Ernteausfall
Missbildungen im Rebberg: Winzer beklagen enorme Verluste

Einige Winzer haben in Wettingen wegen Missbildungen einen massiven Ernteausfall im Rebberg zu beklagen – und müssen enorme Verluste hinnehmen. Als Ursache wird ein Pilzschutzmittel vermutet.

Sibylle Egloff
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So sehen die deformierten Beeren aus. seg

So sehen die deformierten Beeren aus. seg

Die Wettinger Winzer und Weinbauern hätten allen Grund zur Freude. Der 16. Räbhüsli-Sonntig vergangenes Wochenende war gut besucht und zeigte, dass Wettinger Wein sich grosser Beliebtheit erfreut. Das gute Wetter im Mai zur Blütezeit der Weinstöcke würde laut Meinrad Steimer, Kellermeister der Weinbaugenossenschaft Wettingen, ein erfolgreiches Weinjahr versprechen.

Trotz den guten Bedingungen und dem Anklang, den der Wettinger Wein findet, ist den Winzern nicht zum Lachen zu Mute. Ein genauer Blick auf die Rebstöcke im Wettinger Rebberg lässt erahnen, weshalb die Stimmung getrübt ist. Weinbauer Hubert Egloff zeigt auf die deformierten, braun gefärbten und trockenen Rebblätter und die ebenso braunen, verdorrten kleinen Beeren, die bei der geringsten Berührung abfallen.

Die Beeren wurden nicht befruchtet und verrieseln. Zahlreiche Gescheine haben nicht einmal geblüht. Im Normalfall würden die Beeren zu Weintrauben heranwachsen. Doch das Jahr 2015 scheint nicht der Regel zu entsprechen. «60 bis 70 Prozent meiner Reben sind von dieser Missbildung betroffen. Ich werde dieses Jahr trotz viel Mühe und Arbeit mit grossen Verlusten rechnen müssen», sagt Hubert Egloff. Nicht nur Egloff geht es so: «Zwei Drittel des Wettinger Weinbergs sind betroffen. Einige Winzer haben einen totalen Ernteausfall», bestätigt Meinrad Steimer.

Ursache für die Entwicklungsstörungen der Reben soll das Spritzmittel «Moon Privilege» des deutschen Pharma- und Chemiekonzerns Bayer sein, welches 2014 auf den Markt gekommen ist. Das Fungizid, welches gegen Pilzbefall eingesetzt wird, wurde von vielen Wettinger Winzern 2014 neu verwendet. Die Deformation der Reben kam nun erst vor ein paar Wochen zum Vorschein. Betroffen ist nicht nur der Rebberg in Wettingen. In der ganzen Schweiz klagen Weinbauern über dasselbe Phänomen.

«Die Schäden an Blüten und Beeren sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Mittel von Bayer zurückzuführen. Ich habe 15 betroffene Betriebe besucht und alle haben das Fungizid benutzt», sagt der kantonale Rebbaukommissär Peter Rey. Laut der «NZZ am Sonntag» sollen auch Schäden im Südtirol und Österreich aufgetreten sein. In Süddeutschen Betrieben wurde gemäss Rey ebenso dieselbe Erscheinung beobachtet.

Das Bundesamt für Landwirtschaft zeigt sich alarmiert: «Es wäre das erste Mal, dass ein von uns zugelassenes Mittel derartige Schäden verursacht», erklärt Olivier Felix, Leiter Fachbereich Nachhaltigkeit und Pflanzenschutz beim BWL gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Auch Rey hat in seinen 32 Amtsjahren als Rebbaukommissär noch nie so einen gravierenden Fall erlebt: «Nicht einmal die Kirschessigfliege hat einen derartigen Schaden angerichtet.» Die Schäden an den Blüten und Beeren seien sortenspezifisch. Stark betroffen seien laut Rey die Rebsorten Chardonnay und Sauvignon sowie die Rotweinsorte Malbec, die fast zu 100 Prozent ausfallen würden.

Bayer: «Unangenehme Situation»

Die Wettinger Winzer hoffen nun, dass der Chemieriese nach Abklärungen für die Verluste und zukünftigen Einbussen beim Weinverkauf aufkommt. «Heute Donnerstag trifft sich die Weinbranche in Aarau. Es wird bestimmt, wer die Schäden schätzt. Wir werden einen Jurist einsetzen, der abklärt, welche Schadenersatzforderungen man stellt. Sicher ist, dass immense Forderungen auf Bayer zukommen», sagt Rey.

