Die zartgliedrige Künstlerin trägt ein mit Farbsprenkeln übersätes rotes Kleid. «Alles Spuren von meiner Arbeit», sagt Claudia Anesini und lacht. Aberhunderte von Bildern stapeln sich entlang den Wänden ihres lichtdurchfluteten Ateliers im Oederlin-Areal mit Blick auf die Limmat. Ob Akt oder Landschaftsimpressionen – die Werke der 59-Jährigen kennzeichnet ihr dynamischer, bisweilen flüchtig wirkender Pinselstrich. Formate von 2,4 auf 2 Meter sind darunter, die mit ihrer Grösse auf keiner Staffelei Platz haben. Anesini legt sie auf den Boden und rutscht beim Malen tagelang auf den Knien herum. Dabei wird nicht nur ihre Kreativität, sondern auch ihre Beweglichkeit gefordert.

Wer sie in Aktion erlebt, kann kaum glauben, dass ihr Leben vor kurzem an einem seidenen Faden hing. Am 10. Oktober 2015 stürzte sie während der Ferien im türkischen Bodrum mit ihrem Motorrad und rutschte über den Asphalt. «Ich wollte mich gerade aufrappeln, da überrollte mich der hinter mir fahrende Laster mit einem Reifen», erinnert sich Anesini. Dass sie überlebte, grenzt an ein Wunder. 12 gebrochene Rippen durchbohrten teilweise ihre Lungen. Die zerfetzte Milz musste sofort entfernt werden. Nach sechs Tagen Intensivstation in der Türkei wurde sie in die Schweiz überführt und verbrachte hier nochmals lange Zeit im Spital und der Reha. «Für mich war es, wie wenn ich nochmals geboren worden wäre. Und ich musste alles neu lernen: Richtig atmen, die Arme bewegen. Seither ist für mich nichts mehr selbstverständlich», sagt die gebürtige Bernerin. Ihre Stimme zittert leicht und man merkt, wie viel Kraft sie die letzten Monate gekostet haben.

Mit eiserner Disziplin trainierte sie täglich, um wieder zu Kräften zu kommen. «Wenn ich das Leben schon wieder geschenkt kriege, will ich es auch geniessen können», sagt die Malerin und in ihren funkelnden blauen Augen spiegelt sich die wiedergewonnene Energie wider. Heute fühlt sie sich fast so fit wie vor dem Unfall. Aufgeben kam für die Mutter von drei erwachsenen Kindern nie infrage. Auch nicht, als ihre Ehe in die Brüche ging und sie wieder bei null anfing. Sie war gezwungen, ihre Galerie im Bäderquartier nach viereinhalb Jahren wegen Eigenbedarf des Vermieters wieder aufzugeben. Dies, obwohl sie sich dort nach der schmerzhaften Trennung eine neue Existenz aufgebaut hatte. Dann – nur wenige Monate nach ihrem Umzug ins Oederlin-Areal – passierte der schwere Unfall in der Türkei.

Das Malen macht sie stark

Die Leidenschaft für das Malen und ein unerschütterlicher Optimismus helfen der gerade mal 1,62 Meter grossen Frau, schwere Schicksalsschläge zu überwinden. «Viele Leute staunen, wie zäh ich bin», sagt sie und rückt eines ihrer Werke zurecht: Es ist eine Impression in Nachtblau mit schimmernden Wellen, die sie in Öl gepinselt und mit Echtgold vergoldet hat.

Trotz der schwierigen Phase, die hinter der ausgebildeten Restauratorin und Vergolderin liegt, strahlen ihre Gemälde Zuversicht und Freude aus. Seit dem Unfall malt sie reduzierter, tendiert mehr zur Abstraktion. Himmel und Wasser fliessen ineinander über. In eindringlichen Farbkompositionen befasst sie sich mit dem Universum, wo alles ins Tiefe oder ins Leere führt. In Claudia Anesini schlummern ständig unzählige Ideen für Motive, die sie auf die Leinwand bringen will. Macht ihr nach all den schweren Hürden, die sie in ihrem Leben überwunden hat, überhaupt noch etwas Angst? «Ja», gesteht sie, «ich fürchte mich vor der unaufhaltbaren Machtbesessenheit und Geldgier rücksichtsloser Politiker, die viel menschliches Leid verursachen.»

Open Doors im Atelier von Claudia Anesini, Oederlin-Areal, Haus 11, Landstrasse 1, Baden. 24. 9., ab 14 Uhr mit Open End; 25. 9., 14 bis 19 Uhr; 1. und 2. 10., 14 bis 19 Uhr.