«Die Zwei haben es gut miteinander», grinst Daniel Lütolf (45) und beobachtet das Wellensittich-Pärchen in der Zuchtbox Nr. 53. Der grün-gelb gefiederte Hahn füttert das Weibchen aufgeregt mit Körnern, plustert sich etwas auf. «Er hat Freude, sie findet es auch okay – das kommt gut», schmunzelt der frisch gekürte Wellensittich-Europameister zufrieden.

Da und dort füllt er frisches Wasser auf und kontrolliert die frisch gelegten Eier. «Nach drei, vier Tagen kannst du den Herzschlag eines Wellensittichs im Ei sehen», erklärt Lütolf. Dann hält er sich ein anderes, etwa anderthalb Zentimeter grosses Ei ans Ohr. «Nach achtzehn oder neunzehn Tagen hörst du die Sittiche durch das Ei hindurch piepsen.» Wichtig sind ihm Liebes-Verpaarungen: «Hahn und Henne müssen vom Charakter her zueinanderpassen. Dann gibt es mit grosser Wahrscheinlichkeit befruchtete Gelege.»

Eigentlich wäre grad Siesta angesagt für die Vögel. Immer zwischen 13.30 und 15.45 herrscht Ruhezeit mit gedimmtem Licht im Vogel-Zimmer. Für die «Schweiz am Sonntag» macht Lütolf eine Ausnahme und schaltet das Radio ein. «Meine Wellensittiche hören immer Kanal K», sagt er lachend. «Die gute Musik beflügelt das Liebesleben meiner Vögel.» Die Wellensittiche hüpfen fröhlich auf den Sitzstangen hin und her und picken Futter.

Am letzten Wochenende siegte sein zimtgraugrüner Jung-Hahn mit der Nummer 47-215-14 an der Europaschau der Wellensittiche in Karlsruhe. Pokale und Titel gewann Lütolf schon viele, doch Europasieger war er noch nie: «Das ist, wie wenn du als Fussballer in der Champions League gewinnst. Mein Wellensittich und ich sind total happy.»

Angefangen hat alles vor 34 Jahren. «Ich war 11 und ein Schulfreund besass ein Wellensittich-Pärchen, das mein Interesse weckte. Einige Monate später schenkten mir Verwandte ein Paar Hansi-Bubis – gegen den Willen meiner Eltern.» Die ersten Jungvögel schlüpften im Schuhkarton auf dem Fenstersims, später baute ihm sein Vater Franz (86) eine erste schöne Voliere im Garten. «Für diesen wichtigen Schritt bin ich meinem Vater sehr dankbar.» Die Faszination für Wellensittiche hat Lütolf seither nicht mehr losgelassen. Tausende Vögel sind bei ihm schon geschlüpft. Seine jahrelange Erfahrung hat ihm weltweit anerkannte Zuchterfolge beschert. In der Sittich-Szene ist der Würenloser heute ein Guru. Besonders berühmt sind seine Sittiche mit kräftigen Kopffedern und «Buffalo Look». «Gute Vögel sind weltweit begehrt», erklärt Lütolf. Immer wieder verschickt er Spitzen-Sittiche seiner Zucht in speziellen Boxen an Züchterkollegen weltweit – nach Brasilien, Singapur, Südafrika, Thailand, Taiwan oder in die USA.

Pro Tag wendet Lütolf drei bis vier Stunden für seine gefiederten Lieblinge auf. Den richtigen Futtermix stellt Wellensittich-Champion Daniel Lütolf selbst her: «Meine Sittiche füttere ich nur mit einheimischem Bio-Saisongemüse aus Würenlos: Äpfel, Chnobli, Zucchetti, Zwiebeln, Eier – alles fein gehackt.»

Rezessive Schecken, Texas Clearbodies, Zimter oder Spangles – für Laien scheint die Welt der Wellensittiche ein Buch mit sieben Siegeln. «Kleintierzüchter sind meist schon etwas älter und konservativ», lächelt Daniel Lütolf und lässt durchblicken, dass er persönlich nicht ganz diesem Rollenklischee entspricht. Weniger begeistern für sein Hobby kann sich Frau Daniela: «Sie kann wenig mit den Sittichen anfangen – trotzdem hält sie mir den Rücken frei.» Grosse Freude an den Vögeln haben hingegen die Töchter Rubina (9) und Neve (4).

Wellensittiche sind so begehrt, dass sogar schon nachts bei Lütolf eingebrochen wurde. «Ein Dieb entwendete 2008 acht meiner absolut besten Vögel», berichtet Lütolf. «Aufgrund der Vorgehensweise gehe ich davon aus, dass der Täter mich und meine Lebensweise sehr gut kannte. Der Dieb kannte sich auf jeden Fall mit Wellensittichen aus.» Lütolf hat damals 10 000 Euro Belohnung ausgesetzt für Hinweise, die zur Täterschaft führen. Allerdings ohne Erfolg. Trotz polizeilicher Abklärungen in der Sittich-Szene tauchten die acht gestohlenen Top-Vögel nie mehr auf.

Lütolfs Sittiche hopsen aufgeregt durch die Käfige und Zuchtboxen. Am Nachmittag empfängt Daniel Lütolf, der noch zu 60 Prozent als Sekundarlehrer tätig ist, einen Wellensittichzüchter-Verein aus Norddeutschland.

Und vier hellgraue Hennen mit Texas Clearbody müssen für den Versand nach Kuwait vorbereitet werden. «Es gibt immer etwas zu tun mit den Vögeln.» Doch Lütolf würde es nie übers Herz bringen, alle seiner Lieblinge wegzugeben. «Die schönsten Vögel behalte ich für mich selbst.»