Bayer zeigt sich sehr bemüht die Angelegenheit zu klären. «Wir verstehen, dass es für die Weinbauern eine sehr unangenehme Situation ist und sind deshalb mit Hochdruck dabei, herauszufinden, was die Ursache der atypischen Wachstumssymptome ist», sagt Manuel Bucher von Bayer (Schweiz) AG.

Der Konzern stehe in engem Kontakt mit Weinbauern, Pflanzenberatern und Lieferanten. Proben von betroffenen Rebstämmen würden gesammelt und von Experten in Bayer-Labors untersucht. Vermutungen der Wettinger Winzer, dass die Schäden auf eine Verunreinigung des Spritzmittels zurückzuführen seien, weist Bucher zurück.

«Überprüfungen haben ergeben, dass das Produkt definitiv keine Verunreinigung aufweist». Bis nicht sicher ist, weshalb die Missbildungen auftreten, rät Bayer (Schweiz) AG auf ihrer Homepage Kunden, vorerst auf «Moon Privilege» zu verzichten und auf andere Bayer-Fungizide auszuweichen.

Auch wenn die eindeutige Ursache des Problems noch nicht ermittelt werden konnte, steht trotzdem fest, was für fatale Folgen die Entwicklungsstörung der Reben für den Weinbau in Wettingen und in der ganzen Schweiz mit sich bringt. Der Ernteausfall und die Schäden an den Reben bedeuten hohe finanzielle Verluste, Existenzprobleme und eine bescheidene Weinproduktion.

Nicht sicher ist zudem, ob die Ausfälle einmalig, oder ob die betroffenen Pflanzen vollständig geschädigt sind und sich das Übel nächstes Jahr wiederholt. «Ich hoffe sehr, dass die Deformation im nächsten Jahr auswächst», sagt Meinrad Steimer. Für die Wettinger Winzer und für den Fortbestand der Wettinger Weinkultur wäre dieses Szenario mehr als wünschenswert.

Winzer wollen restliche Trauben dank Handarbeit retten

Wie stark sind die Weingüter in der Region von Ernteausfall betroffen? Viele Winzer wollen keine Auskunft geben, weil die Sachlage sehr kompliziert sei. Andreas Meier, Besitzer des Weinguts zum Sternen in Würenlingen, findet aber deutliche Worte. «Es gibt europaweit enorm grosse Schäden. Ohne finanziellen Schadenersatz wird es für einige Weinbauern existenziell kritisch.»
Der Verdacht, dass das Bayer-Spritzmittel Ursache für die Ernteausfälle sei, erhärte sich von Tag zu Tag.

«Eine Vielzahl unabhängiger Experten wird nun in jeden einzelnen Rebberg steigen und die Schäden abschätzen müssen», sagt Andreas Meier. Nicht alle Traubensorten seien gleich stark betroffen, erklärt der Weinbauingenieur, dessen Selection N°11 mit dem Titel «Aargauer Staatswein 2015» ausgezeichnet wurde. «Bei den betroffenen Pflanzen aber würden die Trauben abfallen oder zumindest nicht richtig wachsen. «Statt vier Kernen haben sie oft nur einen oder keine Kerne, die Beeren bleiben entsprechend klein. Statt wie üblich mit Maschinen entlauben wir die Traubenzone wieder von Hand. Wir versuchen durch vorsichtige Handarbeit, den Verlust weiterer Trauben zu verhindern», sagt Andreas Meier.

Schon jetzt stehe fest, dass es 2015 weniger Wein geben werde. «Wir werden Marktanteile verlieren. Diese Märkte im kommenden Jahr zurückzuerobern, wird eine grosse Herausforderung.» Immerhin: Andreas Meier ist überzeugt, dass sich die Pflanzen nächstes Jahr wieder erholt haben werden.

Vorsichtiger äussert sich Michael Wetzel, dem das Weingut Goldwand in Ennetbaden gehört – der «Goldwand Pinot Noir 2013» erhielt ebenfalls die Auszeichnung zum Aargauer Staatswein. «Es steht nicht mit voller Sicherheit fest, dass die Schäden wegen des Spritzmittels zustande gekommen sind.» Eine Vorverurteilung des Herstellers wäre deshalb fehl am Platz. Michael Wetzel erklärt weiter: «Für unser Weingut rechnen wir zum Glück nach wie vor mit einem guten Jahr. Nur zwei sensible Rebsorten sind stark betroffen.»
Allerdings herrsche die unangenehme Unsicherheit, ob die Pflanzen so stark beschädigt seien, dass auch im Herbst und im kommenden Jahr mit Ausfällen zu rechnen sei. (PKR)

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