Im Coop Take it im Badener Bahnhof sind viele zugegen, um Abschied zu nehmen. Auch die beiden ehemaligen Arbeitskollegen am Tisch gegenüber der Bartheke sind wegen der Schliessung gekommen. Sie wollen wie in alten Zeiten das Mittagessen einnehmen.

Als fröhlich-liebenswürdige Gesellschaft bezeichnet der 67-Jährige das Ambiente des Bistros. Doch heute merkt er, dass es dem Ende zugeht: «Schaut man sich in die Augen, sieht man nur Traurigkeit. Es tut allen weh.» Trotzdem versuchen die beiden die letzten Stunden zu geniessen. Sie heben die Biergläser und prosten sich zu.


Die Plätze sind an diesem Freitagmorgen von Pensionierten und Arbeitern besetzt. Während die einen verträumt in die Runde schauen, unterhalten sich die anderen angeregt. Auch Evelyne Brunner gönnt sich im Bistro eine kleine Pause. Sie will diese Tage noch einmal richtig geniessen. Wie üblich trinkt sie einen Kaffee und unterhält sich mit anderen Gästen über dieses und jenes. «Es ist einfach nur schade», sagt die Angestellte eines Unternehmens und blickt zu ihrem Sitznachbarn. Dieser nickt, nippt an seinem Bierglas und sagt: «Nicht wegen der Beiz, sondern wegen der Leute.»

Kameradschaften geschlossen

Für sie sei es hier wie eine Familie gewesen, sagt Evelyne Brunner. Aber auch für ältere Leute habe sich das Bistro zu einem wichtigen Treffpunkt entwickelt. Karl Amsler, der drei Reihen weiter sitzt, bestätigt: «Hier fühlen sich die Alten wohl.» Denn wo sonst in der Stadt gebe es so etwas noch?, fragt der 80-jährige Badener Künstler. Einen Ort, wo viele «glatti Cheibe» verkehren und einander jede Menge zu erzählen haben.

Sitznachbar Hans Bolliger sagt: «Bedauernswerterweise gibt es in Baden immer weniger Orte, an denen man sich treffen kann.» Hier habe er viele Menschen aus allen sozialen Schichten kennen gelernt und Kameradschaften geschlossen. «Das hat mir den Horizont erweitert», sagt der ehemalige Lehrer. Hört man sich die Geschichten der Gäste an, wird einem schnell klar, welche soziale Funktion das Bistro einnimmt.

Warum das Take it schliesst und an selber Stelle im Sommer eine Vitality Apotheke eröffnet wird, gibt Coop aus strategischen Gründen nicht bekannt. Rudolf Steiger kann den Entscheid nicht nachvollziehen. «Als gäbe es in Baden nicht schon genug Apotheken!», sagt der 65-Jährige verärgert. Er rührt in seiner Schale und fügt an: «Wo sollen wir nachher nur hingehen?» Er hätte sich gewünscht, dass Coop den Gästen entgegengekommen wäre: Den vorderen Teil des Bistros offengelassen und nur den hinteren Bereich für das neue Geschäft genutzt hätte.

Gedanken über die Zukunft hat sich Steiger bereits gemacht: Er kann sich vorstellen – wie einige andere auch–, künftig im Coop- oder Migros-Restaurant beim Bahnhof einzukehren, nicht aber in eine Confiserie oder ein Restaurant. «Das ist mir zu teuer.» Seine Meinung teilt Maler Karl Amsler. Er hat ausgerechnet, dass er hier einige hundert Franken pro Jahr sparen kann.

Es ist kurz vor Mittag. Aus der Küche hinter der Bartheke strömt Essensduft. Restaurantleiterin Silvia Bachmann bereitet eines der letzten Menüs zu. Immer wieder kommen Passanten vorbei, die sich von ihr und vom restlichen Personal verabschieden möchten. Ja, wehmütig sei sie schon, sagt Bachmann. Doch am meisten bedaure sie die Schliessung für die Gäste, sei man doch auch eine Art Seelentröster gewesen.

Zum Abschied zwei Gipfeli

Dass das Bistro nicht nur wegen der Preise und der Geselligkeit, sondern auch wegen der Mitarbeitenden geschätzt wurde, bestätigt Karl Amsler: «Das Personal hatte eine Ausstrahlung, wie man sie sonst nicht oft sieht.» Ivo Meier, der seit vielen Jahren vor der Arbeit kurz Halt macht, sagt: «Die meisten wissen, dass ich Kaffee trinke, und bringen mir gleich eine Tasse.» Jetzt macht er aber eine Ausnahme. Neben dem Heissgetränk gibt es auch ein Gipfeli. «Als Abschied», sagt Meier und bestellt wenig später ein Zweites. Bald ist alles Geschichte: Am Samstag schliesst das Bistro.