Baden
Metzger Müller: Einer mit grosser Liebe zur kleinen Stadt

Kurt Müller wird 80 Jahre alt. Der Metzger, Zünfter und ehemalige Politiker plaudert aus dem Nähkästchen vergangener Zeiten, als Baden alleine in der Altstadt noch zehn Metzgereien hatte.

Rosmarie Mehlin
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Heute mit 80 nimmt es Kurt Müller bedeutend ruhiger.

Heute mit 80 nimmt es Kurt Müller bedeutend ruhiger.

Sandra Ardizzone

In der Unteren Halde 15, dort wo sich vor ein paar Jahren «Frau Meise» mit ihren köstlichen Dingen zum Trinken, Naschen und Kaufen eingenistet hat, ist Kurt Müller aufgewachsen.

«Unsere Eltern, meine zwei jüngeren Schwestern und ich lebten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, aber die Halde war ein Paradies für uns Kinder.» Ursprünglich hatte die Familie Müller ihrem Namen alle Ehre gemacht: «Meine Vorfahren hatten ganz zuhinterst in der Kronengasse eine Mühle betrieben. Am Fusse der langen Treppe, die vom Torbogen an der Rathausgasse herunterführt, wurde das Mühlenrad vom Stadtbach angetrieben. Der Schopf mit dem Rad drin ist noch da und steht heute unter Denkmalschutz.»

Die Müllers werden Metzger

Kurt Müllers Grossvater Jean war Metzger geworden und hatte 1909 das Haus und Geschäft an der Weiten Gasse 12 gekauft. «Das war ideal, stand doch genau gegenüber der Schlachthof, wo jeder Metzger seine Tiere selber schlachtete.» Noch heute erinnert die von der Weiten Gasse zum Cordulaplatz führende Metzgergasse an jene Zeit.

1933 wurde an der Schwimmbadstrasse in Wettingen ein neuer Schlachthof gebaut. Zur Finanzierung des Betriebs mussten die Metzger, die ihre Tiere bei Viehhändlern oder beim Bauern, pro Kilo Fleisch zehn Rappen entrichten.

«Damit die Metzger diese Abgaben nicht umgingen und auswärts schlachteten, mussten Einfuhrgebühren entrichtet werden.» 1988 wurde der neue Schlachthof aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, was heftige Kontroversen und unzählige Leserbriefe im «Badener Tagblatt» auslöste.

1946 hatte Kurt Müllers Vater Jean die Metzg übernommen und erneut fiel der Apfel nicht weit vom Stamm: Auch Kurt erlernte das Metzgerhandwerk. Er tat dies in Winterthur, «ganz einfach, weil Winterthur damals einen guten Fussballclub hatte und ich bei den Junioren mittschutten konnte.»

Kraft und Ausdauer holte sich der Lehrling auf dem Velo. «Nebst freier Kost und Logis beim Lehrmeister bekam ich 30 Franken Monatslohn. Das hat oft nicht für ein Bahnbillet gereicht. Und so bin ich halt, wenn sich ein Haufen dreckiger Wäsche angesammelt hatte, nach Baden pedalt.» Gut zwei Stunden habe er jeweils gebraucht.

Die Wanderjahre

Nach der Lehre zog Müller durch die Lande, arbeitete unter anderem in Lenzerheide, Montreux und zwischendurch auch immer mal wieder in der elterlichen Metzg. «Wenn ich mal ‹Lämpe› mit dem Vater hatte, bin ich zwischendurch wieder ausgezogen.» 1967, nach dem Tod des Vaters, übernahm Kurt das Geschäft.

Vier Jahre zuvor hatte er seine Alice Hof geheiratet – auch sie eine Urbadenerin, aufgewachsen an der Mellingerstrasse. Der Vater war Bademeister, die Mutter arbeitete bei der Lahco, die in jener Zeit weltbekannt war für Bademode.

Tempi passati. Umso spannender und unterhaltsamer ist es, den Ortsbürger Kurt Müller über vergangene Zeiten berichten zu hören. Darüber, dass es in den 50-er und 60-er Jahren in Badens Altstadt noch drei Velohändler, zwei Schlossereien, zwölf Bäckereien, vier Konditoreien, sieben Kolonialwarengeschäfte, fünf Molkereien gab.

Dass man in den beiden Drogerien der Gebrüder Robert und Josef Kaufmann unter anderem Reis, Mehl, Zucker – «im Offenverkauf aus Schubladen» – Stumpen und Waschpulver kaufen konnte. «Im Konsum und beim Milchmann kaufte man noch mit dem Büechli ein.»

Zehn Metzger in der Altstadt

Auch noch zehn Metzgereien gab es damals allein in der Altstadt. Und am Cordulaplatz eine separate Kuttlerei. «Kutteln putzen ist sehr aufwändig.» In Basel gibt es ja noch heute «Kuttleputzer» – eine Fasnachtsclique. Wegen Fleischmangels blieben die Metzgereien während des Krieges jeweils montags und freitags geschlossen.

