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Mit 18 die Wende erlebt: «Der Mauerfall bedeutete Freiheit»

Claudia Kandalowski in ihrem Büro in Baden: «Heimat ist für mich nicht an einen Ort gebunden.»Mathias Marx

Claudia Kandalowski in ihrem Büro in Baden: «Heimat ist für mich nicht an einen Ort gebunden.»Mathias Marx

Claudia Kandalowski ist in Ostberlin aufgewachsen. In ihren Kindheits- und Jugendjahren in der DDR hat sie einiges erlebt. Vor fast drei Jahren führte sie die Liebe in die Schweiz.

Die Sonne scheint durch das Fenster und taucht das schlicht gehaltene Büro in ein warmes Licht. An den Wänden sind Mindmaps zu sehen, der Duft von gerösteten Kaffeebohnen liegt in der Luft. Am Tisch sitzt Claudia Kandalowski und erzählt in einem gepflegten Deutsch aus ihrem Leben. Ihre Augen leuchten, ihre positive Ausstrahlung und Lebensfreude sind ansteckend. Nichts lässt darauf schliessen, dass sie in ihren Kindheits- und Jugendjahren in der DDR einiges erlebt hat: erfreulich Prägendes, aber auch unangenehm Bewegendes.

1971 in Ostberlin geboren, wuchs Kandalowski im politischen System der DDR auf. Als sie 13 Jahre alt war, stellte die Mutter für sich und ihre Tochter einen Ausreiseantrag in den Westen. Dies hatte Folgen: Kandalowskis schulische und sportliche Karriere als Leistungsschwimmerin war zu Ende. «Ich war politisch nicht einwandfrei und durfte deshalb kein Abitur machen.» Wer einen Ausreiseantrag stellte, wurde nicht mehr gefördert. «Deshalb lege ich heute Wert darauf, niemanden auszuschliessen», sagt sie entschieden.

Drei Jahre später wurde nur der Antrag der Mutter bewilligt und sie ging in den Westen. Kandalowski blieb mit ihrem sechs Jahre älteren Bruder zurück, der zu einer wichtigen Bezugsperson wurde. «Meine Mutter hatte es geschafft – und ich war voller Hoffnung und Zuversicht, ebenfalls bald in den Westen gehen zu können.» Sie habe aber auch Angst gehabt, getrennt zu bleiben, erzählt sie. Über ein Jahr sahen die Kinder ihre Mutter nicht. «In dieser Zeit wurden die Freunde umso wichtiger.» Ihre Eltern lebten damals schon getrennt.

Erleichterung und Ungewissheit nach dem Mauerfall

1989 fiel die Mauer, sie war 18 Jahre alt. «Es war eine grosse Erleichterung und einer der wichtigsten Momente in meinen Leben», verrät Kandalowski. «Der Mauerfall bedeutete Freiheit.» Doch da sei auch eine Ungewissheit gewesen: Wie lange würde die Mauer offenbleiben? «Ich hatte Angst, es nicht rechtzeitig über die Grenze zu schaffen.» Kandalowski liess alles stehen und liegen und ging direkt in den Westen, wo sie ihre Mutter wiedersah: «Wir waren überwältigt vor Freude und Begeisterung.»

Gleichzeitig hatte Kandalowski den Drang, weiterzugehen: «Um Abstand zu gewinnen, ging ich nach Paris, in die Stadt der Liebe.» Sie arbeitete als Au-pair, anschliessend in einem Fitnessstudio – und sie gewöhnte sich den Berliner Dialekt ab: «Ich wollte nicht mit einem Staat in Verbindung gebracht werden, den ich für unmenschlich und unfrei halte.» Zu Ostberlin verbindet sie kaum mehr etwas, ausser einer Freundin und einem kleinen Teil ihrer Familie, zu denen sie noch Kontakt hat.

Telefon wurde abgehört

Die Erfahrungen in der DDR führten dazu, dass Vertrauen in Kandalowskis Leben ein wichtiges Thema wurde und noch immer ist: «Die Fähigkeit, anderen Menschen vertrauen zu können, ist mein grösster Erfolg», sagt sie. «In meiner Kindheit in der DDR wurde mir beigebracht, darauf zu achten, wem ich traue.» Um sich abzusichern, habe sie niemandem ausserhalb ihres nahen Umfelds vertraut. «Die Eltern einiger Schulkameraden waren in der SED-Partei aktiv.» Ihr Telefon wurde abgehört und Briefe geöffnet.

