Ende Dezember geht die Ära von Gemeindeammann Willy Hersberger nach neuen Jahren zu Ende. Traurig darüber ist er nicht – zufrieden mit seinem Schaffen, freut er sich nun auf seinen neuen Lebensabschnitt mit seiner Frau: Nächstes Jahr ziehen sie in eine Wohnung in Baden.

Herr Hersberger, Remetschwil ist eine kleine, ruhige, vielleicht auch langweilige, Gemeinde – war Ihr Amt als Ammann ein «Schoggijob»?

Willy Hersberger: Remetschwil ist ein privilegiertes Dorf. Mit einer guten Verwaltung im Rücken ist das Amt des Ammanns ein schöner Job, manchmal auch ein Schoggijob. Ich war jedenfalls nicht gross eingeschränkt. Langweilig war es mir aber nie; das wird es auch meinem Nachfolger nicht werden.

Sie sprechen von den bevorstehenden Investitionen. Remetschwil hat eine leere Kasse, will aber mehr als sechs Millionen Franken ausgeben. Verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

Nein, wir werden nicht ertrinken. Wir haben zwar keine flüssigen Mittel mehr, aber bis jetzt auch kaum Schulden. Rund acht bis neun Millionen Franken Fremdkapital wird mein Nachfolger in den nächsten drei Jahren aufnehmen müssen. Damit wir unsere Schulden schneller zurückzahlen können, haben wir eine Steuerfusserhöhung von 89 auf
92 Prozent beantragt, die bewilligt wurde. Wir haben der Gemeinde aber versprochen, die Ausgaben weiter zu verringern. Tatsache ist, dass unsere Kasse mit dem Bau des Oberstufenzentrums Rohrdorferberg und des Kreisels in Busslingen stark belastet wird.

Stichwort Oberstufenzentrum: Welches Geschäft hat Sie mehr beschäftigt, das Windkraftwerk Heitersberg oder der Schulhausbau?

Das Windkraftwerk war sicher das schwierigste Projekt. Der Gemeinderat hat zwar versucht, sich aus der Debatte zwischen den Befürwortern und den Gegnern rauszuhalten, obschon jeder seine eigene Meinung dazu hatte. Wir waren uns einig, dass falls es eine Windkraftanlage geben sollte, dies nur nach einer entsprechenden Umzonung möglich wäre. Damit hätte die Bevölkerung darüber abstimmen können. Am Ende hat der Kanton die Gemeinde aber zum Parameter rausgenommen.

Das war sicher eine Erleichterung, Sie sind bekanntlich kein Fan von grüner Energie?

Der Entscheid des Kantons kam mir zupass, obwohl ich weder dafür noch dagegen war. Persönlich bin ich aber der Meinung, dass Windenergie die Atomenergie nicht ersetzen kann. In der Schweiz braucht es für die Windenergie eine Ersatzquelle. Die Atomenergie sollte sicherer gemacht werden, indem sie weiter erforscht und weiterentwickelt wird.

Energie, ein heikles Thema. Gab es noch andere heiklen Themen?

Das Oberstufenzentrum Rohrdorferberg war natürlich ein heikles Thema. Als wir 2010 den Brief vom damaligen Badener Schulvorsteher, Geri Müller, erhielten, dass unsere Bezirksschüler ab 2015 nicht mehr nach Baden zum Unterricht gehen können, dachte ich erst, ich lese nicht recht.

Sie wehrten sich, jedoch erfolglos.

Ich habe längere Diskussionen mit Geri Müller geführt. Die Angelegenheit wurde von der Stadt Baden so gedreht, als ob die Rohrdorfer Gemeinden aus dem Regos-Verband ausgetreten seien. Der Regierungsrat hatte in der Kleeblatt-Vorlage entschieden, dass es einen Oberstufenstandort Oberrohrdorf gibt, und dass wir dort dazugehören. Als das Kleeblatt bachab ging, blieb für uns alles beim Alten, für Baden aber offenbar nicht.

Eine ärgerliche Erinnerung an Ihr Amt also.

Die neun Jahre waren, abgesehen von den Gesprächen mit Baden wegen der Schule, sehr angenehm (lacht). Das habe ich auch bei der Verabschiedung der Gemeindeammänner über meine Amtszeit gesagt.

Diese neigt sich dem Ende zu. War es schwierig, nicht mehr anzutreten?

