wohn- und Geschäftshäuser sowie das ehemalige Lokomotivdepot und die Drehscheibe der Eisenbahn. Alle sind über 100 Jahre alt und Zeugen der Aufbruchszeit in der Geschichte Wettingens.

Wettingen ist eine Gartenstadt

Die heutige Siedlung zwischen Limmat und Lägern ist aus drei Gebieten zusammen gewachsen: Dorf, Kloster und dem Quartier Altenburg/Langenstein. Jedes von ihnen trägt zum besonderen Cachet der Gemeinde bei.

Den bedeutendsten Schutz geniessen das Kloster und die Gebäude auf der Limmathalbinsel. Dagegen ist der Schutzgrad im Dorf und im Quartier Altenburg/Langenstein geringer.

Es bestehe die Gefahr, so Reinert, dass mit bestehenden Objekten nicht subtil genug umgegangen wird. Sie will deshalb, dass Gebäude, die im Kurzinventar des Kantons enthalten sind, auf kommunaler Ebene einen besseren Schutz erhalten.

Dabei geht es ihr nicht nur um Einzelobjekte, sondern um die vielfältigen Quartiere: «Typisch ist unter anderem das Altenburgquartier, das Wettingen als Gartenstadt mitprägt.»

Verdichten und erhalten

Prägend für Wettingen ist auch die lange, gerade Landstrasse mit den Geschäftshäusern. Eines davon heisst «Haus zum Hobel». Dessen Name ist auf die frühere Funktion als Möbelhaus zurück zu führen. Reinert befürchtet, dass die angestrebte Verdichtung entlang der Landstrasse solche charakteristischen Gebäude gefährdet.

Mit der angestrebten Verdichtung soll mehr Wohn- und Arbeitsraum entlang der Hauptachsen geschaffen werden. Unter anderem will die Gemeinde dies mit höheren Bauten und neuen Nutzungen erreichen. Wettingen soll weiterentwickelt werden, aber mit Feingefühl. «Ich mag die moderne Architektur, aber alte Häuser haben oft mehr Atmosphäre.»

Sie gibt aber auch zu bedenken: «Wenn Architektur geistlos wirkt, fördert das den Vandalismus.» Reinert ist überzeugt: «Das öffentliche Interesse, Gebäude oder Ensembles zu erhalten, ist vorhanden.» Deshalb soll das Kurzinventar auf Objekte jüngeren Datums und den Ensembleschutz erweitert werden. «Es ist es höchste Zeit, aktiv zu werden», ist Reinert überzeugt.

Typische Wohnhäuser an der Zentralstrasse
10 Bilder
Neubau im alten Dorf
Die westliche Zentralstrasse führt durch ein grünes Wohnquartier
Die Migros an der Landstrasse
Die Gartenstadt vom Schartenfels aus gesehen
Der Hof des Klosters
Die Drehscheibe und das ehemalige Lokomotivdepot
Das Pfyfferhuus kurz vor dem Abbruch
Das markante Haus zum Hobel an der Landstrasse
An dieser Stelle stand das Pfyfferhuus

Typische Wohnhäuser an der Zentralstrasse

Alex Spichale

Vorstösse für das Ortsbild

Ihre Anliegen hat Reinert in mehreren Vorstössen im Gemeindeparlament vorgebracht. Die Motion «5430 statt 0815» verlangt vom Gemeinderat, dass ergänzend zum Kurzinventar der Kulturgüter die Bausubstanz des 20. Jahrhunderts untersucht wird. Das 1998 vom Kanton erstellte Kurzinventar enthält Gebäude, die in einer Zeit vor zirka 1905 erstellt wurden.

Mit der Motion «Ortsbild – jetzt schützen und pflegen» fordert Reinert den Gemeinderat auf, künftig bei Baugesuchen vermehrt die Ortsbildkommission zuzuziehen. Sie denkt dabei an Vorhaben, die massive Änderungen für das Ortsbild erwarten lassen.

Mit der Interpellation «Ortsbild jetzt schützen und pflegen» bittet sie den Gemeinderat, über seine Schritte zur Umsetzung der bisherigen Vorstösse zu orientieren. Dies wird der Gemeinderat an der kommenden Einwohnerratssitzung machen.

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