Musik
Mehr als nur alte weisse Männer: Die Badener Band New Polarities verpackt Gesellschaftskritik in sphärische Klänge

Mit seiner Band New Polarities wagt Roger Molnar nach sieben Jahren den grossen Schritt: Mit «Œ» veröffentlicht er sein erstes Album. Nicht fehlen darf dabei der Bezug zu Baden.

Larissa Gassmann
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Die Badener Band New Polarities: Djamal Moumène, Tobias Suter, Roger Molnar und Marcel Suk.

Die Badener Band New Polarities: Djamal Moumène, Tobias Suter, Roger Molnar und Marcel Suk.

zVg/ Michael Städler

So ganz gehört er nicht dazu, der aus der Zeit gefallene Macho im neusten Video der Badener Band New Polarities. Er mischt sich ungefragt in Gesprächsrunden ein, flirtet mit jüngeren Frauen und verdrängt im Kulturhaus Royal die lustige Meute von der Tanzfläche. Und so kommt es, wie es kommen muss: Der Türsteher hat das letzte Wort und stellt den Störenfried kurzerhand vor die Tür.

Gespielt wird der aufdringliche Gast von Roger Molnar, normalerweise Leadsänger der Band. Mit der Rolle kann er sich gezwungenermassen ein Stück weit identifizieren. «Ich bin bald ein alter weisser Mann mit all den Vorurteilen, die man über ihn haben kann. Und das ist in Ordnung so», sagt der 39-Jährige. Gleichzeitig steht die Figur im Video für ihn sinnbildlich für alle Stereotypen, deren Ende bald kommen soll.

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So möchte Molnar auch nicht genau einordnen, welcher Sound die Hörer auf der neuen Platte «Œ» erwartet. «Das Schubladisieren ist eine Aufgabe des Hörers», sagt er. Die Texte der neun Songs hat Molnar selbst geschrieben. Inspiration findet er immer und überall. «Vielfach habe ich zuerst eine Melodie im Kopf. Erst dann kristallisieren sich Worte oder Begriffe heraus, um welche ich eine Geschichte baue», sagt er. Es sei ihm dabei wichtig, Dinge offenzulassen, damit sich möglichst viele in den Texten wiederfinden können: «Letztendlich beschäftigen wir uns alle auf irgendeine Art mit den gleichen Themen im Leben.»

«Meiner Meinung nach ist es fünf vor zwölf»

Eines darf trotzdem nicht zu kurz kommen: Die Kritik des Künstlers an der Gesellschaft. Angst, mit seiner Meinung zu Umweltthemen anzuecken, hat er keine. «Meiner Meinung nach ist es fünf vor zwölf. Das darf man auch so zum Ausdruck bringen», sagt er.

Und so besingt Molnar auf «Œ» nicht nur das Ende der weissen alten Männer, sondern auch das aller Kämpfe und Fakten. Hinfort soll die Angst vor dem neuen Zeitalter. «Visions of Utopia/And there seems to be no time and space». Wenn die Welt beinahe vor die Hunde geht, braucht es entgegengesetzte Töne. So wie es der Bandname «New Polarities» beschreibt. Sphärische Klänge. Erst verzerrt und dann harmonisch. «Humanität des Widerspruchs», nennt die Band das.

Schon vor der Pandemie bereit für eine Veröffentlichung

Mit von der Partie sind stets der Bassist Marcel Suk, Schlagzeuger Tobias Suter und der Gitarrist Djamal Moumène. Obwohl die Band seit sieben Jahren in dieser Form existiert, wurden bisher nur 2015 und 2016 zwei EPs veröffentlicht. Eile verspürte Molnar trotzdem nie. «Es wartet niemand auf uns. Also lassen wir uns Zeit, um das Ganze reifen zu lassen», sagt er.

Bereits vor der Pandemie war das Album eigentlich bereit für eine Veröffentlichung. Die Songs waren fertig. Die Band war es nicht. Dann kam die Pandemie – und doch schien Ende Januar auf einmal alles zu passen.

Dass die Vierergruppe ihr Werk nicht gleich dem Publikum präsentieren kann, sieht Molnar trotzdem als Nachteil an. In den kommenden Jahren wird der Konkurrenzkampf um die Auftritte kaum kleiner werden. «Wir müssen uns unsere Bühnenzeit erkämpfen», sagt Molnar. Die späte Veröffentlichung bedauert er aber nicht. «Ich bin kein Mensch, der Dinge bereut. Es hat schon alles seinen Sinn», sagt er. Und: «Wir haben ja Zeit.»

Auch wenn seine Songs von der Erde losgelöst klingen, ist Molinar geerdet. Baden sei Dank. Der Albumtitel ist ein Hommage an das Oederlin-Areal, wo die Songs erschaffen und aufgenommen wurden. Die Stadt ist für Molnar Heimat. Stabilität. Verwurzelung. «Etwas, das mir das Gefühl gibt, nie wegzumüssen», sagt er. Gerade in Zeiten wie diesen sei es schön, füreinander und miteinander regionales auf die Beine zu stellen. Schliesslich muss ein alter weisser Mann nicht immer anecken.

Wie es mit dem Störenfried aus dem Badener Royal weitergeht, wird übrigens bald aufgelöst: Eine Fortsetzung gibt es im Video zur Single «Echo». Diesmal wurde im Bäderquartier im Limmathof gedreht. Baden bleibt eine Konstante.

Hinweis

Videoveröffentlichung

Der Clip zur Single «Echo» wird am 19. Februar auf dem YouTube-Kanal der Band veröffentlicht.