Baden
Mit der az eine Nacht im Taxi unterwegs

Die meisten Menschen haben am Ende des Tages Feierabend. Die az Aargauer Zeitung hat in der Nacht einen Taxifahrer begleitet und war zudem bei einem Securityeinsatz dabei.

Yvonne Lichtsteiner
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Ruhig bleiben, heisst es, wenn es einmal brenzlig wird beim Taxifahren
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Badens Taxifahrer arbeiten, während andere feiern
Die Konkurenz beim Taxifahren ist hart, Freunde findet man in diesem Beruf selten
Das Fahren in der Nacht braucht Nerven, genauso wie Konzentration
Lange Fahrten und betrunkene Gäste, das sind die Freunden und Leiden eines Taxifahrers
Marcel Ringger sagt, das Taxifahren sei wie eine Lebensschule für ihn

Ruhig bleiben, heisst es, wenn es einmal brenzlig wird beim Taxifahren

Yvonne Lichtsteiner

Freitagnacht, die Küchenuhr zeigt 0.40 Uhr an. Pünktlich um 0.45 Uhr klingelt es an der Tür. Vor dem Haus steht ein weisses Auto, sein Fahrer: Marcel Ringger. Er ist Taxifahrer, pensioniert und arbeitet für die Badener Taxi AG. «Dann steigen Sie einfach mal ein», sagt er und öffnet die Beifahrertür des Autos.

Aus dem Funkgerät neben dem Armaturenbrett knackt und knistert es: «1 geht zum Bahnhof Baden.» Ringger greift sich das Gerät: «1 verstanden», und tippt «reserviert» ein. Er erzählt: «Seit sieben Jahren mache ich den Job als Taxifahrer schon, allerdings nur Teilzeit am Wochenende.» Auf seinen nächtlichen Fahrten treffe er immer spannende und manchmal auch seltsame Menschen an, langweilig werde es selten.

«Taxifahren ist eine Lebensschule»

Ein junger Mann steigt ins Taxi, auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er: «Eigentlich gut, ich bin nur ein wenig müde und muss mich ausnüchtern.» Er schwankt hin und her, Ringger wirft einen prüfenden Blick in den Rückspiegel: «Zum Glück musste sich in meinem Auto noch nie jemanden übergeben.» Allerdings sei schon einmal vorgekommen, dass ein Betrunkener nur knapp die Tür öffnen konnte und dann erbrechen musste. Damit müsse man aber leben, meint Ringger. «Das sind die Freuden und Leiden jedes Taxifahrers», sagt er lachend.

Apropos Leiden: Hat sich Ringger auch schon in riskanten Situationen befunden? Die eine oder andere brenzlige Situation gebe es immer wieder. «Alkohol senkt bekanntlich die Hemmschwelle.» Vor ein paar Jahren habe er sich naiverweise in eine eher missliche Lage gebracht. «Als zwei junge Männer auf dem Rücksitz angefangen haben, zu tuscheln, ist mir dies seltsam vorgekommen.» Er habe sich aber erst Gedanken gemacht, als er in eine dunkle Gasse abbog.

«Sie öffneten die Tür und sind weggerannt - ohne zu zahlen, versteht sich», erinnert er sich. Sobald der Kunde merke, dass der Fahrer unruhig werde, würden auch die Kunden nervös. Das weiss er durch seine langjährige Erfahrung und die angeeignete Menschenkenntnis zu verhindern. Sowieso habe er durch das Taxifahren sehr vieles erlebt und dazugelernt. «Das Taxifahren ist eine Lebensschule», ist Ringger überzeugt.

Kunden, Kosten und Kilometer

Überhaupt müsse man den Kontakt mit Kunden lieben, genauso wie das Autofahren, «sonst ist man für diesen Beruf nicht gemacht». Der einzige Grund, weshalb er das Taxifahren an den Nagel hängen würde, wäre ein Unfall. «Das Schrecklichste wäre für mich, wenn ich ein Kind anfahren würde», sagt der Taxifahrer nachdenklich, als eine schwarze Katze die schlecht beleuchtete Strasse überquert und dem Auto nur knapp ausweichen kann.

Das Taxi bremst und biegt in eine Abzweigung nähe Kirche St. Sebastian in Wettingen. «Marcel, da bist du ja», ruft eine junge Frau und torkelt dem weissen Taxi entgegen, nicht aber, bevor sie sich hemmungslos küssend von einem Mann verabschiedet. «Ist nichts gelaufen mit deinem Lover?», fragt Ringger lachend. Er hat die junge Frau bereits hingefahren. Nur die Gemütslage habe sich im Laufe der Nacht verändert. «Nein, aber ich muss mich beeilen, den Richtigen zu finden», lallt sie. Sie sei immerhin bereits 31 Jahre alt. Er schmunzelt. «Aber Marcel, schalte doch endlich den Taxameter aus. Du kennst mich doch», bettelt sie. Er schüttelt den Kopf. «Das mach ich nicht.»

18 Kunden und 200 km später

Ringger schaut auf die Uhr und beschliesst, noch einmal Richtung Baden beim Nordportal vorbeizufahren. «Um diese Zeit, um 5 Uhr, läuft nicht mehr allzu viel.» Man merkt, dass die ersten Züge und Busse wieder fahren. Die ersten Vögel sind zu hören, der Himmel färbt sich hellblau.

Marcel Ringger schaut auf den Taxameter und die Liste mit den Kunden dieser Nacht. «18 Kunden ist eine gute Zahl für eine Nacht», sagt er. Und 200 Kilometer entsprächen etwa dem Durchschnitt, was ein Taxi in einer Nacht zurücklege. Ringger ist zufrieden. «Jetzt habe ich mir meinen Feierabend verdient.» Ringger verabschiedet sich, biegt in eine Nebenstrasse ab und fährt Richtung Wettingen in die Zentrale.

*Die az-Volontärin absolviert die Fachmaturität Kommunikation an der Kantonsschule Wettingen. Dieser Artikel ist ihre Diplomarbeit.

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