Am Mittwochmorgen durften nur Blut- und Leberwürste verkauft werden, erinnert sich Müller. «Die bekam die Kundschaft, wie auch Innereien, für die Hälfte der Lebensmittelmarken. Ebenso auch in der Rossmetzg Giedemann an der Wettingerstrasse ennet der Holzbrücke, der einzigen Rossmetzg weit und breit. Die Bäckereien durften damals nur Brot verkaufen, das 24 Stunden alt war – damit die Leute nicht zu viel davon assen.»

Das Ladensterben

Seit Kurt Müller nach dem Tod seines Vaters Jean die Metzgerei 1967 übernahm, sind die meisten der alten Geschäfte und Gewerbe aus der Weiten Gasse verschwunden. Mit grossen Bedenken hätten die Badener Gewerbler 1970 der Eröffnung des Shoppingcenters Spreitenbach als erstes Einkaufcenter der Schweiz entgegengeblickt.

«Die Folgen für uns waren aber viel weniger gravierend, als befürchtet.» Der Mangel an Nachkommen sei einschneidender gewesen für das Lädelisterben. Auch hätten sich die Politiker früher mehr fürs Gewerbe eingesetzt als heute: «Max Müller, der von 1946 bis 1973 Stadtammann war, hat beispielsweise dafür gesorgt, dass wir örtlichen Metzger das Spital und die städtischen Heime abwechselnd im Zweimonatsturnus beliefern konnten.»

«Ich war halt sehr bekannt»

1978 wurde Kurt Müller als Vertreter der FDP in den Badener Einwohnerrat gewählt. «Es hat zwar erst im zweiten Anlauf geklappt, dann aber mit dem zweitbesten Resultat nach CVP-Mann Egon Schneider», hält er verschmitzt fest.

Drei Legislaturen blieb er mit glänzenden Wahlresultaten in der Legislative. «Ich hab zwar nicht viel bewirkt in der Politik, aber ich war halt sehr bekannt», bekennt er schmunzelnd. Wenn er etwa mit dem damaligen Stadtammann Victor Rickenbach nach einer Sitzung durch das nächtliche Baden gegangen sei, hätten die Leute «guet Nacht Herr Müller» gewünscht, worauf Rickenbach seufzend gemeint habe «Metzger müsste man sein».

Müller bemängelt, dass die wenigsten Badener Gewerbler heute noch in der Stadt wohnen und sich hier weder politisch noch in Vereinen engagieren würden. Er und Alice hatten ihre Wohnung über dem Geschäft, bis sie dieses 1998 an Sohn Thomas übergaben. Nun wohnen sie sehr ruhig auf der Allmend. Etwas wehmütig denkt Kurt zurück. «Es war schön, so z’mittst i dr Mitti. Ich hab Baden, besonders die Altstadt, halt einfach gern.»

Ach, die Badenfahrten!

Er war aktiv im Stadtturnverein, ist nach wie vor Mitglied der Zunft zu St. Cordula und hilft kräftig mit im zunfteigenen, anderthalb Hektaren grossen Rebberg am Schlossberg, wo sich das Resultat in Form von 1500 Flaschen Rotwein – MerlotxCabernet Dorsa – sehr gut sehen, vor allem aber geniessen lassen kann.

Glücklich ist er darüber, dass dank den Bemühungen der Cordulazunft in Baden weiterhin regelmässig Märkte durchgeführt würden. Und mit Stolz erinnert er sich an das Franzosenhaus, das die Zünfter für die Badenfahrt 1982 als Kulisse am historischen Ort – am südlichen Ende der Weiten Gasse – errichtet hatten. Ach ja, die Badenfahrten! «Für uns in der Metzg jeweils eine unglaublich strenge Zeit mit 24-Stunden-Tagen – aber schön ist es trotzdem.»

Jetzt nimmt es Kurt Müller bedeutend ruhiger. Am heutigen Tag allerdings dürfte ihm das schwerfallen. Denn da werden die Gratulanten zu seinem 80. Geburtstag bestimmt Schlange stehen. Ansonsten spielt er gerne Golf (gemässigt) und Schieber-Jass (leidenschaftlich) in der «Täfern» Dättwil.

Apropos: Mit Beizen, strahlt Müller, sei er in Baden damals sehr gut bedient gewesen. «Im Umkreis von 200 Metern zum Geschäft gab es die «Rose», die «Schönegg» (heute Fastfood Subway) den «Roten Bären», das «Paradies» und das «Brunnenstübli» – die heutige Bodega.» Und mitten drin – ein Pièce de Résistance in der kleinen Stadt – seit 104 Jahren die Metzgerei Müller.