Würde er Stefan heissen und nicht Yasin und wäre er in der Schweiz und nicht in Afghanistan aufgewachsen, so hätte der 26-jährige Yasin Sarwari jetzt sicher schon eine Ausbildung abgeschlossen. So aber hat Sarwari erst letzten Sommer bei der Metzgerei Müller in Baden eine Metzger-Lehre begonnen.

Das Gespräch mit ihm findet bei seiner «Gastfamilie» in Freienwil statt. Hier lebt er seit einem halben Jahr; ist für die Familie quasi zum dritten Sohn geworden – doch dazu später mehr.

Aufgewachsen in der Nähe von Ghasni – rund zwei Stunden Autofahrt von Afghanistans Hauptstadt Kabul entfernt – erlebte Sarwari zusammen mit seinen acht Geschwistern alles andere als eine unbeschwerte Kindheit. «Wir konnten die Schule nur sehr selten und unregelmässig besuchen und mussten stattdessen schon früh auf dem Hof mit anpacken», sagt Sarwari in sehr gutem Hochdeutsch.

Zudem sei die politische Lage immer prekärer geworden. «Wir haben sehr unter den Taliban gelitten. Dies nicht zuletzt deshalb, weil wir uns weigerten, uns am Dschihad – also am Heiligen Krieg – zu beteiligen.»

Im Alter von 16 Jahren hat er sich entschieden, Afghanistan in Richtung Iran zu verlassen. «Viele Afghanen haben damals in Iran gearbeitet; auch mein Bruder. Gut zwei Jahre habe er auf verschiedenen Baustellen gearbeitet. Dann aber gab es Probleme mit den iranischen Behörden und Sarwari musste nach Afghanistan zurückkehren. «Dort war die Situation noch schlimmer als vor meiner Abreise. Mir wurde klar: Hier habe ich keine Zukunft.» Also kehrte er wieder in den Iran zurück, «um so viel Geld wie nur möglich für eine Flucht nach Europa zu verdienen».

26 Stunden unter Lkw versteckt

Rund 2500 Euro hat ihn die Flucht schliesslich gekostet. Die Flucht führte ihn von der Türkei über Griechenland nach Italien. Was Sarwari auf dieser Flucht erleiden musste, kann man nur erahnen.

Ganz auf sich alleine gestellt und mit der ständigen Angst, erwischt zu werden, wagte er die Reise in die ihm völlig unbekannte Welt. Für die Überfahrt von Griechenland nach Italien versteckte er sich während 26 Stunden unter einem Lkw. «Ich durfte mich nicht bewegen, konnte nichts trinken und essen, sondern lag einfach einen Tag ganz ruhig unter dem Lkw», erinnert sich Sarwari.

Um zirka drei Uhr morgens habe der Lkw dann in Italien auf einem Rastplatz angehalten. «Ich habe gewartet, bis die Chauffeure eingeschlafen waren, und bin dann davongerannt.» Er habe keine Ahnung gehabt, wo er sei und wohin er gehen sollte.

Nach einem sechsstündigen Fussmarsch habe er schliesslich eine Kleinstadt erreicht. Dank seines Handys, das er wie einen Schatz bei sich trug, konnte er schliesslich seinen Cousin in Rom kontaktieren, der ihm riet, in die Schweiz zu flüchten. Über Chiasso gelangte er schliesslich im Mai 2016 nach Basel. «Ich wusste überhaupt nicht, an wen ich mich wenden sollte. Schliesslich fragte ich zwei Polizisten um Rat, die mir dann die Adresse der Asylunterkunft gaben.»

Diese fand er denn auch. Gleichzeitig war dies auch der Beginn einer kleineren Asylunterkunft-Odyssee. Nach rund drei Wochen in Basel kam Sarwari in den Kanton Zug. «Mein Gott, wo bin ich hier», habe er damals gedacht, da sich die Unterkunft abgelegen auf einem Berg befand. Zum Glück habe er ab und zu in die «schöne Stadt Zug» fahren können. Nächste Stationen waren die Grossunterkunft in Buchs (AG) und die unterirdische Unterkunft beim Kantonsspital Baden. Es war auch die Zeit, in der Sarwari intensiv Deutsch zu lernen begann. «Den Tag durch besuchte ich Deutschkurse im St. Anton in Wettingen; am Abend zusätzliche Kurse in Regensdorf, «die ich von meinem eigenen Sackgeld finanzierte, indem ich weniger ass. Es war mir sehr wichtig, die Sprache schnell zu lernen.»

Nach der Unterkunft im KSB folgte der Umzug in die Baracke beim Kurtheater und später ins ehemalige Restaurant Metropol in Wettingen. Die stadtnahen Unterkünfte erlaubten es Sarwari, sich immer besser zu integrieren und Kontakte zu knüpfen. Ganz besonders in Erinnerung bleibt ihm dabei die Badenfahrt 2017, wo er sowohl beim «Nour» und auch bei der «Integrierbar» mitgeholfen hat. «Das war eine unglaublich schöne, aber auch sehr strenge Erfahrung», sagt Sarwari lachend.

Schweinefleisch kein Problem?

