In Baden herrschte am Donnerstag Ausnahmezustand, nachdem bei Manor eine telefonische Drohung eingegangen war, wonach im Gebäude eine Bombe platziert sei. Das Kaufhaus wurde ebenso evakuiert wie umliegende Geschäfte und Wohnungen, während rund sechs Stunden war das Zentrum abgesperrt. Gestern Freitagmittag teilte die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau dann mit: «Noch im Verlaufe des gestrigen Tages konnte ein Tatverdächtiger ermittelt werden, der am Donnerstagabend vorläufig festgenommen wurde.»

Beim Beschuldigten handle es sich um einen 32-jährigen Türken aus der Region. Die Staatsanwaltschaft Baden hat gegen ihn ein Verfahren wegen Drohung und Schreckung der Bevölkerung eröffnet. Ein anderer Mann, der am Donnerstagnachmittag eine polizeiliche Abschrankung überschritten hatte und von der Kantonspolizei vorübergehend festgenommen worden war, stand nicht in Verbindung mit der Drohung und befindet sich wieder auf freiem Fuss.

Keine Gefahr für Bevölkerung

«Laut heutigem Kenntnisstand war der Beschuldigte nie bei Manor angestellt», teilt die Medienstelle der Staatsanwaltschaft auf Anfrage weiter mit. Ausserdem sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht davon auszugehen, dass noch eine weitere Person mit der Drohung zu tun gehabt haben könnte.

Der Staatsanwaltschaft sei nichts darüber bekannt, dass je eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden hätte. Eine zweite Einvernahme des Tatverdächtigen sei im Laufe des Tages vorgesehen, hiess es gestern Mittag. Aus ermittlungstaktischen Gründen äussern sich die Strafverfolgungsbehörden weder zum Aussageverhalten des Beschuldigten noch zu den Umständen, die zu seiner Ermittlung führten.

Ein Experte hält es für möglich, dass der Verdächtige trotz anonymen Anrufs und unterdrückter Nummer habe zurückverfolgt werden können. Lionel Bloch, Gründer der Firma Forentec aus Zürich, die auf IT-Forensik spezialisiert ist, erklärt: «Wenn ein Anruf via Festnetz, mit einem Handy oder aus einer Telefonkabine gemacht wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass das Gerät ausfindig gemacht werden kann.

Selbst wenn man die Rufnummer unterdrückt, werden Spuren hinterlassen, es kommt eine Verbindung mit einer Funkzelle zustande.» Kniffliger werde die Aufgabe, wenn der Anruf via Internet getätigt werde. «Es gibt die Möglichkeit des Spoofing, also der Verschleierung der eigenen Identität.

Zwar erscheint beim Empfänger des Anrufs eine Nummer, allerdings gaukelt der Server eine falsche Nummer vor.» Problematisch sei, dass sich die Inhaber solcher Server-Provider oft im Ausland befinden und nicht gezwungen werden können, die Identität des Nutzers preiszugeben.

Bis zu drei Jahre Haft

Welche Strafe könnte dem Tatverdächtigen drohen? Der auf Strafrecht spezialisierte Badener Rechtsanwalt Stefan Semela sagt auf Anfrage: «Der Strafrahmen bei einer Verurteilung wegen Drohung und Schreckung der Bevölkerung beläuft sich auf eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahre oder eine Geldstrafe.

Bei ernstzunehmenden Drohungen wie im vorliegenden Fall liegen bedingte Freiheitsstrafen durchaus im Rahmen des Möglichen.» Stefan Semela verweist auf die bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten, zu der vor zehn Jahren ein Mann verurteilt wurde, der von einer öffentlichen Telefonkabine aus eine Bombendrohung gegen den Coop City St. Annahof in Zürich ausgesprochen hatte.

Bilder vom Polizeieinsatz in Baden:

Passanten reagieren unbeholfen

Auffällig war während des Polizeieinsatzes, wie viele Leute nach Umwegen fragten; bei den Polizisten erkundigten sich oftmals auch junge Leute mit Smartphones in der Hand, mit denen sie dank Routenplanern selber eine alternative Strecke hätten ausfindig machen können. Dazu sagt Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei: «Wir haben schon bei anderen Einsätzen festgestellt, dass die Leute zum Teil sehr unbeholfen reagieren, dass sie nicht mehr weiterkommen, sobald sie ein Absperrband sehen.»

Ebenfalls auffällig: Wie viele Menschen sich den Absperrbändern näherten, obschon die Kantonspolizei die Bevölkerung via Twitter und Medien dazu aufrief, sich vom Schlossbergplatz fernzuhalten. «Die Leute reagieren zum Teil unbedacht», sagt Roland Pfister. Die Mentalität in anderen Ländern wäre in solchen Fällen sicher eine andere. «Viele Menschen in unserem Land fühlen sich sicher, können sich gar nicht vorstellen, dass etwas passieren könnte.»