Untersiggenthal
Mit dem Politvirus infiziert wurde der neue Grossrat in der Kantonsschule

Der Untersiggenthaler Gemeinderat Norbert Stichert ist am Dienstag als neuer FDP-Grossrat in Pflicht genommen worden. Wir haben ihn vorher noch besucht.

Roman Huber
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Norbert Stichert vor dem Ortsmuseum, wo er die Verbundenheit und Geschichte seines Dorfes spürt.

Norbert Stichert vor dem Ortsmuseum, wo er die Verbundenheit und Geschichte seines Dorfes spürt.

Mario Heller

Der von ihm gewählte Ort für den Fototermin lässt bereits tief blicken: Norbert Stichert wartete beim Ortsmuseum, wo er die Verbundenheit mit seinem Dorf und dessen Geschichte, die Heimat unter den Füssen spüre. Dorthin lud er gestern Abend nach der ersten Grossratssitzung zu einer schlichten, persönlichen Feier.

Die Politik wurde dem Untersiggenthaler nicht direkt in die Wiege gelegt. «Doch in meiner Verwandtschaft diskutierte man jeweils am Tische oft und manchmal heftig über politische Themen», beginnt Stichert. Er schmunzelt mit gutem Grund, denn da habe die Tante als SP-Mitglied ihren Kommentar abgegeben, der nicht deckungsgleich mit der CVP-Sicht der Grosseltern gewesen sei und schon gar nicht mit derjenigen des Onkels, der zur SVP gehöre. «Tja, und dann habe ich als Freisinniger noch die vierte Partei in die Familie gebracht», erklärt er und lacht dabei.

Lieber Politik als Fussball

So richtig infiziert mit dem politischen Virus wurde er in der Kantonsschulzeit. Während andere im jugendlichen Alter den Sportteil der Tageszeitung verschlungen hatten, war es bei ihm die politische Berichterstattung. Vor dem Fernseher zog er Polit-Diskussionen und Hintergrundsendungen der Champions League vor. Kein Wunder, wurde er sehr bald politisch aktiv.

Sein Leistungsausweis ist angesichts seiner 33 Jahre beeindruckend: Das hat in der Kanti mit dem Präsidium der Schülerorganisation begonnen, dann war er Gründungsmitglied des aargauischen Jugendparlaments Juvenat. In diese Zeit fiel sein Entscheid, der FDP beizutreten – «mit Überzeugung», wie er sagt und obschon in seinem Quartier alt Nationalrat Hans Killer und alt Gemeinderat Urs Weidmann (beide SVP) wohnen. Die SVP wäre für ihn durchaus eine Alternative gewesen. Ihn überzeugte der Slogan «Freiheit und Verantwortung», vor allem Selbstverantwortung.

Stichert war Mitbegründer und Präsident der Jungfreisinnigen des Bezirks und leitete deren erste Wahlkämpfe. In der Ortspartei begann er unten als Aktuar, ebenso bei der Schützengesellschaft, die der Offizier der Schweizer Armee heute präsidiert. Auf das engagierte Parteimitglied wurde man schnell aufmerksam. Die Gemeinde wählte ihn erst zum Stimmenzähler, 2009 als 27-jährigen mit glänzendem Resultat bereits in den Gemeinderat.

Stufe für Stufe höher

Seit über einem Jahr präsidiert er die Bezirkspartei. Und jetzt sitzt er nach dreimaliger Kandidatur selber im Grossen Rat. «Nur weil der vor mir platzierte Badener Matthias Bernhard verzichtet hat», ergänzt Stichert. Ist er ein Karrieretyp? «Nein», sagt er selber. «Ich packe gerne dort an, wo es für mich Sinn macht.» Aber nicht einfach als Parteisoldat oder Mitläufer. «Wo ich mich zur Verfügung stelle, möchte ich meine Ideen einbringen und auch etwas bewegen», fügt Stichert an. «Im Gemeinderat musste ich mich zwar als Neuling zuerst bewähren.» Dann hätten die «Gestandenen» schon gemerkt, dass er auch zu etwas tauge. Im Ressort Gesundheit und Soziales legte er bald ein Altersleitbild vor. «Meine Vorgängerin hat den Posten ins Budget gestellt», sagt er bescheiden.

Das ist eine Seite des jungen Freisinnigen: Bescheidenheit. Keine grossen Worte, dafür packt er überlegt und zielbewusst an, wenn er von einer Sache überzeugt ist. Ein Draufgänger? Eher nein, meint er. «Ich bin mehr der Pragmatiker, höre mir lieber erst die Meinungen an und mache mir ein genaues Bild, statt dass ich gleich mit dem Kopf durch die Wand gehe».

Anderes leidet unter der Politik

Beruflich ist Stichert als Projekt- und Geschäftsleitungsassistent in einem Architekturbüro tätig. Sein Ausbildungsweg hat unter seinen vielen politischen Engagements gelitten. «Ich habe ein Rechtsstudium noch nach altem System absolviert und bin beim Lizenziat gescheitert», gesteht er. Tempi passati, meint er rückblickend.

Seine nebenberuflichen Beschäftigungen sind inzwischen nicht weniger geworden. Was an Freizeit übrig bleibt, geniesst er mit andern Menschen, an Dorfanlässen, im Freundeskreis, dazu gehöre auch der Gemeinderat, im Kino, mit Zeitungslesen und Literatur, in der warmen Jahreszeit auf seiner 750er-Aprilia, und wenn im eigenen Dorf ein Fest steigt, ist er mit von der Partie, als helfende Kraft oder einfach als Gast.

Dass er im Grossen Rat sich für die Belange der Gemeinde einsetzen kann, ist für den Gemeinderat wichtig. Als FDP-Politiker sieht er sich «zwischen Mitte und rechts, ungefähr im Bereich eines Thierry Burkarts». Er sei eher konservativ gewesen, «heute aber aufgeschlossener», versucht er, sich selber einzustufen.

Politische Vorbilder zum Nacheifern gibt es für ihn keine. Er gehe seinen eigenen Weg. «Doch beeindruckt hat mich Thomas Pfisterer, wie er in allen Gewalten, als Bundesrichter, dann Regierungsrat und schliesslich als Ständerat mit Erfolg hohe Funktionen bekleidete», führt Stichert aus. Als Vereinsmitglied der Heinrich-Zschokke-Gesellschaft habe er Pfisterer persönlich kennen und schätzen gelernt.

Ob Bern sein nächstes Ziel sei? Man soll niemals nie sagen, meint er. Über höhere Ambitionen denke er aber nicht nach. «Ich nehme es, wie es kommt», sagt er. Jetzt sei er im Grossen Rat angelangt. Und was privat einmal hineinspiele, vielleicht mal eine Familie, das könne man ohnehin schlecht vorausplanen. Die erste Fraktionssitzung habe er hinter sich, vom Grossratsbüro wurde er mit dem notwendigen Material bedient. Nervös? «Jetzt noch nicht», sagte er am Montagabend vor der ersten Sitzung und meint: «Die Gelöbnisformel nachzusprechen, wird kaum ein Problem sein.»

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