Regionalpolizei
Nach 20 Jahren in der Repol: Würden Sie nochmals Polizist werden wollen?

Patric Klaiber tritt als Chef der Regionalpolizei Limmat-Aare-Reuss ab – nach fast 20 Jahren. Ob der 48-jährige nochmals Polizist werden würde im Nachhinein? Dies und andere Fragen beantwortet er im Interview.

Roman Huber
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Leutnant Patric Klaiber verlässt die Regionalpolizei LAR. Emanuel Freudiger

Leutnant Patric Klaiber verlässt die Regionalpolizei LAR. Emanuel Freudiger

Er sei am Aufräumen und in seinem Büro sehe es eben ganz danach aus. Auch ein bisschen Wehmut hängt spürbar in der Luft, als Patric Klaiber (48, ledig, in einer Partnerschaft) den Besuch der az ins Gemeinderatszimmer zum Interview führt. Dort, wo übrigens die Auflösung der Regionalpolizei Limmat-Aare-Reuss (LAR) beziehungsweise ihre Einverleibung in die Stadtpolizei Baden per 2016 beschlossen worden ist.

Ist das Ende von LAR für Sie überraschend gekommen?

Patric Klaiber: Eigentlich nicht. Irgendwie spürte man das Damoklesschwert von Beginn weg. Eine kleine Regionalpolizei hat nun Mal diese kritische Grösse, und das hat die Sache nie einfacher gemacht.

Stecken wirtschaftliche Überlegungen hinter diesem politischen Entscheid?

Zuerst kommt die Sicherheit. Es geht aber auch um Geld. Sicherheit kostet Geld. Doch Geld ist nicht alles, was die Sicherheit ausmacht. Das Thema muss man aber breiter fassen.

Geht es um die Erfüllung des Auftrags mit diesem Bestand?

Die Ausgangslage des dualen Systems war zu Beginn noch eine andere als heute. Mit der Entwicklung sind weitere Aufgaben dazugekommen und es werden noch mehr folgen. Das braucht Personal. Damit steigen auch die Kosten.

Was wünschen Sie den LAR-Gemeinden?

Dass alle Gemeinde auch in der neuen Organisation die polizeiliche Grundversorgung und ihre Ansprechpartner haben werden.

Sie als Chef des Aussenpostens Siggenthal, war das kein Thema?

Nein. Für mich war klar, dass sich in der neuen Organisation in diesem Konstrukt nicht mehr dabei sein werde. Es gibt hier keinen Platz, der für mich eine Herausforderung bedeutet hätte.

Orte ich da ein wenig Frustration?

Nein. In keiner Weise. Ich durfte hier eine Regionalpolizei aufbauen. Das ist etwas Besonderes, da habe ich viel Herzblut hineingesteckt. Es war eine intensive Zeit mit spannenden Aufgaben. Die Arbeit hier bereitete mir viel Freude, und das wird sie noch bis zum letzten Tag tun. Knapp 20 Jahre war ich in Untersiggenthal. Diese Zeit ist vorbei. Ich nehme eine neue Herausforderung an. Klar: Ich verlasse hier tolle Mitarbeiter, eine tolle Gemeinde als Arbeitgeber.

Sie waren 1995 Nachfolger des damals legendären Dorfpolizisten Otti Müller. Kein leichtes Erbe?

Als «herunter gekommener» Zürcher hatte ich es nicht gerade einfach. Da wurde ich zuerst kritisch gemustert und es kam zu lustigen Begegnungen, über die ich heute noch schmunzeln muss.

Sie bauten die Regionalpolizei auf und waren plötzlich für mehrere Gemeinden verantwortlich. Wie funktionierte das?

Gut, denn wir hatten aus jeder Gemeinde den jeweiligen Ortspolizisten. Darum konnten wir das örtliche Wissen über die Leute integrieren. Es ist wichtig, dass die Gemeinden ihren jeweiligen Ansprechpartner haben. Das versuchten wir, bis heute durchzusetzen.

Das war nicht einfach bei den vielen personellen Wechseln.

