Es war vor zwei Jahren, als leitende Stellen der SBB gegen einen langjährigen Zugchef diverse disziplinarische Massnamen einleiteten. Grund dafür: Rund ein Dutzend Fahrgäste hatten sich offenbar in harsch abgefassten Schreiben beim SBB-online-Kundendienst über den SBB-Mann beschwert: «Er hatte so ein ungepflegtes Äusseres, dass ich mich daran gestört habe», schrieb eine Kundin. «Seine Haare sahen so aus, als sei er direkt aus der Dusche gekommen», doppelte ein weiterer Fahrgast nach.

«Schon fast ekelhaft, wie er daherkommt»

In einem weiteren Brief wurde ein Kritiker über den Zugchef noch deutlicher: «Sein Auftreten ist unter jedem Hund, es ist schon fast ekelhaft, wie er daherkommt.» Andere Kunden reklamierten auch über die beruflichen Kompetenzen des uniformierten Bahnbeamten. «Er hat während der Arbeit geschlafen», meldete ein Fahrgast. Er sei auch im Zug eingedöst, schrieb eine weitere Person.

Der Zugchef habe auch eine defekte Klimaanlage trotz Möglichkeit zur Reparatur einfach ignoriert, lautete ein weiterer happiger Vorwurf.

Täter war ein Arbeitskollege

Die Vorgesetzten des Zugchefs wurden aufgrund der fortgesetzten Mängelliste allerdings misstrauisch und leiteten eine interne Untersuchung über die Absender ein. Dabei kam heraus, dass hinter allen Schreiben nicht etwa Fahrgäste, sondern ausgerechnet ein SBB-Zugchef aus Spreitenbach steckte. Der heute 52-jährige Aargauer hatte alle Beschwerdebriefe selber geschrieben. Der mobbende Arbeitskollege wollte damit das Ansehen des Geschädigten gezielt beeinträchtigen, schrieb der eingeschaltete Zürcher Staatsanwalt Andreas Popow dazu.

Der perfide Autor ging dabei raffiniert vor, indem er die Beschwerden im Namen von fiktiven Personen dem Kundendienst der SBB an unterschiedliche Postadressen in Zürich und Bern verschickte. Wobei der Täter wusste, dass die in seinen Schreiben geschilderten Verfehlungen gar nicht stattgefunden hatten.

Wegen Verleumdung verurteilt

Bedenklich war dabei, dass der Beschuldigte die allesamt in Spreitenbach aufgesetzten Briefe zwischen März 2011 bis zum Juni 2014 über Jahre hinweg dem Kundendienst zugestellt hatte.

Mit dem Schuldspruch wurde der Zugchef verpflichtet, seinem heute entlasteten Berufskollegen ein Schmerzensgeld von 2500 Franken zu bezahlen. Zudem muss er für die Verfahrenskosten von 1200 Franken aufkommen.