Wettingen
Nachbarn wollten Bauland kaufen, um Neubau zu verhindern

Um den beschaulichen Charakter ihrer Strasse zu erhalten, wollten die Anwohner ein unbebautes Grundstück kaufen. Mehr als 500000 Franken konnten sie jedoch nicht ausgeben, die neuen Einfamilienhäuser werden gebaut.

Dieter Minder
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Rebstrasse Wettingen
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Rebstrasse
Das Haus mit der Sonnenuhr wird einem Neubau weichen
Die über 70 Jahre alte Tanne steht nahe an der Grenze

Rebstrasse Wettingen

Dm

«Wettingen, die Gartenstadt», dieser Leitsatz ist für die Bewohner an der Rebstrasse kein leeres Wort. Um in ihrem Quartier ein Stück unbebautes Land zu erhalten und damit der Idee, «Wettingen, die Gartenstadt» Nachdruck zu verleihen, sind sie bereit, 500 000 Franken auf den Tisch zu legen.

Kommentar von Dieter Minder: Der Widerstand kommt zu spät

Der Fall Rebstrasse ist kein Einzelfall. Sowohl in Wettingen wie auch in anderen Gemeinden kommt es immer wieder vor, dass innerhalb eines Baugebietes alte Häuser abgebrochen und durch grössere Wohnhäuser ersetzt werden. Dabei nutzt der Bauherr lediglich die geltenden Zonenvorschriften aus. Denn während früher ein Nutzgarten zwingender Bestandteil einer Wohnliegenschaft war, werden heute die Grundstücke soweit möglich ausgenutzt. Dies ist ein Vorgehen, das die Politik im Sinne der Verdichtung nach innen fördert.

Solche Bauverdichtungen geschehen nicht immer zur Freude der Nachbarn, wie der Fall Rebstrasse zeigt. Doch welche Möglichkeiten haben sie, um sie zu verhindern? Es sind zwei: Entweder kaufen sie das Grundstück und entziehen es so dem Immobilienmarkt oder sie setzen sich für eine Revision der Bauordnung ein. Welchen Weg sie auch immer wählen, wichtig ist, dass sie diesen frühzeitig einschlagen. Es nutzt nichts, erst aktiv zu werden, wenn die Planung bereits fortgeschritten ist und hohe Kosten aufgelaufen sind.

Anwohner Harald Mikula: «Wir hängen alle sehr an diesem gewachsenen Quartier und wollten deshalb unsere Rebstrasse retten.» Doch trotz aller Solidarität, sie können das Land nicht kaufen, es wird überbaut.

«Das Baugesuch hat uns aufgeschreckt», sagt Annette Brauer. Da hätten sie erfahren, dass auf dem angrenzenden Grundstück ein Einfamilienhaus und auf dem Nebengrundstück drei Einfamilienhäuser entstehen sollen.

«Im Gespräch sind wir Nachbarn übereingekommen, uns für den Erhalt der Grünflächen einzusetzen.» In einem ersten Schritt erhoben sie Einsprache gegen das Bauvorhaben. In der Folge wurde das Projekt angepasst.

Inzwischen liegt die Baubewilligung auf dem Tisch und die Bauarbeiten können beginnen. «Damit wird sich der Charakter der kleinen Quartierstrasse verändern», sagt Brauer. Besonders zu schaffen macht dies Hans Widmer: «Ich bin vor 75 Jahren hier geboren.»

Sein Haus steht unterhalb der Baustelle. «Das Land oberhalb meines Elternhauses war bis zur Lägern unbebaut. Es standen viele Rebmauern, so wie diese hier.» Dabei zeigt er auf die Mauer, die sein Grundstück bergseits begrenzt.

Tannen sind in Gefahr

Hans Ammon, ein weiterer Nachbar, der ebenfalls bereit war, sich finanziell zu engagieren, befürchtet vor allem, dass seine rund 70-jährigen Tannen beim Bau Schaden nehmen. Die Tannen stehen sehr nahe an der Grenze. Ammon ist sich bewusst: «Wenn ein späterer Bewohner des neuen Hauses dies infolge Schattenwurfs verlangt, muss ich sie fällen.»

Trotzdem hofft er, dass die das Quartierbild dominierenden Bäume erhalten bleiben können. Sie sind Heimat vieler Tiere. «Hier leben verschiedenste Vogelarten, Fledermäuse, Hirschkäfer, Molche, Frösche und Libellen», ergänzt Brauer.

All die Überlegungen haben in den Nachbarn den Entschluss reifen lassen, das Areal zu kaufen und als Grünland zu erhalten. «Mit den Architekten fanden wir jedoch keinen Konsens», sagt Brauer. Deren Forderung für das Areal habe ihre Möglichkeiten bei weitem überschritten. «Über 500 000 Franken konnten wir nicht gehen.»

«Wir haben viel Geld investiert.»

Unsere Investition in das Areal liegt beträchtlich über den 500 000 Franken», sagt Adi Steger. Das Wettinger Architekturbüro Thalmann Steger hatte das Areal erworben. Das bergseitige Einfamilienhaus haben sie verkauft, auf dem an die Rebstrasse grenzenden Gelände erstellen sie ein Einfamilienhaus. «Neben dem Landpreis haben wir schon viel Geld für das Projekt aufgewendet», sagt Steger, deshalb sei ein Verkauf zu diesem Betrag nicht infrage gekommen. Zum Kontakt mit den Nachbarn sagt er: «Wir haben ihnen das Projekt vorgestellt und sind sofort auf Ablehnung gestossen.» Inzwischen ist das 6,5-Zimmer-Einfamilienhaus bewilligt. «Wir haben den Einfahrtsbereich angepasst und auf den Balkon verzichtet.» Damit entspricht das Projekt den gesetzlichen Vorgaben. Die Bauarbeiten für das Einfamilienhaus werden mit den Bauarbeiten auf dem östlich davon liegenden Grundstück koordiniert. «Damit können wir viel rationeller vorgehen», sagt Steger. In diesem Falle ist das Büro Thalmann Steger nicht als Bauherr, sondern Architekt im Auftrag eines Dritten. (DM)