Feier zur 60. Einkellerung

Nach dem Jubiläum ist Schluss: Wettingen verliert seine letzte Trotte

Für Meinrad Steimer endet ein Kapitel: Die Feier zur 60. Einkellerung ist auch gleich der Schlusspunkt für seinen Weinkeller.

1960 wurde im Weinkeller von Meinrad Steimer an der Rebbergstrasse 32 der erste Wein eingekellert. Dieses Jahr geschah das zum 60. Mal – und auch zum letzten Mal. Im Herbst hat Steimer hier die letzten Trauben zu Wein verarbeitet. «Aber nur noch für Dritte», sagt der 58-Jährige lachend. «Meine 2019er-Trauben und auch die der anderen Wettinger Weinstern-Winzer sind bereits in Würenlingen und werden dort für den ersten Wein der neuen Aktiengesellschaft im März 2020 gekeltert.»

Mit dem Ende des Betriebs im Weinkeller schliesst auch das Kapitel «Weinbaugenossenschaft Wettingen» endgültig. 68 Jahre lang stand diese für den Wettinger Wein. Auf fünf Hektaren pflegten 28 Wettinger Winzer über 25'000 Rebstöcke der Sorte «Pinot Noir». Jedes Jahr wurden rund 30'000 Kilogramm Trauben geerntet, die Meinrad Steimer zu etwa 40'000 Flaschen Wettinger Wein pro Jahr verarbeitete.

Mit seinem Weinkeller und dem Verkaufslokal mit Schaufenster war er seit 1994 sozusagen das Gesicht der Weinbaugenossenschaft. Damals begann er, für diese den Wein zu keltern. Als treibende Kraft hinter der Weinbaugenossenschaft und des Wettinger Weins hatte er bereits vor zehn Jahren Gespräche unter den Genossenschaftern angeregt, wie es mit dem hiesigen Weinbau weitergehen soll, wenn er dereinst seinen Keller schliessen werde. Erst suchte man nach einer Lösung für den gesamten Wettinger Weinbau, nicht nur für die Kelterei, sondern ein Unternehmen, das auch Logistik und Vermarktung, also die ganze Produktionskette unter einem Dach vereint. Eine solche Variante gab es in Wettingen nicht, aber in Würenlingen: bei der Andreas Meier & Co.

Vater Josef und Sohn Meinrad in der alten Trotte.

Vater Josef und Sohn Meinrad in der alten Trotte.

Keller ist nicht mehr zeitgemäss

Mit der 60. und letzten Einkellerung geht nicht nur für Meinrad Steimer und seine Familie ein intensives Kapitel zu Ende, sondern für das ganze Weinbaudorf Wettingen. Die Gemeinde verliert ihre letzte Trotte. «Es ist natürlich emotional, dass es mit der Kelterung hier in Wettingen zu Ende ist, aber für mich geht es trotzdem weiter», sagt Steimer. «Ich werde künftig regelmässig in Würenlingen anzutreffen sein und mich dort der Weinproduktion widmen», so der Winzer. Er werde auch in Zukunft für die Stossrichtung des Weins verantwortlich sein, einfach im Namen der Weinstern AG, die den Wettinger Wein neu positionieren will.

Nicht alle der früheren Genossenschafter sind bei der heutigen Aktiengesellschaft mit dabei. Für Steimer ist dieser Weg trotzdem die beste Lösung: «Der Keller in dieser Form war so oder so nicht mehr zeitgemäss.» Bevor die Trauben gekeltert werden konnten, mussten sie vorgängig gepresst werden – auf der anderen Strassenseite. Von dort musste der Saft dann unter der Strasse durch in den Keller gepumpt werden: «Für effizientere Betriebsabläufe benötigt es heutzutage viel mehr Fläche und nach Möglichkeit alles auf einem Boden», so Steimer. Als Kleinbetrieb könne man vielleicht so arbeiten, aber nicht mit der Traubenmenge, welche die Wettinger Rebberge hergeben.

Dank neuen Reben weniger Pflanzenschutzmittel

Den Rebbergen gehört Steimers Herz. Von Kindesbeinen an hat er es geliebt, dort zu «trübele». An seinen ersten Schluck Rotwein kann er sich aber nicht mehr erinnern: «Natürlich habe ich als Kind immer mal wieder den Finger abgeschleckt und wusste schon früh, wie Wein auf der Zunge schmeckt und in der Nase riecht.» Es verwunderte auf jeden Fall niemanden, dass er in die Fussstapfen seines Vaters Josef trat, eine Winzerlehre absolvierte und 1982 im Betrieb einstieg. Im Alter von 34 Jahren, im Jahr 1995, übernahm er diesen dann von seinem Vater.

In den Jahrzehnten, die er nun schon im Geschäft ist, hat sich viel verändert. Bis 1973 wurden die Weine der Genossenschaft in einem Gewölbekeller vis-à-vis der katholischen Kirche gekeltert – bis Josef Steimer dann die heutigen Räumlichkeiten an der Rebbergstrasse 32 erweitern liess. Damals funktionierte der Verkauf noch etwas anders: «Die erste Verkaufstheke meines Vaters umfasste einen Harass, auf dem ein Brett platziert war mit einem Schreibblock», erinnert sich Steimer lachend. Doch nicht nur die Verkaufstheke hat sich vergrössert: «Früher haben wir zwar mehr Weine verkauft, aber damals bestand das ganze Verkaufsangebot noch aus über 80 Prozent Blauburgunderweinen, also Pinot Noirs.» Heute gebe es viel mehr Traubenvariationen «und aus einer Sorte können wir inzwischen viele verschiedene Weine machen». Auch die Qualität der Trauben habe sich gesteigert und es werde viel sauberer gearbeitet. «Auch das ­Wissen über biochemische Vor­gänge hat sich enorm weiterentwickelt», so Steimer. Heute werde mehr experimentiert. So macht es auch Weinstern Wettingen. Steimer hat vor Kurzem einen Teil seiner Reben gerodet, um diese mit einer neuen Kreuzung zu ersetzen, einer europäisch-amerikanisch-asiatischen Reben-Kreuzung. Diese soll dafür sorgen, dass in Zukunft weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden muss. «Es gibt bereits Weine, die mit diesen Reben gekeltert werden, sonst hätten wir uns nicht dazu entschieden.» In drei Jahren wird dann aus diesen Trauben der erste Wein hergestellt. Je 20 Are Reben werden im Frühling mit weissen und roten Trauben bestockt. Daraus soll dereinst das Standardprodukt von Weinstern Wettingen entstehen.

Für einen fulminanten Schlusspunkt sorgte auch Steimers 2017er-Jahrgang des «Pinot Noir Barrique». An der internationalen Weinprämierung «Expovina» wurde ihm deshalb die Auszeichnung für den besten Deutschschweizer Rotwein 2019 überreicht. «Das war eine grosse Ehre für mich und hat mir gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Steimer stolz.

60 Jahre Weinkeller

Jubiläumsfeier, Rebbergstrasse 32, Freitag, 22.11., 17-20 Uhr, Samstag, 23.11., 10–17 Uhr.

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