Geschichte
Muhammad Alis vergessene Badener Nacht

Am 18. Dezember 1971, eine Woche vor seinem Kampf in Zürich, besuchte der letzte Woche verstorbene Box-Champion Muhammad Ali das Kurtheater; vier Tage später verteilte er in Spreitenbach Autogramme. «The Greatest» zeigte sich von ungewohnter Seite.

Pirmin Kramer und Martin Rupf
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Muhammad Ali in Spreitenbach

Muhammad Ali in Spreitenbach

Archiv Badener Tagblatt

Muhammad Ali, der am Freitag mit 74 Jahren verstorbene Boxer, weilte vor seinem Kampf in Zürich im Dezember 1971 zweimal im Bezirk Baden. Die Besuche des Athleten, den viele als wichtigsten Sportler der Geschichte bezeichnen, bleiben in den Chroniken über Stadt und Region aber unerwähnt, weshalb sie aus dem kollektiven Gedächtnis schon beinahe verschwunden sind.

Muhammad Ali in Spreitenbach

Muhammad Ali in Spreitenbach

Archiv Badener Tagblatt

Überliefert sind die Gastspiele von Cassius Clay – viele nannten ihn damals noch bei seinem Geburtsnamen – im «Badener Tagblatt». Am 18. Dezember 1971 besuchte Clay überraschend den Auftritt der Tänzerinnen des afrikanischen Nationalballetts im Kurtheater. «Black Africa» hiess die Aufführung, die Versklavung thematisierte. Das Badener Tagblatt berichtete: «Bestimmt wären am Samstag in Badener Kurtheater nicht so viele Sessel leergestanden, hätte man gewusst, dass der illustre Cassius Clay persönlich im Zuschauerraum weilen würde.

Jedenfalls wurde das Publikum erst durch die blitzenden Fotografen auf die Anwesenheit des Berühmten aufmerksam. Ali zeigte sich von seiner bescheidenen Seite: Die Direktion des Theaters hatte für ihn samt seinem Anhang komfortable Fauteuils in den Orchesterraum gestellt.

"Indes, der Boxer verschmähte den Ehrenplatz und mischte sich dezent unter das Publikum in den mittleren Rängen. Dort turtelte er mit seinem Kind und folgte aufmerksam der Vorführung. Wer gehofft hatte, Cassius Clay nach der Vorstellung aus der Nähe betrachten zu können, wurde bitter enttäuscht: Ebenso unauffällig, wie er gekommen war, verschwand er wieder.» Auch in der Pause habe Ali Publizität verschmäht, hinter den Kulissen habe er sich mit den Angehörigen des – damals durfte man es noch so nennen – «Neger-Ensembles» unterhalten. Alles in allem habe sich Ali im Kurtheater als bescheidener, sein Töchterchen liebkosender Familienvater gezeigt.

Einer, der von Alis Baden-Besuch wissen könnte, ist Mario Widmer, verfolgte er doch als Sportreporter und als «Blick»-Sportchef Muhammad Alis Karriere hautnah. 1971 war Widmer auch an der Vermarktung von Alis Kampf in Zürich gegen den Deutschen Jürgen Blin beteiligt. «Ich erinnere mich noch vage, dass Muhammad Ali eine Vorführung des afrikanischen Nationalballetts besuchte. Es kommt mir aber beim besten Willen nicht mehr in den Sinn, wo das war.»

Muhammad Ali ist im Alter von 74 Jahren gestorben
17 Bilder
Für viele ist Muhammad Ali der beste Boxer aller Zeiten. Hier feierte er seinen 70.Geburtstag
Der 12-jährige Muhammad Ali, der als Cassius Clay geboren wurde.
Muhammad Ali beim legendären Sieg vor 50 Jahren gegen Sonny Liston.
Ein Bild aus dem Training, das Ali abseits des Rampenlichts zeigt.
Muhammad Ali trifft seinen Rivalen Joe Frazier beim legendären «Thrilla in Manila» 1975 mitten ins Gesicht. Platz 1: Muhammad Ali trifft seinen Rivalen Joe Frazier beim legendären «Thrilla in Manila» 1975 mitten ins Gesicht.
Muhammad Ali (links) und Joe Frazier während eines Kampfes im New Yorker Madison Square Garden im Januar 1974.
Muhammad Ali (in den roten Shorts) und Joe Frazier in Runde 5 oder 6 ihres Kampfes im Madison Square Garden im März 1971.
Muhammad Ali ist gestorben
1964: Muhammad Ali steht mit Malcolm X in New York.
Muhammad Ali (rechts) 1966 mit seinem Freund Jim Brown im Hyde Park, London
Muhammad Ali versucht bei einem Martial-Arts-Kampf 1976 Kicks von Wrestler Antonio Inoki abzuwehren.
1977: Fussballer Pele umarmt Muhammad Ali.
1976: Muhammad Ali versucht, einem Schlag von Ken Norton auszuweichen.
Muhammad Ali 2012 bei einer Gala in London.
Der Boxer litt seit 32 Jahren an der Parkinson-Krankheit
Die Boxhandschuhe von Sonny Liston (vorne) und Muhammad Ali