Als «schön» bezeichnet Sarwari auch die Schweiz. Nein, einen Kulturschock habe er nicht gehabt, «denn ich wusste ja aufgrund von Filmen schon vom Leben in Europa». Die Schweiz sei für ihn ein Paradies. «Eine solch grüne Natur gibt es in Afghanistan nicht.» Und die Menschen hier bezeichnet er als freundlich, nett und hilfsbereit. «Ich habe nie Fremdenfeindlichkeit ober Abneigung erfahren.»

Das liegt wohl nicht zuletzt an seiner höflichen und zurückhaltenden Art, wie auch die Freienwilerin Suzanne Rey bestätigt. Sie und ihr Mann haben Sarwari im September bei sich aufgenommen. «Ich habe Yasin letzten Sommer bei einem freiwilligen Arbeitseinsatz für Asylsuchende im Tessin kennen gelernt. Um mir die Lagerteilnehmer besser merken zu können, habe ich alllen eine typische Eigenschaft zugeschrieben.» Yasin sei für sie «der Höfliche» gewesen. Rey bezeichnet Sarwari als «dritten Sohn», sind doch die beiden richtigen Söhne schon ausgezogen. «Deshalb haben wir uns auch überlegt, wie wir den freigewordenen Platz nutzen können», so Rey. Irgendwann sei dann die Idee gereift, einen Asylsuchenden aufzunehmen. «Doch für uns war klar, dass es eine Person sein muss, die feste Tagesstrukturen hat», sagt Rey.

Und solche hat Sarwari, hat er doch im August letzten Jahres seine Metzgerlehre begonnen. «Ich bin Herrn Müller sehr dankbar, dass es mit der Lehre geklappt hat», so Sarwari, der einmal in der Woche auch die Berufsschule in Wohlen besucht. Er lerne viel und die Arbeit mache ihm grossen Spass. Dass er hierbei als Muslim auch mit Schweinefleisch arbeiten muss, sei kein Problem, da er nicht praktizierender Muslim sei. «Ich kann mir gut vorstellen, auch nach der Lehre als Metzger zu arbeiten. Wobei: Mein Traumberuf ist eigentlich Automechaniker», sagt Sarwari mit einem Lachen.

Lehrmeister Müller gibt das Lob umgehend zurück. «Schon der erste Eindruck war sehr gut. Ich war beeindruckt, wie gut Yasin in so kurzer Zeit Deutsch gelernt hat.» Und auch im Arbeitsalltag überzeuge der Flüchtling. Müller: «Er hat eine sehr gute Auffassungsaufgabe und viel Ehrgeiz. Könnte er noch besser Deutsch, dann könnte er ohne weiteres eine richtige statt nur eine Attest-Lehre machen.» Man sei im Metzgerei-Betrieb wie eine Familie: «Man kann sagen: Yasin ist nach kurzer Zeit Teil der Familie geworden», so Müller.

Schwierige Annäherung an Frauen

Apropos Familie: Sarwari fühlt sich bei der Familie Rey in Freienwil sehr wohl. «Hier kann ich endlich normal leben. In den Asylunterkünften sei das nicht möglich gewesen. «Die Asylsuchenden haben keine Beschäftigung, schlafen deshalb den ganzen Tag und trinken dann nicht selten in der Nacht.» Auch gebe es in diesen Unterkünften überhaupt keine Privatsphäre. Hier bei der Familie Rey könne er jetzt die Schweizer Kultur lernen. Suzanne Rey ergänzt lachend. «Yasin ist in vielem mehr Schweizer als viele andere. Er ist zum Beispiel sehr ordentlich und ehrgeizig in allem, was er tut.» Auch mache er sich oft im Haushalt nützlich und koche öfters. «Nicht zuletzt sind die Gespräche mit ihm für uns sehr bereichernd.»

Wenn Sarwari nicht Deutsch büffelt oder arbeitet, ist er ein ganz normaler 26-jähriger Mann, der auch gerne die Freizeit geniesst. Erst vor kurzem hat er in der 5.-Liga-Mannschaft des FC Baden das Training aufgenommen – der FC-Baden-Präsident, der ebenfalls ein Freienwiler ist, hat die Kontakte vermittelt. «Ich liebe Fussball und bin dankbar, dass ich bei dieser Mannschaft mitspielen darf», sagt Sarwari, der auf der Verteidiger-Position spielt. In den Ausgang gehe er hingegen selten, «dazu fehlt mir das Geld».

Noch ist Sarwari nicht als Flüchtling anerkannt, sondern vorerst nur «vorläufig aufgenommen». Eine Rückkehr nach Afghanistan schliesst er aus. «Ich habe zwar noch etwas Kontakt mit meiner Familie. Aber es gibt dort absolut keine Zukunft für mich.» Dabei denkt er nicht nur an sich, sondern an eine eigene Familie, die er eines Tages gerne gründen würde. Nur, das mit dem Kennenlernen von Frauen gestaltet sich nicht ganz einfach. «Ich bin vor kurzem mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen. Als ich ihr erzählt habe, dass ich ein Flüchtling aus Afghanistan bin, war das Gespräch schnell beendet.» Das Beispiel zeigt: Yasin Sarwari bringt alle Eigenschaften und Tugenden eines Bilderbuch-Schweizers (den es oft nur im Bilderbuch gibt) mit, aber als Flüchtling muss er gegen viele Vorurteile ankämpfen. Dass er diesen Kampf gewinnen kann, ist ihm nach all den bestandenen Prüfungen absolut zuzutrauen.