Es ist still im Innenhof unter der grossen Buche. Man vermutet kaum, dass hier vor kurzem noch gut hundert Menschen lebten. Die Siedlung an der Zürcherstrasse 12 bis 22 wird gerade saniert. Zwei von fünf Häusern stehen schon komplett leer und sind im Umbau. In den anderen drei wohnen noch vereinzelt Leute. Als die Sanierungspläne im Frühling bekannt wurden, waren die Bewohnerinnen und Bewohner überrumpelt (die «Schweiz am Wochenende» berichtete). Mittlerweile sind viele ausgezogen, manche wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Die fünf Blöcke wurden 1939 von der Wohnbaugenossenschaft «Frohes Heim» erstellt. Heute gehören sie der Egro Pensionskasse. Letztmals saniert wurde die Fassade vor 20 Jahren, die Mieten waren für Badener Verhältnisse in den letzten Jahren besonders günstig. Nach der Sanierung steigen sie nun markant an. Hier wohnten viele, die nicht sehr wohlhabend sind. Klar ist: Es gibt kaum eine Chance, in Baden wieder etwas ähnlich Günstiges zu finden. Eine Dreizimmerwohnung mit Balkon kostet hier 1000 bis 1330 Franken. Die Mieten sollen bis zu einem Drittel erhöht werden. Die kurze Kündigungsfrist von drei Monaten, welche die Mieterschaft der ersten drei Häuser im März erhielt, löste bei vielen Ängste aus.

Schlaflose Nächte

Mittlerweile gab es für manche Wohnungen eine Fristerstreckung bis Ende Januar. Eine ältere Dame sagt beim Kaffee in ihrem Esszimmer, es gehe ihr nicht gut. Sie wohnt schon seit 20 Jahren an der Zürcherstrasse und fühle sich hier sehr wohl: «Es stimmt alles, wir haben es gut mit den Nachbarn.» Jetzt liege sie nachts oft wach und mache sich Sorgen.

Sie würde gerne nach der Sanierung wieder einziehen, aber nur in ihre eigene Wohnung. Das sei ihr zwar von der Verwaltung angeboten worden. Eine schriftliche Zusicherung hat sie bis heute aber nicht bekommen. Was geschieht, wenn sie nicht ihre Wohnung zurückkann, will sie sich nicht vorstellen: «Ich möchte nicht heimatlos werden.» Und: Es sei halt schon ein bisschen eine Sauerei, dass man nichts höre von der Verwaltung. Streiten wolle sie aber nicht, das liege nicht in ihrer Natur.

Eine andere Mieterin ist auf Wohnungssuche: «Ich kann es mir nicht leisten, 500 Franken mehr Miete zu bezahlen.» Der einzige wirkliche Mehrwert nach der Sanierung sei eine Spülmaschine. Warum dafür so viel mehr Mietzins verlangt wird, versteht sie nicht. Manche der Nachbarn vermuten, dass die Zürcherstrasse nach der Fertigstellung des Schulhausplatzes «vergoldet» werden soll. Tatsächlich werden zurzeit zahlreiche Häuser an der vorderen Zürcherstrasse teuer renoviert oder umgebaut. Im Nachbarhaus wussten die Mieter immerhin ein Jahr im Voraus Bescheid, dass ihnen gekündigt werde.

Bruno Augstburger, Stiftungsratspräsident der Egro Pensionskasse, der die Siedlung gehört, sagt dazu: «Es befremdet mich, dass es immer noch Unsicherheiten bei den Bewohnern gibt.» Das Vorgehen im Frühjahr sei nicht glücklich gewesen. Es habe aber unterdessen zahlreiche Termine bei der Schlichtungsbehörde gegeben, bei denen man sich mit allen auf eine gute Lösung geeinigt habe.

«Ein Problem der Stadt Baden»

«Wir haben auch viel gelernt daraus», sagt Augstburger. Eines der Häuser soll nun erst im nächsten Sommer saniert werden. Dort könnten diejenigen Mieter, die in ihren eigenen Wohnungen bleiben möchten, vorübergehend einziehen. Die Egro Pensionskasse übernimmt für diese Mieter die Umzugs- und Reinigungskosten. Es sei klar, dass hier Leute mit kleinem Budget wohnen. «Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Sozialwohnungen anzubieten», sagt Augstburger. «Wir sind kein Sozialwerk. Es ist das Problem der Stadt Baden, dass es zu wenig sozialen Wohnraum gibt.» Man wolle an der Zürcherstrasse alles andere als ein Renditeobjekt oder eine Gewinnmaximierung. Die Pensionskasse habe Verpflichtungen gegenüber ihren Versicherten und müsse sorgfältig mit ihren Finanzen umgehen. Jetzt würden mehrere Millionen investiert in die Siedlung, deswegen sei eine Mieterhöhung unumgänglich. Aber die neuen Mieten seien immer noch verhältnismässig günstig an dieser zentralen Lage.

Vizestadtammann und Bauvorsteher Markus Schneider lässt den Vorwurf nicht gelten, die Stadt allein sei für den sozialen Wohnungsbau zuständig. «Die Stadt investiert viel Geld in ihre Wohnbaustiftung und hat laufende Projekte, etwa im Brisgi.» Es sei richtig, dass Private keinen sozialen Wohnungsbau betreiben müssen. Aber es sei auch einfach, die Mieten zu erhöhen und dann die Verantwortung auf die Stadt abzuwälzen.