Baden
Mieter-Drama im Stadtzentrum: Bewohnern eines ganzen Blocks gekündigt

Bewohner an der Zürcherstrasse 12-22 in Baden müssen wegen Sanierung ausziehen. Es betrifft 44 Parteien. Die Betroffenen sind teils konsterniert.

Roman Huber
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Blick in die Wohnsiedlung an der Zürcherstrasse Die Idylle trügt, 44 Mietern droht die Kündigung

Blick in die Wohnsiedlung an der Zürcherstrasse Die Idylle trügt, 44 Mietern droht die Kündigung

Alex Spichale

Die friedliche Stimmung im Innenhof der fünf Mehrfamilienhäuser Zürcherstrasse 12 bis 22 täuscht: Die Bewohner sind aufgewühlt, denn im ersten Haus ist die Kündigung per Ende Juni eingetroffen: «Sanierung der Überbauung Zürcherstrasse 12-22». Inzwischen wissen alle, dass sie mit der Kündigung rechnen müssen. Rund 30 der 44 Parteien haben sich kürzlich, ausgetauscht und gefragt «wie weiter?».

Einige wohnen seit wenigen Jahren hier, andere seit Jahrzehnten: junge Leute, Pensionierte, Schweizer und Ausländer, solche, die sich nur eine sehr günstige Wohnung leisten können. Hauptproblem ist die kurze Frist von drei Monaten: «Ich finde keine nur annähernd so günstige Wohnung, die ich per Ende Juni beziehen kann», sagt eine Frau. Niemand der Befragten möchte mit Namen in der Zeitung stehen.

Drei Monate ist zu kurzfristig

Die Überbauung gehört der Egro Pensionskasse und wird von der Privera AG verwaltet. Im Zentrum Badens ist sie eine der günstigsten. Wer hier raus muss und finanziell eingeschränkt ist, hat keine Chance, in Baden etwas so Günstiges zu finden.

Das belastet die Bewohner. Zwar hat man ihnen angeboten, dass sie wieder hier einziehen dürfen. Die Dreizimmerwohnung einer Frau kostet dann statt 1100 Franken 1600 – 45 Prozent mehr, bei tieferen Hypozinsen.

Gebaut wurde die Siedlung 1939 von einer Genossenschaft «Frohes Heim», die auch an der Morgartenstrasse in Zürich gebaut hatte. Heute steht sie unter kommunalem Schutz. Sie ging später an die Vorsorgestiftung der Badener Merker AG über, zwei einstige Mitarbeiter wohnen immer noch hier. «Jä nu», sagt einer der Beiden achselzuckend, er harre der Dinge, die da kommen würden, denn er müsse sich fürs Erste keine Sorgen machen, weil die Tochter sich um ihn kümmere. Eine 80-jährige Italienerin zeigt mit Stolz ihre Wohnung, die sich – allerdings im Gegensatz zu manch andern – in bestem Zustand präsentiert.

Seit der Kündigung könne sie kaum mehr schlafen, klagt sie: «Mir wurde eine Wohnung in Fislisbach angeboten», doch in Baden sei ihr Arzt, hier gehe sie zur Therapie. Traurig deutet sie auf ihre klassische Möbelstücke hin: «Einen grossen Teil muss ich weggeben, denn eine Dreizimmerwohnung werde ich mir nie mehr leisten können.»

Konsterniert, obschon sie die Kündigung noch nicht erhalten habe, zeigt sich auch eine Frau mittleren Alters. Seit längerem arbeitslos, doch bald mit einer neuen Teilzeitstelle, aber sehr bescheidenem Lohn, wisse sie nicht, wie es weitergehe, auch weil ihr Ehemann als selbstständig Erwerbender gesundheitlich angeschlagen sei. Viele Mieter fühlen sich hilflos und alleine gelassen.Einige haben davon gesprochen, bei der Schlichtungsstelle vorzusprechen.

Unlängst ist es an der Zürcherstrasse gleich gelaufen. Eine Mieterin: «Es ist eine Frage des Anstands, die Mieterschaft über eine bevorstehende Kündigung zu informieren.» In der Region gibt es ähnliche Beispiele. Zwischen 2012 und 2014 wurden in der Webermühle in Neuenhof für 50 Millionen Franken 386 Wohnungen saniert. Die Bewohner mussten ihre Wohnungen nicht verlassen, jedoch massive Beeinträchtigungen auf sich nehmen.

