Spreitenbach
Nach Drama in Spreitenbach: Gegen die Eltern wird ermittelt

Nach dem tödlichen Unfall vom Donnerstag Abend hat die Staatsanwaltschaft Baden eine Strafuntersuchung eingeleitet. Der tödlich verunfallte Knabe sass ohne Kindersitz im Geländewagen als sich die Tür öffnete.

Urs Moser
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VU_Spreitenbach3

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Kapo AG

Tragischer geht es nicht: Eltern verlieren bei einem Verkehrsunfall ihr Kind und müssen nun damit rechnen, selber wegen fahrlässiger Tötung ihres vierjährigen Sohnes zur Verantwortung gezogen zu werden.

Zu den näheren Umständen des Unfalls, bei dem am Donnerstagabend in Spreitenbach ein vierjähriger Knabe ums Leben kam, ist noch wenig bekannt. Eines steht aber fest: Im Geländewagen, aus dem der Junge gefallen ist, gab es keinen Kindersitz.

Ein solcher ist aber seit April 2010 für Kinder bis zu zwölf Jahren vorgeschrieben, sofern sie nicht bereits grösser als 1,50 Meter sind. Eine Ausnahme gilt für Kinder ab 7 Jahren in Fahrzeugen, die nur mit Beckengurten ausgerüstet sind (vor allem ältere Fahrzeuge auf dem Mittelsitz hinten ohne Drei-Punkte-Gurt).

Obwohl noch nicht bekannt ist, ob und wie der Vierjährige anderweitig gesichert war, ist also sicher: Er hätte so nicht in dem Land Rover, der im Fond mit Längsbänken ausgestattet ist, mitfahren dürfen.

Plötzlich öffnete sich die Hecktür

Der Unfall ereignete sich am Donnerstag kurz vor 18 Uhr im Kreisel an der Furttalstrasse/Industriestrasse in Spreitenbach. Wie Polizeisprecher Roland Pfister erklärt, deutet nach bisherigen Erkenntnissen «nichts auf ein unkorrektes Fahrverhalten» einer der Beteiligten hin.

Aber plötzlich öffnete sich am Geländewagen, hinter dem ein Audi TT in den Kreisel eingefahren war, die Hecktür. Der 61-jährige Audi-Fahrer, ein in der Region wohnhafter Schweizer, hatte keine Chance mehr zu bremsen oder auszuweichen.

Er überfuhr das aus dem Land Rover fallende Kind. Passanten kümmerten sich sofort um den Jungen, eine Ambulanz und auch ein Rettungshelikopter der Rega rückten aus. Aber jede Hilfe kam zu spät.

Die Reanimationsversuche blieben erfolglos, der Knabe verstarb noch auf der Unfallstelle. Am Steuer des Geländewagens war der Vater des Jungen gesessen, ein 29-jähriger Schweizer aus dem Bezirk Baden. Auch die Mutter sass mit im Wagen.

Ohne Kindersitz: Gerichte sind streng

Ohne detaillierte Untersuchungsergebnisse im konkreten Fall halten sich Rechtsexperten zurück. Eines steht laut Auskunft der Rechtsschutzabteilung des TCS fest: «Das Mitführen eines vierjährigen Kindes ohne Kindersitz ist auf keinen Fall zulässig.» Die Gerichtspraxis bei Unfällen mit Körperverletzung oder sogar Todesfolge sei streng, selbst ohne Unfall werde ein Verstoss gegen die Vorschriften zur Kindersicherung oft bereits als grobe Verkehrsregelverletzung beurteilt. Die TCS-Anwälte äussern sich nicht zum Fall in Spreitenbach, aber: «Grundsätzlich liegt die Verantwortung für die Sicherung beim Lenker.» Das könnte bedeuten, dass zumindest die traumatisierte Mutter des tödlich verletzten Knaben nicht auch noch strafrechtliche Konsequenzen zu gewärtigen hat. Was ist mit dem Fahrer des Wagens, der nicht mehr bremsen konnte? Auch hier: Es kommt auf den genauen Sachverhalt an. Dass er nicht bremsen konnte, sei nicht unbedingt ein schuldhaftes Verhalten. (mou)

Strafuntersuchung eröffnet

Die Staatsanwaltschaft Baden hat eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet: gegen den Fahrer des Wagens, der das aus dem Geländewagen gefallene Kind überfuhr, wie auch gegen den Vater und die Mutter des getöteten Jungen.

Traurige Ironie des Schicksals: Wäre es nicht zum fatalen Unfall gekommen und der Land Rover nur in eine Kontrolle geraten - der Vater wäre bloss mit einem bescheidenen Lehrgeld zu mehr Verantwortungsbewusstsein gemahnt worden.

Das Mitführen eines nicht gesicherten Kindes unter 12 Jahren wird mit einer Ordnungsbusse von 60 Franken bestraft. «Dem Fahrer des Geländewagens wurde daher auch der Führerausweis nicht abgenommen», so Polizeisprecher Roland Pfister.

Unfallplatz fünf Stunden gesperrt

Die Unfallstelle war zur Tatbestandsaufnahme gesperrt worden. Ungefähr fünf Stunden lang wurde der Verkehr umgeleitet. Die Angehörigen des tödlich verunfallten Kindes wie auch die im Einsatz stehenden Kräfte der Feuerwehren Spreitenbach und Neuenhof wurden durch das Care-Team Aargau betreut.
Der Geländewagen gehört nicht dem Vater, der am Steuer sass, er war ausgeliehen. War etwas mit der Hecktüre nicht in Ordnung, hat sie der Vierjährige selber geöffnet, haben die Eltern überhaupt etwas bemerkt, bevor es zur fatalen Kollision kam?

Darauf gibt es noch keine Antworten. Der Vater des getöteten Knaben sollte gestern Nachmittag einvernommen werden, die Mutter befand sich am Tag nach dem Unglück in einer psychischen Verfassung, die noch keine Befragung zuliess.

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