Es braucht nur einen Schritt durch die Türe des Hauses an der Kronengasse 13 und der Besucher taucht in eine andere Welt ein. «Stiller Garten» nennt Katja Stoll ihre Massagepraxis, die sie hier seit zehn Jahren führt. Tatsächlich dringt kaum ein Laut durch die dicken, mehrhundertjährigen Mauern.

Das Licht ist sanft gedimmt. Kerzen flackern auf den Tischen. An den Wänden hängen Kunstfotografien von menschlichen Füssen und Bäumen. Das Bild von einer Frau, die hoch oben von einer Klippe ins Wasser springt, sticht ins Auge. Dieser Akt der Befreiung hat eine grosse symbolische Bedeutung für die Praxisinhaberin. Denn Stoll hat sich ihren Platz im Leben mit viel Mut und eiserner Disziplin erkämpft.

Um 5 Uhr steht sie im Stall

Neben ihrer therapeutischen Arbeit führt Katja Stoll mit ihrer langjährigen Lebensgefährtin Sabine einen Stall in Müslen (AG) und betreut dort fünf Pferde und gegen 20 wilde Katzen, die dank ihrer Unterstützung und in enger Zusammenarbeit mit dem Aargauer Tierschutz kastriert und aufgepäppelt wurden. «Ich stehe jeden Morgen um 4.30 Uhr auf, um die Tiere zu versorgen. Danach bereite ich mich in der Praxis für den Tag vor und empfange die ersten Klienten», sagt die aparte 46-Jährige mit den ausdrucksstarken blauen Augen.

Um die Pferde zu versorgen, steht Katja Stoll morgens um 4.30 Uhr auf.

Um die Pferde zu versorgen, steht Katja Stoll morgens um 4.30 Uhr auf.

Sie zeigt sich völlig ungeschminkt und sieht wesentlich jünger aus, als sie ist. In den Ausgang gehe sie nie, weil sie nach ihrem Tagespensum abends für nichts mehr zu gebrauchen sei. Auch Ferien lägen beim 365-Tage-Job nicht drin. Ihre längste Auslanderfahrung führt ins Jahr 1997 zurück, als sie mit einem Oneway-Ticket auf die Malediven flog und dort ein Jahr lang als Tauchinstruktorin arbeitete.

Stoll liebt die Rituale und geregelten Abläufe, die heute den Grossteil ihres Lebens bestimmen. Vielleicht, weil sie in ihrer Jugend bei ihren Eltern keinerlei Halt fand. «Unsere Kindheit war extrem schwierig», berichtet sie, will aber nicht näher auf ihre schicksalhafte Vergangenheit eingehen. Fakt ist: Der Kontakt zu Mutter und Vater ist komplett abgebrochen.

Nur mit Gunilla, ihrer jüngeren Schwester, besteht noch eine enge Beziehung. Sie ist Spezialistin im Sieden edler Seifen. Die beiden Frauen sind extrem naturverbunden. Katja Stoll hat im reich befrachteten Palmarès neben einer dreijährigen Fachausbildung an der Uni Zürich zur Ernährungsberaterin und verschiedenen Massagelehrgängen auch eine Heilkräuterausbildung. Ihre Massageöle produziert sie bis heute selber.

Ihren Körper bezeichnet Katja Stoll als ihr Arbeitsinstrument. «Er ist wie eine geölte Maschine, und ich muss ihn gut pflegen», meint die manchmal fast rehhaft wirkende Therapeutin. Doch der Schein trügt. Sie ist stark, muskulös und zäh.

Hang zur Spiritualität

Stolls Wohnsitz befindet sich inzwischen in Rütihof. Nach der morgendlichen Stallarbeit fährt sie mit dem Fahrrad in die Praxis. Egal ob es regnet, stürmt oder schneit. Acht Jahre leitete sie den Fitness- und Massagebereich im Novum Spa des Limmathofs Baden. Ihre Kraft gepaart mit einem ausgeprägten Feingefühl für Störungen und Disharmonien setzt sie täglich bei der Arbeit ein.

     

Menschen mit Burnout und Erschöpfungserscheinungen kommen genauso zu ihr, wie Schmerzgeplagte oder Entspannungssuchende, die sich eine Auszeit vom Alltag nehmen wollen. Neben klassischer Massage und Fussreflexzonen-Massage hat sie sich auf thailändische Druckmassage spezialisiert. Augenfällig sind ihre Tattoos, die den ganzen linken Arm bedecken und gemäss ihrer Aussage auch über den Rücken «mäandern». Elfen und Gnome, ein Pferdekopf und ein Wolf sind zu sehen.

«Wesen, die mich schon als Kind faszinierten», erzählt sie und offenbart neben ihrer klaren und pragmatischen Seite auch einen tiefen Hang zur Spiritualität. Seit sechs Jahren ist sie in einer Ausbildung für spirituelle Heilung und Selbstheilung bei Anouk Claes. Die bekannte Psychologin ist für ihre besondere Wahrnehmungsbegabung bekannt.

Für Stoll schliessen sich der eigene Hang zur Metaphysik, ihre Sensibilität sowie die gleichzeitige Bodenständigkeit nicht aus. Dank ihrer grossen Offenheit kann sie ihre Klienten exakt dort abholen, wo sie stehen. Und erkennt Signale, die ihr deren Körper gibt, sofort. In der wenigen Freizeit, die sie hat, betätigt sich Katja Stoll als leidenschaftliche Fanfiction-Schreiberin. «Wenn ich unter einem fiktiven Namen in eine andere Rolle schlüpfe, bekommt meine Fantasie Flügel», gibt sie sich geheimnisvoll, und ihre Augen beginnen verwegen zu funkeln.