Baden
Montagsporträt: Für Valérie Cuénod ist Schauspielerei die Reise in eine Rolle

Sie spielt Theater, führt Regie und dreht Filme – für Valérie Cuénod ist das Leben eine einzige Bühne und eine Reise. Ihre erste Reise führte sie von ihrem Geburtsort Genf nach Baden.

Rea Vogel
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Valérie Cuénod

Valérie Cuénod

Maria
Während ihres Aufenthalts im buddhistischen Kloster in Thailand half Valérie Cuénod auch bei den täglich anfallenden Arbeiten der Mönche mit. ZVG

Während ihres Aufenthalts im buddhistischen Kloster in Thailand half Valérie Cuénod auch bei den täglich anfallenden Arbeiten der Mönche mit. ZVG

Maria

Valérie Cuénod steht am Ende des Perrons von Gleis vier und fünf am Bahnhof Baden, direkt vor dem Tunnel. Völlig entspannt, trotz der eisigen Kälte, stützt sie die linke Hand auf der Hüfte ab – sie lächelt. Wach und freundlich blickt sie in die Kamera. Sie weiss genau, was für ein Foto sie in der Zeitung sehen will.
Ein Foto, das ihr Leben als Reisende auffängt: die reisende Badenerin – nach Fribourg zu einer Lesung, nach Genf für ein Rollenspiel oder ins Theaterhaus Weinfelden für eine Aufführung. Die erfahrene Schauspielerin ist selbstbewusst und weiss, wie man Figuren inszeniert, sei es auf der Bühne oder sich selbst für ein Porträt in der Zeitung.
Die erste Reise von Valérie Cuénod ging von ihrem Geburtsort Genf nach Baden. Ihr Vater, ein Geologe, fand hier Arbeit. Der Forscher beeinflusste sie sehr: «Er weckte in mir denselben Abenteuergeist, den er selbst auch hat», sagt Cuénod und trinkt einen Schluck des Tees, den sie im Café Rampe bestellt hat.
Auch die Schauspielerei ist seit langem Teil ihres Lebens: «Schon als Kind bin ich nonstop in Rollen hineingeschlüpft: Wir waren ‹die Daltons› aus ‹Lucky Luke›, Indianerpferde, Meerjungfrauen und vieles mehr.» Dennoch entschied sie sich anfangs gegen eine Schauspielkarriere: «Ich wollte zu Hause ausziehen, unabhängig sein und mein eigenes Geld verdienen.» Sie arbeitete in der Privatwirtschaft, unter anderem als IT-Projekt-Managerin und war einige Zeit glücklich damit. «Zwei Wünsche tauchten auf und liessen mich nicht mehr los: eine Weltreise zu machen und Schauspielerin zu werden.» Es kam der Tag, an dem sie sich die Haare kurz schneiden liess, kündigte und sich auf den Weg nach Südostasien machte.
Weit ab von der Zivilisation
Der Höhepunkt der Reise sei in Thailand gewesen: «Ich besuchte ein buddhistisches Kloster, das für Aussenstehende eigentlich geschlossen ist, doch ich durfte dortbleiben, wieso, ist mir bis heute nicht bekannt. Das Kloster lag in der Mitte einer kleinen Insel, auf einem Hügel, abgeschieden von jeglicher Zivilisation.» Zu Beginn und zum Ende des Tages sei es besonders schön gewesen: «Während des Sonnenauf- und untergangs sangen die Mönche. Dieser Gesang war einzigartig.» Als Valérie Cuénod von diesem Moment spricht, schweift ihr Blick zu den Fenstern des Cafés, und sie lächelt selbstvergessen.
Neben dem Osten erkundete sie auch den Westen. Sie lebte für einige Zeit bei ihrem Grossvater in New York und bereiste Honduras.
Auf ihren Reisen habe sie gelernt, unvoreingenommen auf Menschen zuzugehen, erklärt Cuénod. Insbesondere die Zeit in Asien habe sie inspiriert: «Ich begegnete Menschen mit ganz anderen Kulturen, anderen Sprachen, und ihr Alltag unterschied sich deutlich von unserem.