Ja, wir hatten viele Personalwechsel. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Belastung ist in einer kleinen Organisation grösser. Wenn mit schmalem Bestand immer mehr Aufgaben bewältigt werden müssen, kommt es auch zu Verschleisserscheinungen. Da geht man vielleicht lieber zu einer grösseren Polizei-Organisation.

Damit mussten Sie sich abfinden?

Wir waren uns der schwierigen Situation stets bewusst. Untersiggenthal ist zwar ein guter Arbeitgeber. Das Personalreglement ist hervorragend. Es gibt aber noch eine weitere Seite: Der Markt an guten Polizeikräften ist derzeit ausgetrocknet. Darum haben wir auch junge Berufsleute ausgebildet, was wiederum mit mehr Aufwand verbunden war.

Wie fällt Ihr Rückblick aus?

Ich hatte eine lange und sehr schöne Zeit hier in der Gemeinde Untersiggenthal. Knapp 20 Jahre sind es. Der Blick geht nun nach vorne, wenn auch natürlich mit ein bisschen Wehmut.

Was war Ihnen persönlich bei Ihrer Arbeit am wichtigsten?

Der direkte Kontakt zur Bevölkerung. Ich habe ihn von Beginn weg gesucht und auch gefunden.

Speziell auch mit der Jugend.

Die Jugendarbeit ist etwas Wichtiges. Auch hier ist der Kontakt, insbesondere die Vernetzung enorm wichtig, wenn man Einfluss nehmen möchte.

Einfluss nicht nur mit Repression?

Nein. Das wäre einseitig betrachtet. Die Leitplanken sind bei jungen Leuten noch breiter gesteckt. Da lässt man Dinge durch, die im Erwachsenenalter nicht mehr geduldet würden. Mein Ziel war es, in einer partnerschaftlichen Form und doch in aller Klarheit auf die Spielregeln hinzuweisen.

Ist das nicht eine Gratwanderung?

Klar. Einerseits mussten Sicherheit, Ruhe und Ordnung gewährleistet sein, andererseits braucht es den Dialog mit der Jugend. Bei ihr muss man das Verständnis für die Bedürfnisse der Bevölkerung schaffen.

Dialog – als Ordnungshüter wohl nicht immer einfach?

Das Gespräch ist oft ein sehr gutes Mittel. Doch man kann es nicht allen Leuten recht machen. Mein Bestreben war es, immer fair zu sein und alle Leute gleichzubehandeln.

Das hat Konfliktpotenzial zwischen den Rollen als Polizist und Mensch.

In der Uniform wird dieser Mensch als Polizist gesehen. Da spielt es oft eine Rolle, welche Erfahrungen jemand mit der Polizei gemacht hat, und in welchem Ton miteinander gesprochen wird. Mir war es immer wichtig, auch als Mensch wahrgenommen zu werden, der allerdings für den Vollzug des Gesetzes zu sorgen hat. Diese Situation ist nicht immer einfach.

Und als Mensch drückt man doch ab und zu ein Auge zu?

Sicher gibt es den gewissen Ermessensspielraum. Die Schwierigkeit ist, damit so umgehen zu können, dass die Glaubwürdigkeit nicht verloren geht. Drückt man da ein Auge zu und dort nicht, steckt man schnell im Dilemma. Ich denke, es ist wichtig, dass man anständig miteinander spricht. Zum menschlichen Umgang gehört der richtige Ton.

Hand aufs Herz. Würden Sie nochmals den Polizeiberuf wählen?

Nun, ich würde es mir wohl nochmals überlegen. Für einen jungen Menschen ist es im Polizeiberuf nicht einfach. Ich denke da insbesondere an den gesellschaftlichen Wandel, der immer spürbarer wird und so die Arbeit anspruchsvoller macht.

Und wie lautet daraus Ihre Schlussfolgerung?

Wer als Polizist damit gut umgehen will, muss mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und einen guten Ausgleich haben. Die Beobachtung zeigt es: Bei der Polizei bleiben die Leute entweder sehr lang, weil es doch viel Befriedigung gibt, oder sie gehen nach kurzer Zeit wieder.