Ennetbaden
Multiple Sklerose: mit Sport gegen die unheilbare Krankheit

Sie sind zwischen 30 und 54 Jahre alt und tragen die gleiche Bürde. Alle zwei Wochen trifft sich in der Ennetbadener Sporthalle eine Gruppe Multiple-Sklerose-Betroffener. Dort trainieren sie ihren Körper und ihr Gehirn und trotzen ihrer Krankheit.

Stefanie Suter
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MS-Sportgruppe Ennetbaden
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Kraftübungen gehören genauso zum Programm wie das Training von Koordination, Ausdauer, Körperstabilität und Sensomotorik.
Zuerst muss müssen die Sportler über einen Bank und eine Matte balancieren, bevor sie sich im Schere-Stei-Papier messen - der Spassfaktor darf nicht fehlen.
Die eine Hand schütteln und gleichzeitig die andere in einer fliessenden Bewegung vor und zurück bewegen - nicht nur für MS-Betroffene anspruchsvoll.
Jede zweite Wochen trainieren die MS-Betroffenen, um Körper und Gehirn fit zu halten.
Irene Härdi (links) bietet Hand bei der Gleichgewichtsübung.

MS-Sportgruppe Ennetbaden

Alex Spichale

«Streichelt mit der linken Hand den Bauch und trommelt gleichzeitig mit der rechten Hand leicht auf den Kopf», sagt Irene Härdi und blickt in die Runde. Die ausgebildete Sportwissenschafterin leitet das Training für Betroffene von multipler Sklerose (MS), einer Erkrankung des zentralen Nervensystems. «Mit dieser Übung werden die linke und die rechte Gehirnhälfte gleichzeitig aktiviert», erklärt sie.

Alle zwei Wochen treffen sich die MS-Betroffenen aus der Region in der Turnhalle in Ennetbaden. Sie trainieren Körperstabilität, Koordination, Kraft, Ausdauer und die Sensomotorik, das Zusammenspiel von sensorischen und motorischen Leistungen. Dass das Training nicht nur für MS-Betroffene anspruchsvoll ist, zeigt der Selbstversuch der nächsten Übung: «Schüttelt die linke Hand und bewegt gleichzeitig den rechten Arm in einer fliessenden Bewegung waagrecht vor und zurück», sagt Härdi.

Kein Gefühl in den Händen

Einer, der heute mitturnt, ist Markus. Dass er MS hat, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Das leichte Hinken ist das einzige von aussen sichtbare Anzeichen. Aber: «Mein rechtes Bein brennt dauernd, als würde ich in Brennnesseln stehen», sagt der 52-Jährige. Vor sieben Jahren hatte er den ersten Schub: Lähmungen im linken Bein sowie kein Gefühl mehr im rechten Bein und an beiden Händen in Daumen bis Mittelfinger. Er wurde auf verschiedenste Krankheiten untersucht, unter anderem auf Hirnhautentzündung und Borreliose. Ein Jahr später diagnostizierten die Ärzte multiple Sklerose.

Für den begeisterten Sportler war die Diagnose ein Schock; Markus kapselte sich zeitweise von seiner Umwelt ab. Das Handballspielen musste er aufgeben: Er konnte den Ball nicht mehr fangen, da die Sensomotorik und die Koordination nicht mehr wie früher funktionierten. Den Sport an den Nagel hängen wollte er aber nicht.

Also gründete er den Aargauer Ableger der Regionalgruppe «Bewegung und Sport» der MS-Gesellschaft. Seit einem Jahr turnen nun durchschnittlich fünf bis sieben Teilnehmer in der Sportgruppe mit. Die Jüngste hat Jahrgang 1984, der Älteste ist 54 Jahre alt. «Dank des Sports geht es mir besser», sagt Markus. Er ist überzeugt: «Ich kann mit dem regelmässigen Training die Symptome und Einschränkungen positiv beeinflussen.»

Mit der MS-Sportgruppe möchte Markus auch andere Betroffene ermutigen, ihre sportliche Seite zu entdecken und in Bewegung zu bleiben. «Wir sind mit der Sportgruppe Ansprechpartner für MS-Betroffene in der Region, die gemeinsam Sport machen möchten.» Die Übungen sind so aufgebaut, dass jeder nach seinen Möglichkeiten mitmachen kann. «Schliesslich soll es ja Spass machen.»

Symptome unterscheiden sich stark

Als Nächstes stehen verschiedene Gleichgewichts- und Kraftübungen auf dem Programm. «Sucht euch alle ein Gerät», sagt Trainerin Härdi. Während jemand auf einem Gymnastikball balanciert, stützt Vreni ihre Unterarme auf dem Schwedenkasten ab und hebt abwechslungsweise das linke und das rechte Bein an.

Ihren ersten MS-Schub hatte die 51-Jährige 2007. «Ich hatte zuerst Schwindelgefühle, dann sah ich doppelt und dreifach», erinnert sie sich. «Das war sehr schlimm – ich hatte keine Ahnung, was los war.» Die Ärzte tippten auf einen Schlaganfall, was sie aber nicht bestätigen konnten. «Sie schickten mich ohne Diagnose wieder nach Hause.»

Bewegung und Sport Region Aargau

Sportgruppe für MS-Betroffene

nächstes Training: 15. Oktober, 18.30 Uhr, Turnhalle Ennetbaden;

Anmeldung: m.eisele.ch@gmail.com.

Nach ungefähr sieben Wochen verschwanden die Symptome glücklicherweise wieder von alleine. Ein Jahr später folgte aber der zweite Schub: Sie sah auf dem rechten Auge nichts mehr. Wieder folgte ein regelrechter Ärztemarathon, doch erst die neurologische Abteilung des Kantonsspitals Aarau stellte fest: Vreni ist an multipler Sklerose erkrankt. «Ich war bestürzt – ich fühlte mich im falschen Film», sagt sie. «Ich weiss gar nicht mehr, wie ich damals nach Hause kam.»

Schrittweise verbesserte sich der Zustand wieder, und nach ungefähr zwei Monaten konnte Vreni wieder sehen. Geblieben ist die starke Müdigkeit, die sogenannte Fatigue, an der sehr viele MS-Betroffenen leiden. «Wenn ich mich konzentriere, bin ich schnell erschöpft und muss mich hinlegen.» Nach körperlichen oder geistigen Anstrengungen braucht sie heute viel länger als früher, um sich zu erholen.

Im Training mit der Sportgruppe stellte sie fest, dass sie zudem Probleme mit der Sensomotorik hat: «Ich sah den Ball in der Luft, konnte ihn aber nicht rechtzeitig mit den Händen fassen.» Sie ist überzeugt, dass das regelmässige Konzentrations- und Gleichgewichtstraining ihr hilft, auf dem jetzigen Gesundheitslevel so lange wie möglich zu bleiben. «Von den Übungen könnten aber auch gesunden Menschen profitieren», sagt sie und lächelt.