Vor allem das Leben der Orang Asli, Ureinwohner Malaysias, bei denen ich einige Zeit lebte, hat mich berührt. Sie leben in absolutem Einklang mit der Natur.»
Mit der Schauspielerei «reise» sie noch heute, aber in das Innere einer Rolle: «Es ist die Entdeckung des Innenlebens eines Menschen und wie unterschiedlich sich das jeweils äusserlich manifestiert.»
Zurück in der Schweiz arbeitete sie, nach dreijähriger Ausbildung, als Schauspielerin. Als sie eine Familie gründete, sei sie beruflich kürzergetreten, sagt Cuénod, die ihr Alter für sich behalten will. Auch bei nochmaligem Nachfragen ändert sie ihre Meinung nicht. Sie lehnt sich in ihrem Sessel zurück, schlägt ihre Beine übereinander und erklärt: «Das Alter zeichnet ein fixes Bild einer Person in den Köpfen der Menschen. Für mich ist diese Zahl aber nicht von Bedeutung, deshalb verrate ich mein Alter auch nicht.» Auch auf ihrer Website ist ihr Geburtsdatum nicht zu finden: «Ich spiele oft Rollen, die nicht identisch mit meinem Alter sind. Deshalb macht es keinen Sinn, mein Alter preiszugeben, es würde nur die Rollensuche erschweren.»
Seit nun acht Jahren arbeitet Valérie Cuénod wieder intensiv als Schauspielerin, Regisseurin und Sprecherin für Audioaufnahmen. Diese sind für Werbungen oder Museen, beispielsweise für die neue Dauerausstellung des historischen Museums Baden. Sie spielte auch in einigen Filmen. So hatte sie die Rolle der Anneliese Wagner in «OstZone». «Die Arbeit vor der Kamera verlangt enorme Präsenz, Unmittelbarkeit und Genauigkeit, das fasziniert mich», sagt sie dazu. Um die Vielfältigkeit ist sie dankbar.
Würde sie weniger arbeiten, könnte es schwer werden, davon zu leben. Doch mit ihrer Zweisprachigkeit hat sie ein Ass im Ärmel.
Ihr aktuelles Projekt ist das Theaterstück «Helvetische Revolution», das in Murten aufgeführt wird. «Es ist eine Geschichte über die Suche nach Freiheit in der Zeit der Aufklärung», erzählt Cuénod. Sie selbst hat eine tragende Rolle in dem Stück: Anna Pestalozzi, Ehefrau von Johann Heinrich Pestalozzi, dem Namensgeber der Pestalozzi-Schulen.
Diese Rolle zu spielen, ist für Cuénod eine Ehre: «Anna Pestalozzi war eine starke Persönlichkeit. Ihr Mann war ein Visionär und ein Idealist, sie aber hatte das Händchen für das Praktische.» Es sei schön, dass diese Frau nun eine Stimme bekomme.
Kein falsches Geständnis
Auf die Frage nach ihrem liebsten Projekt stützt sie nachdenklich ihr Kinn auf die Hand und schweigt. Dann setzt sie sich wieder aufrecht hin und sagt: «Schwierig zu sagen, jedes ist faszinierend. Allerdings war das Projekt in der ehemals sakralen, riesigen Barfüsserkirche in Basel für mich etwas ganz Besonderes. 2013 spielte ich die letzte Hexe von Basel, Margreth Graf-Vögtlin.
Dieses Stück habe ich selbst geschrieben und selber dafür recherchiert. Zu diesem Zweck erhielt ich die Verhörprotokolle von Graf-Vögtlin. Sie war eine einfache, sehr gläubige Frau. Selbst bei den Verhören, als sie gefoltert wurde, wollte sie kein falsches Geständnis ablegen.» Den schönsten Moment beim Schauspielern zu bestimmen, fällt ihr dann leicht: «Es gibt diesen Moment, wenn das Publikum von der Geschichte mitgerissen wird. Dann heben alle zusammen ab.»
Künftig würde sie gerne in einem französischen Film mitspielen, denn Französisch sei die Sprache ihres Herzens.