Muhammad Ali ist im Alter von 74 Jahren gestorben

KEYSTONE/DPA / EPA FILE/JAN WOITAS

«Weltmännische Kleidung»

Die Nacht, in der Ali Baden besuchte, ist in den vergangenen 25 Jahren nur in einem Zeitungsartikel erwähnt worden. Der Ennetbadener Journalist Urs Tremp erinnerte vor zehn Jahren in der az an das Aufeinandertreffen des Boxers mit dem einheimischen Coiffeurmeister und Bandleader Berth Jud.

Das «Aargauer Volksblatt» hatte darüber 1971 so berichtet: «Der Champ tauchte in weltmännischer Kleidung in der Bar des Kursaals Baden auf und verteilte Autogramme. Als einer der Ersten kam Bandleader Berth Jud in den Genuss einer Unterschrift. Clay hatte ihm sein Autogramm liebevoll auf eine Zigarettenschachtel gemalt.»

Juds Tochter Rahel Wulf erinnert sich: «Ich war damals noch ein kleines Kind. Aber ich erinnere mich gut, wie unser Vater uns von der Begegnung mit der Boxlegende erzählt hat.» Von der signierten Zigarettenschachtel hört Wulf hingegen zum ersten Mal. «Nachdem mein Vater vor 14 Jahren gestorben war, haben wir sein Haus ausgeräumt. Der Gedanke daran, dass ich ohne zu wissen die Zigarettenschachtel weggeworfen haben könnte, wurmt mich jetzt natürlich schon ein bisschen», sagt Wulf lachend.

Was veranlasste den Weltstar zum Abstecher nach Baden? Gemäss Zeitungsberichten hatte Ali den Tänzerinnen, die unweit des Boxers in Zürich weilten, am Vorabend versprochen, ihre Vorführung in der Bäderstadt zu besuchen. «Clay kam mit beträchtlichem Anhang. Anscheinend wollte er sich vor seinem Auftritt, der am 26. Dezember im Zürcher Hallenstadion stattfindet, im Badener Theater einen gemütlichen Abend machen.»

Grossmaul für einmal ganz ruhig

Fünf Tage nach seinem Besuch in Baden reiste «The Champ» ein zweites Mal in den Bezirk Baden: Im Kaufhaus Vilan des Shopping Centers Spreitenbach gab er eine Autogrammstunde. BT-Reporterlegende Rodolfo Dolfi war erstaunt, wie zurückhaltend sich Ali, das weltbekannte Grossmaul, in Spreitenbach gab. Zwei Stunden zuvor habe der Boxer in Zürich noch das grosse Wort geführt: «Morgen werde ich sagen, in welcher Runde Blin K.o gehen wird.»

In Spreitenbach sprach Ali über eine Stunde lang kein Wort, schrieb aber dafür rund 5000-mal oder öfters das Zeichen «M. Ali» auf hingereichte Posters, in Alben, auf Fotos und in Notizblöcke. «Für Gespräche und selbst dazu, Ali längere Zeit beobachten zu können, blieb kaum jemandem Zeit genug, denn ‹der Grösste› arbeitete mit seinem schwarzen Filzstift, ohne kaum jemals auch nur kurz aufzublicken», heisst es im Artikel.

Am Stephanstag 1971 zeigte sich «The Greatest» dann wieder von der Seite, für die er weltberühmt wurde: Er machte seine Ankündigung wahr – «Jürgen Blin, der fällt hin!» – vermöbelte seinen Gegner und gewann den Kampf in der siebten Runde.

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