Nachruf
Sollte es je ein atomares Endlager geben, dann auch wegen diesem Aargauer

Zum Gedenken an den Ennetbadener Marc Thury (1944-2021), dem ehemaligen Chefgeologen der Nagra mit visionärem Scharfsinn.

André Lambert, Baden
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Marc Thury hatte seit 1973 in Ennetbaden gewohnt.

Marc Thury hatte seit 1973 in Ennetbaden gewohnt.

Foto: Alex Spichale

Seit 1973 hatte der Geologe und Naturforscher Marc Thury in Ennetbaden gewohnt. Am vergangenen 4. Juni nahmen nun seine Familie, Freunde und Weggefährten in der reformierten Kirche Baden von ihm Abschied.

Marc Thury arbeitete zunächst mehrere Jahre für die Badener «Motor Columbus»-Unternehmung und war weltweit als Ingenieurgeologe auf Mission. Dabei erwarb er sich profunde Sachkenntnis und Erfahrung. Auf dieser soliden Fachexpertise wurzelte schliesslich seine Überzeugung, wonach Tongesteine die strengen Anforderungen an die Sicherheit von atomaren Endlagern sowohl in der Schweiz als auch in anderen Ländern zu erfüllen vermögen. Diese begründete Einsicht sollte den weiteren Verlauf seiner beruflichen Laufbahn prägen.

Negative Befunde führten zu Bruchlandung des Projekts

Das Konzept eines geologischen Endlagers basiert auf der Annahme, dass hochradioaktive Stoffe mehrere hunderttausend Jahre im geologischen Untergrund eingeschlossen bleiben, bis durch den Zerfall der nuklear strahlenden Fracht ihre Gefährlichkeit abgeklungen ist. Entscheidende Faktoren in diesem Konzept sind demnach die einschlusswirksamen Eigenschaften des «Wirtgesteins», also der Gesteinsformation, welche über diese langen Zeiträume die sichere Verwahrung gewährleisten soll.

Bekanntlich obliegt der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) die Aufgabe, primär die geologischen Grundlagen der Entsorgungsprojekte in der Schweiz bereit zu stellen. In den 1970er Jahren hatte die Nagra noch das tiefliegende kristalline Grundgebirge (aus Granit und Gneis) als Wirtgestein im Visier. Doch die negativen Befunde der Sondierbohrungen im geologischen Untergrund der Nordschweiz führten Ende der 1980er Jahre letztlich zur Bruchlandung des Projekts «Kristallin», mithin zum amtlich besiegelten «Aus» für ein Endlager in dieser Gesteinsoption.

Thury packte die einmalige Chance

Aber gab es eine bessere Alternative? Für Marc Thury, mittlerweile als Chefgeologe der Nagra tätig, war die Antwort klar: Tongesteine. Als Gründungspräsident einer internationalen Arbeitsgruppe für die Erkundung von Tongesteinsformationen erarbeitete er das Projekt für eine unterirdische Forschungseinrichtung im Sondierstollen des nachmaligen Autobahntunnels der A 16 durch den Mont Terri bei St-Ursanne (JU). Aber warum ausgerechnet in dieser pittoresken Ecke der Schweiz? Weil der Sondierstollen aufgrund der geologisch-tektonischen Situation die rund hundert Meter mächtige Schicht eines tonreichen Sedimentgesteins etwa 300 Metern unter der Erdoberfläche durchbohrt hatte. Bei dieser Tonsteinschicht handelt es sich um den sogenannten «Opalinuston». Dieser kommt zwar auch im tektonisch vergleichsweise wenig beanspruchten Untergrund der Nordschweiz vor, jedoch in Tiefen von mehreren hundert Metern, wofür eine extrem aufwändige Erschliessung über Schächte erforderlich gewesen wäre. Im Mont Terri war der Zugang nicht nur horizontal, sondern bereits vorhanden. Diese einmalige Chance galt es zu packen: Marc Thury tat es!

Gründete ein Felslabor – auch gegen Widerstände

Anfangs 1995 erteilte der jurassische Minister Pierre Kohler die Bewilligung zur Umsetzung des Forschungsprojektes Mont Terri; die offizielle Eröffnung folgte am 18. Juni 1996. Das diesjährige 25-Jahr-Jubiläum wird Marc Thury zwar nicht mehr mitfeiern können, doch sein Vermächtnis lebt und gedeiht.

Seine Vision eines Zentrums für unterirdische Tonsteinforschung hat er hartnäckig umgesetzt. Auch gegen Widerstände aus dem Kreis der Nagra-Führungsgremien hat er das Felslabor Mont Terri gegründet, als Direktor geleitet und zu einer international beachteten technisch-wissenschaftlichen Institution unter der neutralen Leitung von «swisstopo» ausgebaut. Wo stünden die atomaren Entsorgungsvorhaben heute in der Schweiz ohne die fundamentalen Erkenntnisse aus der Tonsteinforschung im Felslabor bei St-Ursanne? Sollte je ein atomares Endlager im Inland Tatsache werden können, würde dies nicht zuletzt Marc Thurys visionärer Beharrlichkeit zu verdanken.

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