Steht man bei Konzerten vorne an der Seite, dann hat das mehrere Vorteile: Einerseits ist man nahe bei den Musikern, man erkennt die Griffe an den Instrumenten, den Gesichtsausdruck der Musiker. Andererseits hat man das Publikum im Blick, nimmt unmittelbar wahr, welche Wirkung die gespielte Musik hat, welche Bewegungen sie in Körpern auslöst.

An diesem Samstagnachmittag, dem letzten Tag des «One of a Million»-Festivals, sind auf der einen Seite des Restaurants Rebstock die Hände an Keyboard, Bass, Synthesizer, Schlagzeug und Mikrofon. Auf der anderen Seite und in direktem Übergang zur «Bühne» stehen Körper dicht an dicht, wippen leicht mit. Hier und da sind Augen geschlossen. Was sehen sie? Vielleicht eine leere Wohnung in irgendeiner Grossstadt. Das Telefon klingelt und jemand spricht mit technisch-verzerrter Stimme auf den Anrufbeantworter.

Dieses Bild zumindest evoziert die melancholische Popmusik der Berner Band «Lolasister», wenn Sängerin Leoni Altherr mit viel Feingefühl und hallender Stimme von Einsamkeit, Nähe und Verletzlichkeit singt.

Seit 2011 sorgt das «One of a Million»-Festival einmal im Jahr für Musikerlebnisse der intimen Art. «Lolasister» setzen die Stimmung an diesem Nachmittag in der Badener Altstadt, die iranisch-schwedische Künstlerin Shida Shahabi führt sie später am Flügel in der Sebastianskapelle weiter. Ihr Klavierdebüt trägt den Titel «Homes» und befasst sich in emotionalem Ton mit den zwei Heimatorten der Künstlerin.

Auf dem Weg zum nächsten Veranstaltungsort kommen wir am Schaufenster vorbei. In einer Zwischennutzung am Schlossbergplatz haben Künstlerinnen und Künstler ihre Festival-Erlebnisse verinnerlicht und zu Kunst verarbeitet. An einer Wand hängen bunt-gemalte Plattencovers, an der gegenüberliegenden rote und blaue Fotos von Abendveranstaltungen. Die Fensterscheiben schmücken organische Formen und Skulpturen, sie erinnern an Körperteile und an Pflanzen. Musik gehe durch den Körper, werde körperlich spürbar, erklärt Eveline Salzgeber ihre Bilder.

Dass Musik körperlich angehen kann, führt später die amerikanische Singer-Songwriterin Petal aus. Ihre Lieder handeln vom Ringen um Selbstakzeptanz, vom «queer» sein und vom Umgang mit Depressionen und Ängsten. Die Musik der Solokünstlerin ist rührend, und als sie sich zuletzt ans Publikum wendet und sagt, dass sie nicht alleine sind und dass Hilfe anzunehmen eine Stärke sei, wird vor allem ihre eigene musikalische Verarbeitung und Therapie deutlich.

Im Plattenladen Zero Zero machen sich derweil die drei belgischen Musikerinnen von «Condore» für ihr Konzert bereit. Die häufig dreistimmig gesungenen Lieder, die mit Keyboard und Xylophon untermalt werden, erinnern an «Die fabelhafte Welt der Amélie» und nehmen die Besucher schnell für sich ein.

Im «Royal» wird getanzt
Spätestens mit der Band «Odd Beholder» entspricht das energetische Level einer verheissungsvollen Samstagnacht. In der Druckerei spielt das Duo «Lucid-Dreampop» und reflektiert die Auswirkungen der virtuellen Welt auf Beziehungen unter uns. «Was passiert etwa mit unseren Facebookprofilen, wenn wir alle tot sind?», fragt Sängerin Daniela Weinmann ins Publikum und verhandelt diese Frage sogleich in sanften Synth-Pads und klarem Gesang, während hinter ihr animierte Körper und projizierte Avatare über die Wand flirren.

Richtig zum Tanzen kommt man spätestens im Royal bei «Teleman». Die vier Briten machen derart tanzbaren Elektropop, dass kaum ein Bein still bleibt. Aber das ist erst der Anfang; in der Stanzerei wird Musik noch bis in die späten Stunden mit dem ganzen Körper gefühlt.