Wir setzen die Kopfhörer auf. Im Büro der Merker Liegenschaften AG an der Bruggerstrasse begrüsst uns eine Damenstimme. «Schön, dass Du da bist», ertönt es aus den Hörmuscheln. Der Blick wandert nach links, auf ein Bild an der Wand. Es ist eine Fotografie der Merker-Fabrik, des sogenannten «Gelben Vierecks», aus dem Jahr 1912. Allzu lange Zeit zum Verweilen bleibt nicht. Denn schon geht es weiter – mit der Aufforderung: «Öffne die Tür und gehe rechts den Flur entlang.»

Diese und weitere Anweisungen sind Teil des Audiorundgangs, den die Merker Liegenschaften seit Kurzem anbietet. Die Idee dafür entstand in Zusammenhang mit dem Verein «Industriewelt Baden». Die Besucher werden dabei durch die Geschichte der ehemaligen Badener Traditionsfirma Merker geführt, die 1873 unter dem Namen Merker & Meining als kleine Spenglerei begann und über die Jahre zu einer der wichtigsten Schweizer Metallwarenfabriken wurde.

Das Besondere am Rundgang: Der Besucher erhält keine Führung im herkömmlichen Stil, sondern begibt sich alleine durch die Gänge des Areals – lediglich ausgestattet mit Kopfhörern, in denen ein Chip integriert ist. Viele der Informationen basieren auf den Memoiren von Firmengründer Friedrich Merker-Schaufelberger sowie seines Enkels Walter Merker-Sauter. «Wir wollen ein Erlebnis anbieten, das mehrere Sinne anspricht», sagt Sibylle Hausammann-Merker, Tochter von Walter Merker-Sauter, die den «Audiowalk» initiiert hat und organisiert. Erstmals gebe es nun die Möglichkeit, die Firmengeschichte einer grösseren Öffentlichkeit vorzustellen.

Sehen, hören – und riechen

Seit 1991 werden auf dem Merker-Areal in Baden keine Industriewaren mehr produziert; längst vermietet die Familie die Flächen an Gewerbetreibende und Private. Doch vieles auf dem Areal erinnert noch an die glorreiche Industrie-Ära. Besonders deutlich wird das, wenn man durch die Gänge und Räume schreitet. Der dezente Metallgeruch in den Korridoren, die alten Metallgeländer im Treppenhaus oder Wandschränke mit Schriften und Büchern aus der Firmenzeit fallen auf. Untermalt wird der Rundgang durch Geräusche wie dem Klirren von Werkzeug, dem Öffnen von Türen oder dem Trippeln von Schritten. Gelegentlich sind auch einstige Werbeslogans aus Fernsehen und Radio eingestreut.

Verlaufen kann man sich auf dem Rundgang eigentlich nicht. Zu klar und präzise sind die Wegweisungen. «Jemand hat es neulich trotzdem geschafft, sich zu verirren», erzählt Hausammann-Merker und schmunzelt. Dies, weil er «zu forsch» an die Sache herangegangen sei. Wer sich aber ganz auf das Konzept einlässt und aufmerksam zuhört, der erfährt spannende Details aus der Merker-Historie: von der Einführung der Merker-Krankenkasse 1879 – eine der ersten in der Schweiz – über die Auswirkungen des Landesstreiks 1918 bis hin zur Herstellung der «Bianca», des ersten Vollwaschautomaten aus Schweizer Produktion. Dem Aushängeschild der Firma werden mehrere Teile gewidmet. Neben Plakaten und Konstruktionszeichnungen sind auch originale Modelle ausgestellt. Dem Besucher bleibt genügend Zeit, sich mit diesen Objekten zu befassen. Der gesamte «Audiowalk» ist mittels Pausen angenehm taktiert, Eile kommt nur äusserst selten auf.

Für die Gestaltung holte sich die Merker Liegenschaften Unterstützung von der Szenografin Flavia Horat und den Sounddesignern Nico Lazúla und Anselm Caminada aus Zürich. Für acht Franken pro Person kann der «Walk» von Einzelpersonen oder Gruppen auf Voranmeldung gebucht werden. Ganz zum Schluss des Rundgangs gelangt der Besucher zurück ins Büro beim Eingang D. Bevor der Kopfhörer weggelegt wird, sagt die Stimme: «Schön, dass Du da warst.»

Anmeldungen für den Rundgang möglich unter: audiorundgang@merker-areal.ch