Der Stadtrat hat vom «Fall Zürcherstrasse» keine Kenntnis, teilt Stadtammann Geri Müller auf Anfrage mit. «Er ist sich bewusst, dass Renovationen und Um- oder Anbauten zur Erhöhung von Mietzinsen führen können. «Doch ist es im Rahmen der Stadtentwicklung und der Wohnbaustrategie wichtig, dass sich Gebäude erneuern und erweitern lassen, auch um eine qualitativ gute Verdichtung zu erreichen.»

Alle Mieter raus: Wohnblöcke an der Zürcherstrasse 12 Wohnblöcke an der Zürcherstrasse 12 bekommen eine Pinselstrich-Sanierung, Baden, 31. März 2017.

Alle Mieter raus: Wohnblöcke an der Zürcherstrasse 12 Wohnblöcke an der Zürcherstrasse 12 bekommen eine Pinselstrich-Sanierung, Baden, 31. März 2017.

Alex Spichale

Eine Vorahnung bekamen die Bewohner zwar im vergangenen Herbst. Eine Delegation mit Architekt, Verwalter und Stiftungsrat der Pensionskasse begutachtete jede Wohnung. «Ich fragte, was das bedeute. Doch der Architekt durfte keine Auskunft geben», erzählt eine Frau. Jetzt sei ihr alles klar.

«Grosse Teile der Infrastruktur dieser Liegenschaften wie Küchen, Bad und Elektroleitungen stammen aus den 50er Jahren», erklärt Bruno Augstburger von der Egro Industrial AG, Präsident des Stiftungsrates der Egro Pensionskasse. Entsprechend habe man die Mieten an dieser zentralen Lage auf einem sehr tiefen Niveau gehalten.

Nun aber sei eine umfassende Sanierung unumgänglich, da vieles nicht mehr den heutigen Anforderungen entspreche. Weil während solcher Arbeiten die Wohnungen geräumt werden müssen, hätte man keine Alternative gehabt als die Mietverträge aufzuheben. «Doch wir unternehmen alles, dass die Konsequenzen für keinen Mieter dramatisch werden», fügt er an. Alle bisherigen Mieter hätten ein Vormietrecht, wenn im Frühjahr 2018 die Siedlung wieder bezugsbereit sei. Die neuen Mietzinse lägen bei den meisten Wohnungen zwischen 20 und 30 Prozent höher, um die Investitionen zu finanzieren.

«Bei Härtefällen ist weitere Unterstützung denkbar», sagt Augstburger. Der Stiftungsrat sei sich der sozialen Verantwortung bewusst, sagt Augstburger. Weil noch ehemalige Mitarbeiter zu den Mietern gehören, stehe die Stiftung moralisch in der Pflicht.

Unterstützung bei der Wohnungssuche

Dass jetzt alles von der Pensionskasse schöngeredet werde, sieht er nicht so: «Es war uns von Anfang an ein Anliegen, dass dieses Verfahren professionell abgewickelt wird und die Mieter unterstützt werden.» Die Privera habe unmittelbar nach Zustellung der Kündigung begonnen, die Mieter persönlich zu kontaktieren und ihnen Hilfe bei der Wohnungssuche zugesichert. Das sei bei zwei Dritteln der Mieter erfolgt.

Auf das Vorgehen angesprochen, teilt die Privera AG mit: «Die Sanierung erfolgt in Etappen, weshalb nicht 44 Parteien in drei Monaten betroffen sind. Die Privera AG unterstützt die Mieter bei der Wohnungssuche. So werden ihnen allfällige frei werdende Wohnung im Raum Baden angeboten. Ebenso können sie nach Abschluss der Arbeiten in die renovierte Siedlung zurückkehren. Auch hier versuchen wir, eine Zwischenlösung zu finden», heisst es.
Fast wie ein Hohn mutet der Satz an im Kündigungsschreiben, falls jemand vorzeitig ausziehen möchte: «Die Verpflichtung, einen Nachmieter zu suchen, entfällt . . .»