Vorsichtig setzt Dölf Keller einen Fuss vor den anderen, als er der Besucherin die Haustür zu seiner Wohnung in Wettingen öffnet. Seine Bewegungen wirken fahrig und unkontrolliert. Auch die Verständigung ist schwierig, obwohl sich der 51-Jährige beim Artikulieren viel Mühe gibt. Dölf Keller leidet seit Geburt unter einer cerebralen Schädigung. Der Ausgleich zwischen den verschiedenen Muskelgruppen funktioniert nicht richtig. Es kommt zu Verkrampfungen, sogenannten Spasmen.

«Aufs Alter werden die Beschwerden schlimmer», sagt er und setzt sich an seinen Esstisch. Dort liegt sein halbes Leben fein säuberlich in einen Ordner eingereiht. Lebenslauf, Arbeitszeugnisse, Fotos, Zeitungsausschnitte. Der gebürtige Appenzeller ist bestens organisiert und vielseitig interessiert. Als talentierter Maler nahm er schon an verschiedenen Ausstellungen in der Region teil. «Ich weiss, dass mich die Leute wegen meiner Behinderung im ersten Moment oft für blöd halten», sagt er trocken. Lange schmerzten ihn die schiefen Blicke. Besonders schlimm war es in der Pubertät. Während andere Jungs ihre ersten Flirts hatten, ging er leer aus.

Konzept für das Open Air steht

Dölf Keller zieht einen Zeitungsausschnitt von 1963 hervor. Er zeigt die Hochzeit seiner Mutter Rosemarie mit Vater Adolf Keller, der damals Vizeammann in Wettingen war. Dann rückt er stolz mit seinem 1990 gestalteten Kunstkalender heraus. Auch der eigentliche Grund des Treffens ist schon mit allen nötigen Angaben auf Papier festgehalten. Am 15. August 2015 möchte Keller zusammen mit den Wettingern Michael Merkli, Gregor Briner, David Kost und der Neuenhofer Frau Gemeindeammann Susanne Voser (stellvertretend für den Rotaryclub Wettingen-Heitersberg) das Openairfestival «Rock For Handicapped People» aus der Taufe heben. «Wir wollen mit behinderten und nicht behinderten Musikern auf dem Zentrumsplatz Wettingen ein Konzert veranstalten», erklärt er. Als Stargast des Events könne man sich Adrian Stern oder Anna Rossellini vorstellen. Konzept und Budget stehen. Nun werden noch weitere Mitglieder für das OK und Sponsoren gesucht.

Die Idee für das Festival kam Dölf Keller vor Jahren, als er einen Zeitungsartikel mit dem Titel «Toter Zentrumsplatz Wettingen» las. Erste Anläufe scheiterten. Jetzt hofft man, mit dem neuen Team zu reüssieren. Keller über das Ziel des Openairs: «Menschen mit und ohne Handicap werden sich eine Bühne teilen. Es soll ein Fest für die ganze Bevölkerung werden.»

Mehr Akzeptanz und Respekt

Die Arbeitssituation im Mathilde-Escher-Heim, wo Keller zuletzt auf dem Büro arbeitete, gestaltete sich als so schwierig, dass er wegging. Einen neuen Job hat er nicht mehr gefunden – das sei in seinem Alter und mit Behinderung ein Ding der Unmöglichkeit. Was ersehnt er sich noch in seinem Leben? «Ich würde gerne meine Biografie schreiben und weitere Ausstellungen machen», sagt Dölf Kelle. «Zudem wünsche ich mir mehr Akzeptanz für Behinderte. Leute, die mich kennen, respektieren mich. Aber Fremde nehmen mich oft nicht ernst. Das tut weh.»

Wer Interesse hat, im OK von «Rock for Handicapped People» mitzuwirken, meldet sich bei doelfkeller@hotmail.com