Brugg/Rütihof
Mit 44 Jahren zurück auf die Schulbank

Nach 16 Jahren Pause hat Alexandra Zürcher dank des KV-Wiedereinstiegs ihre Traumstelle gefunden. Zurzeit bereitet ihr eine Multivision-Show – ihr «Baby», wie sie sagt – schlaflose Nächte.

Claudia Meier
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Wiedereinstieg geglückt: Alexandra Zürcher vor dem Brugger Salzhaus.

Wiedereinstieg geglückt: Alexandra Zürcher vor dem Brugger Salzhaus.

Emanuel Freudiger

Alexandra Zürcher mag spontane Entscheidungen. Damit ist sie noch nie schlecht gefahren. Das war auch im Januar 2013 so. «Ich ging mit dem ausgefüllten Anmeldeformular an den Infoabend für den KV-Wiedereinstieg am Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg.»

Stimmt die Chemie, so gebe sie den Zettel gleich ab, nahm sich die zweifache Mutter aus Rütihof vor. Knapp zwei Jahre später erzählt sie begeistert vom ersten Jahr an ihrer Traumstelle. 16 Jahre war sie weg vom Büro. «Das war ein bewusster Entscheid», betont die 46-Jährige.

Als frischgebackene Mutter liess sich Alexandra Zürcher erst zur Tupperware-Beraterin ausbilden und organisierte auch mal am Vormittag eine Party. «Das wurde geschätzt, weil die Mütter die Kinder in der Schule hatten und die Abende schon sehr ausgebucht waren.»

Für Alexandra Zürcher war es schön ihre eigene Chefin zu sein. Fünf Jahre nach der Tochter kam ihr Sohn zur Welt. Das Aufgabengebiet wurde breiter: Sie nahm eine Ausbildung zur Muki- und Vaki-Turnlehrerin in Angriff, arbeitete ehrenamtlich an der Theaterkasse, kochte im OL-Lager und gründete einen Panflöten-Verein.

Lehre bei der Post gemacht

Je grösser die Kinder wurden, desto stärker machte sich der Wunsch bemerkbar, beruflich eine neue Herausforderung zu suchen. Zürcher verfügte über vielseitige Berufserfahrung: Nach dem Besuch der Verkehrsschule absolvierte sie nämlich zuerst eine Lehre am Postschalter und arbeitete anschliessend auf verschiedenen Poststellen – so auch in Lugano und Le Locle. «Ich bekam Freude an den Sprachen.»

Immer wieder packte sie das Reisefieber. Als sie wieder einmal auf Stellensuche war, schaffte sie den Wechsel ins Reisebüro und bildete sich entsprechend weiter.

Vor gut zwei Jahren aktualisierte Alexandra Zürcher ihr Bewerbungsdossier und machte sich auf die Suche nach einer 40-Prozent-Stelle. Schnell musste sie feststellen, dass Teilzeitstellen im kaufmännischen Bereich sehr rar sind und oft unter der Hand vergeben werden. Zudem erkannte sie, dass sie in Sachen Informatik, Rechtskunde und Deutsch nicht mehr auf dem neusten Stand war. Sie stellte sich also die Frage: «Lohnt sich die Investition von mehreren tausend Franken für einen Wiedereinsteigerkurs?»

Am Infoabend lernte Zürcher mehrere Frauen kennen, die sich mit der gleichen Frage auseinandersetzten und sich gegenseitig motivierten. Die Folge: Während eines Semesters zwischen Sport- und Sommerferien drückten sie dreimal pro Woche die Schulbank am Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Brugg.

«Das war eine strenge Zeit mit einem Stapel Hausaufgaben. Wir lernten viel Neues in der Informatik und merkten, wie stark sich die Geschäftskorrespondenz verändert hatte», zieht Zürcher Bilanz. Die Frauen waren zwischen 34 und 50 Jahren alt. Prüfungen gab es keine. «In diesem Alter hat man genug Ehrgeiz, alles durchzuziehen. So wird auch das Selbstvertrauen gestärkt.»

Stellensuche dennoch schwierig

Für das Schreiben von Bewerbungen fehlte ihr neben Kindern, Haushalt und Schule die Zeit. Erst nach Schulabschluss und Familienferien konnte sie das neue Ziel fokussieren: «Eine Reisebüro-Stelle war mein Wunsch.» Dass sie eine Teilzeitstelle suchte, erzählte sie vielen Freunden und Bekannten.

«Leider gibt es keine geeignete Plattform, um sich als Stellensuchende zu präsentieren oder zu bewerben.» Plötzlich ging es Schlag auf Schlag – dank eines Zeitungsinserats und eines persönlichen Tipps. Und prompt war sie für zwei Stellen in der engeren Auswahl.

Nachdem sie beim Büro Island Tours AG in Brugg einen halben Tag geschnuppert hatte und sich wohlfühlte, sagte sie das andere Stellenangebot ab. Beim Arbeitspensum musste Zürcher einen Kompromiss eingehen: «Ich arbeite im Durchschnitt 60 Prozent. Der Vorteil ist, dass ich mich im Team schneller integrieren konnte.»

Zürchers Begeisterung für ihre Arbeit ist gut spürbar: «Die Kundenberatung ist meine Leidenschaft. Fünf Monate nach Stellenantritt reiste ich zum ersten Mal nach Island. Im Sommer war ich mit der Familie dort.»

Derzeit bereitet sie eine Multivision-Show «Island – Insel aus Feuer und Eis» am 27. Oktober um 20 Uhr im Brugger Salzhaus vor. «Diese Veranstaltung ist mein Baby», sagt Alexandra Zürcher und strahlt. Und wie bei jedem Kind habe auch dieses ihr schon schlaflose Nächte bereitet.

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