«Auch im Haus überwachten sich die Bewohner gegenseitig und kontrollierten, wer wann nach Hause kam.» Ihre Kindheit sei aber nicht nur von Misstrauen geprägt gewesen, im Gegenteil: «Ich bin in einer liebevollen Familie gross geworden. Werte wie Respekt, Wertschätzung und Zusammenhalt waren wichtig und ich fühlte mich sehr aufgehoben.» In ihren Weiterbildungen habe sie gelernt, wie wichtig Vertrauen ist. In ihrem Beruf als Coach und Beraterin ist es ein zentrales Thema: «Vertrauen hilft, um im Leben weiterzukommen, um es schöner zu erleben und aktiv zu gestalten.» Dabei lächelt sie und man spürt ihre Freude am Leben.

Nach ihrem Jahr in Paris schlug Kandalowski ihren beruflichen Werdegang zur Beraterin ein. «Ich bin zielstrebig und sehr menschenbezogen – ich mag Menschen», erklärt sie ihre Berufswahl. Zurück in Deutschland arbeitete sie in der Tourismusbranche und besuchte nebenbei verschiedene Weiterbildungen. Mit 27 Jahren machte sich Kandalowski im Bereich der persönlichen Entwicklung für Privatpersonen selbstständig, zwei Jahre später zusätzlich als Personalentwicklerin für Firmen. Dann, vor knapp drei Jahren, führte sie die Liebe in die Schweiz. Da sie sich in der DDR nie zu Hause gefühlt hat, fällt es ihr auch heute noch schwer, Heimat zu definieren. «Heimat ist für mich nicht an einen Ort gebunden – Heimat ist dort, wo Menschen sind, die ich liebe.»

Krebs - der liebste Mensch stirbt

Ihr Lebenspartner Tony Stalder war es, der Kandalowski ermutigte, das Buch «Erfolgreiche Wege erfolgreicher Menschen» anzupacken. Er konnte aber das gedruckte Werk nicht mehr in den Händen halten: Anfang dieses Jahres erhielt er die Diagnose Krebs und starb kurz darauf. Aus diesem Grund wecke das Buch in ihr nicht nur schöne, sondern auch sehr traurige Erinnerungen, erzählt sie. «Zusammen mit Tonys Nichte Maria, die mich als Fotografin während der Interviews begleitet hat, habe ich die ganze Palette an Gefühlen durchlebt: Spass, Anstrengung, Freude, Ermutigung – aber auch Trauer.»

Der Verlag Martin + Schaub in Basel bemühte sich, das Buch so schnell wie möglich fertigzustellen, damit Tony Stalder das Buch noch sehen konnte: «Aber die Zeit reichte nicht mehr.» Einige hätten ihr daraufhin gesagt, das Leben sei unfair. Diese Meinung teilt Kandalowski nicht: «Das stimmt nicht, das Leben ist nicht unfair – ich liebe das Leben», erklärt sie bestimmt. «Die Situation mit Tony war für die ganze Familie und alle Freunde, für sein berufliches und gesellschaftliches Umfeld ein grosser Einschnitt, aber ich gebe einer Krankheit wie Krebs nicht den Raum, noch mehr kaputtzumachen.» Gemeinsam mit Maria Schmid sei sie an der Veröffentlichung des Buches dran geblieben und habe weitergemacht.

«Tony wäre stolz»

Trotz des Schicksalsschlages freut sich Kandalowski über das Buch: «Es ist ein gemeinsamer Erfolg und ich bin überzeugt, Tony wäre stolz darauf.» Für sie steht fest: «Erfolg geht nur gemeinsam – mit Herz und Verstand.» Die Arbeit am Buch war für Kandalowski eine bereichernde Erfahrung. «Es war eine Bestätigung dafür, dass unabhängig von den gemachten Erfahrungen eines Menschen entscheidend ist, was man daraus macht.» Dafür brauche es Mut, nicht aufzugeben, sondern immer weiterzugehen. «Das Erlebte hat seinen Wert. Doch ich richte meinen Blick auf das Heute und in die Zukunft, die ich mit Lebensfreude und Engagement gestalte.»

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