Nein, der Fall war klar, als meine Frau und ich vor zwei Jahren eine Wohnung im Trafo 2 in Baden gekauft haben. Wir werden in einem Jahr umziehen.

Genug vom Dorfleben?

Wir sind 1984 vom Rennweg in der Stadt Zürich nach Remetschwil gezogen. Mit unserer ersten Tochter wurde uns bewusst, dass es nicht einfach ist, Kinder in Zürich aufzuziehen. Uns war aber klar, dass wir, nachdem alle Kinder ausgezogen sind, zurück in die Stadt gehen. Das Haus ist zu gross für zwei, der Garten erst recht.

Und weshalb Baden?

Wir sind Aargauer, ich bin in Brugg aufgewachsen und meine Frau in Wettingen. Uns gefallen das kulturelle Angebot, die Restaurants und der Biergarten (mir) in Baden, wir freuen uns riesig.

Das kann Ihnen der heutige Stadtammann auch nach den schwierigen Gesprächen nicht vermiesen.

Nein, das kann er nicht (lacht).

Zurück zu Remetschwil: Wo sieht man Ihre Handschrift am besten?

Handschriften verblassen schnell. Wenn ich etwas erreicht habe, dann ist es eine gute Zusammenarbeits- und Streitkultur im Gemeinderat sowie eine gute Teamkultur in der Verwaltung.

Und politisch gesehen? Die meisten Politiker setzen es sich zum Ziel, das Dorf vorwärtszubringen.

Wir haben nicht viel Baureserve. Vor vier oder fünf Jahren haben wir uns überlegt, ob wir einen Antrag für Neueinzonungen stellen sollen. Dann entschieden wir uns aber dagegen. Ein Wachstum bringt per se der Bevölkerung von Remetschwil keine höhere Lebensqualität. Einfluss genommen habe ich auf das Gemeinderatshonorar.

Inwiefern?

Viele Gemeinden haben ihren Versammlungen höhere Gesamtentschädigungen für den Gemeinderat beantragt. Ich habe während meiner Amtszeit immer wieder vorgeschlagen, diese nicht zu erhöhen. Gemäss Untersuchung der Gemeindeammänner-Vereinigung liegen wir zwar für die Grösse unserer Gemeinde am unteren Limit, aber wir benötigen deutlich weniger Stunden als andere Gemeinden für unsere Arbeit.

Das heisst?

Der durchschnittliche Gemeindeammann ist 55 Jahre alt und arbeitet im Jahr 575 Stunden für seine Gemeinde. Wir haben jährlich 22 Sitzungen, die etwa zwei Stunden dauern. Rechnet man noch zwei Stunden Vorbereitungszeit dazu, dann komme ich auf keine 200 Stunden pro Jahr und meine Kollegen auf keine 120. Unsere Sitzungen sind einfach kürzer als die, der umliegenden Gemeinden.

Machen andere etwas falsch?

Das kann ich nicht sagen. Der Zeitaufwand rechnet sich je nach Grösse, Vorhaben oder Zustand der Gemeinde wieder anders. Bei uns läuft es einfach sehr gut. Und ich lasse mich nicht schnell aus der Ruhe bringen.

Auch nicht vom typischen Stimmbürger, der an jeder Gemeindeversammlung Einwendungen hat?

Ich war 25 Jahre lang in einer Führungsposition. Und nach meiner Frühpension, noch vor meinem Ammann-Amt, habe ich eine Weiterbildung in Mediation gemacht. Dort habe ich gelernt, mit schwierigen Menschen umzugehen.

Welche Tipps geben Sie Ihrem Nachfolger?

Ich muss ihm keine Tipps geben. Er hat acht Jahre mit mir zusammengearbeitet. Er hatte Zeit, sich zu überlegen, was er anders und besser machen will als ich (lacht). Der Gemeinderat wird weiterhin speditiv und effizient arbeiten. Wir hatten zwar drei Rücktritte, jetzt ist aber wieder ein gutes Team beisammen. Wichtig ist es auch, dass die Verwaltung überdurchschnittlich qualifiziert bleibt.

Womit wir wieder beim «Schoggijob» sind. Geht es mit einem «Schoggileben» weiter?

Wir haben noch eine Wohnung in den Bergen und eine in Spanien. Sobald meine Frau im nächsten Jahr pensioniert ist, werden wir uns nach dem Wetterbericht richten und dort leben, wo es gerade am schönsten ist. Das ist in der Tat ein «Schoggileben».