Nachruf
Leonardo Vannotti: Ein stiller Mensch mit Charakter und grosser Wirkung – nicht nur bei BBC und ABB

Zum Gedenken an Leonardo Vannotti (1939-2021), der BBC, ABB, Ascom, Sulzer, Gavazzi, SIG und dazu viele Menschen weiterbrachte.

Ulf Berg
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Leonardo Vannotti am 28. Juni 2007 in seinem Haus in Ennetbaden

Leonardo Vannotti am 28. Juni 2007 in seinem Haus in Ennetbaden

Susi Bodmer/AZ-Archiv

Leonardo Vannotti hat viele Menschen und Firmen in seiner klaren und stillen Art geprägt. So sitzen an vielen führenden Positionen heute Menschen, die ihren Werdegang zu einem wichtigen Teil Leonardo Vannotti verdanken. Er war ein stiller Mensch ohne grosse Worte, aber mit viel Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe. Berühmt sind die Abendessen von Kandidaten und zukünftigen Partnern bei ihm zuhause – zusammen mit seiner Frau Barbara. Es wurde niemand befördert oder angestellt ohne die sorgfältig vorbereiteten und persönlichen Gespräche in entspannter Atmosphäre im Hause Vannotti.

Seine einmaligen Menschenkenntnisse, gepaart mit Prinzipien-Festigkeit und Technologie-Kompetenz, haben die von ihm geführten Unternehmen und Mitarbeitenden weitergebracht.

Wenig bekannt, weil weit zurück, ist sein Beitrag zum Halbleiter-Geschäft der damaligen BBC. In seinen frühen Jahren, nach ETH-Studium und Promotion in Physik, hat er in den USA und in Kanada bei den damaligen High-Tech-Unternehmen National Research Council, Bell Telephone Labs und Varian gearbeitet. Nach der Rückkehr 1972 ist er bei BBC Brown Boveri als Gesamtleiter für elektronische Komponenten eingestiegen. In diese Zeit fiel unter an­derem die Erfindung und inzwischen weit verbreitete Entwicklung der Liquid Crystal Displays (LCD) in Zusammenarbeit mit Philips.

1982 wurden ihm die Sanierung und der Wiederaufbau der BBC-Tochtergesellschaft Tecnomasio in Milano aufgetragen. Diesen Wiederaufbau hat er meisterhaft umgesetzt und die Firma auf den Pfad der Tugend zurückgeführt.

Er brachte seine Persönlichkeit immer wieder entwaffnend ins Spiel

Berühmt ist auch die Auseinandersetzung mit Percy Barnevik nach der Fusion von BBC und ASEA zu ABB. Barnevik und Vannotti hatten sehr unterschiedliche Meinungen über die Italien-Strategie. Auf Grund der divergierenden Meinungen verliess Leonardo Vannotti ABB. Nach zwei Jahren hatte Barnevik immerhin die Grösse, Leonardo Vannotti anzurufen und mitzuteilen, dass nicht Barnevik, sondern Vannotti strategisch recht gehabt hatte. Nach seinem Weggang hat er den damaligen Grossaktionär der ABB, Stephan Schmidheiny, bei der Führung des ABB-Portfolios bis 1989 unterstützt.

Leonardo Vannotti hat seine Persönlichkeit immer wieder entwaffnend ins Spiel gebracht, etwa wenn er unterwürfiges Gehabe und politische Spiele und Intrigen sanft, aber mit dem Zeigefinger entlarvte. Seine unverwechselbare Art, mit Menschen umzugehen, hat auch auf den Teppichetagen für Verwirrung gesorgt, weil er Mitarbeiter als Menschen sah und sich bei Problemen nicht hinter seinem Amt versteckte, sondern dem Problem auf den Grund gehen wollte – jetzt, sofort!

1990 wechselte er zu Ascom, der damals neu geschaffenen, in über 70 Ländern aktiven und damit grössten Unternehmensgruppe für Telekommunikation der Schweiz. Als CEO hat Vannotti von 1991 bis 1993 versucht, die ungesunde Abhängigkeit von staatlichen Post- und Telekommunikationsbetreibern durch mutige Investitionen in zukunftsgerichtete Kommunikationstechnik zu reduzieren. Mit dem Kauf der amerikanischen «Timeplex», dem führenden Anbieter für globale Vernetzung, wollte er Ascom die Chance geben, dort mitzuspielen, wo die grossen Potenziale lagen.

Mit feinfühliger, aber klarer Hand

Nach Ascom gelang ihm 1996/97 in einer fast aussichtslosen Situation die Rettung der Distefora Holding (der früheren Interdiscount) mit anschliessender Neuausrichtung. Keiner der Obligationäre der am Abgrund stehenden Gruppe erlitt einen Verlust, ebenso wenig die involvierten Banken. Anschliessend war er Präsident und CEO der Carlo Gavazzi Gruppe und hat zwischen 1997 und 2000 das Unternehmen restrukturiert, neu fokussiert und nachhaltig zu Rekordumsätzen und -resultaten geführt. In dieser Zeit hat er auch viele Unternehmen als Präsident oder Mitglied des Verwaltungsrats begleitet: Magnequench gehört dazu, aber auch Nextrom, Micronas, Econis auf der Technologieseite sowie Rothschild Bank, SIG, Audemars.

Leonardo Vannottis grösste Leistung in den Jahren nach ABB war wohl die Neuausrichtung der Sulzer AG nach den Problemen um die Jahrtausendwende. Er hat mit feinfühliger, aber klarer Hand den Verwaltungsrat umgebaut und zusammen mit der neuen Geschäftsleitung die Neuausrichtung auf vier Säulen ohne Sulzer Medica und Kompressoren fertiggebracht. Die Neubesetzung des Verwaltungsrates war hier sein Meisterstück.

Die von ihm eingeführte Governance war ihrer Zeit voraus: Nebst fachlichen Qualifikationen wurden die menschlichen Qualitäten sorgfältig ausgewertet – und es galt ein absolutes Filz-Verbot: Wer im VR von Sulzer sass, durfte nicht gleichzeitig zusammen mit VR-Kollegen einem anderen VR angehören. Nach der erfolgreichen Neuausrichtung wuchs Sulzer zu einem sehr profitablen Unternehmen heran, gleichzeitig entstanden bis heute erfolgreiche Firmen wie Burckhardt Compression oder die später an Zimmer Orthopedics verkaufte Sulzer Medica beziehungsweise Centerpuls.

Vannotti führte auch den Kampf mit aggressiven Investoren wie Vekselberg, Pecik oder Stumpf mit grossem Engagement konsistent und korrekt. Er hatte dabei immer die Interessen des Unternehmens und aller seiner Stakeholder im Auge; der damals modische Shareholder- Value-Ansatz liess sich nicht mit seinen gesellschaftlichen Überzeugungen vereinbaren.

Leonardo Vannotti starb am 20. April im Alter von 82 Jahren.

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