Als Sammler hortet Marc Thury Silber, Bordeaux-Weine, Leicas und Dampfkochtöpfe. Als Medizinmann braut er Tinkturen aus Heilkräutern und Schnaps zusammen. Als Wissenschafter gründete er vor 20 Jahren das internationale Felslabor Mont Terri und war ein Pionier bei Experimenten im Tongestein zur geologischen Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle. Seit der Pensionierung ist die Küche sein Labor. Dort probiert er für seine Gäste neue Rezepte wie Lammhödeli in Marsala-Aspic aus. Einen Fernseher gibt es im Hause Thury nicht. Der Tag hat für den 71-Jährigen auch so schon viel zu wenige Stunden.

Sammler und Genussmensch

Marc Thury serviert Apéro-Häppchen im Wohnzimmer. Seine blauen Augen sprühen vor Tatendrang und die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, wenn er anfängt, über sich zu erzählen. Es ist ein Genuss, einem Mann zuzuhören, der auch als Senior begeisterungsfähig geblieben ist und das Leben in vollen Zügen geniesst. «Ich habe keine existenziellen Sorgen und eine schöne Familie», erklärt der Vater zweier Töchter und sechsfache Grossvater. Auch gesundheitlich geht es ihm gut. Nur die Beine machen etwas zu schaffen und sind nicht mehr so schnell, wie der Kopf es möchte. «Arterienverengung» meint Thury und nippt am Rotwein. Den hat er sich therapeutisch verordnet.

Das Wohnzimmer des kleinen Ennetbadener Hauses, in welchem er seit 33 Jahren mit seiner Frau Marie-Christine lebt, ist vollgespickt mit Silberobjekten, Bildern und antiken Möbeln. Als «Chaos» würde es mancher ordnungsliebende Deutschschweizer bezeichnen. Für Thury ist es ein Paradies. Kaum tippt man auf einen der ausgestellten Gegenstände, erzählt er schon die Geschichte dazu. Da ist die Salière aus der Renaissance, die er mit viel List günstig ersteigern konnte. Als Kenner weist er auf die Schönheit der ins Edelmetall hineingetriebenen Engel hin und streicht liebevoll über seine Preziose. An jedem einzelnen Stück hat er immer noch so viel Freude, als ob er es gerade gestern erstanden hätte.

Pioniergeist und Kämpfer

Marc Thury hat auch eine pragmatisch-nüchterne Seite. Er ist Wissenschafter. Nach seinem Geologie-Studium war er als Ingenieurgeologe für die Motor Columbus Baden weltweit tätig. Später wechselte er zur Nagra und wurde deren Chefgeologe. «Es brauchte viel Durchsetzungsvermögen in meinem Job», meint er rückblickend auf seine Berufskarriere, «Alles, was mit Kernenergie zu tun hat, ist heikel. Unsere Sondierbohrungen für die Suche nach möglichen Standorten für die Endlagerung von Atomabfällen wurden oft bekämpft.» Mit viel Pioniergeist gründete er das internationale Felslabor Mont Terri im Kanton Jura, dessen Tonschichten sich für die Lagerung von radioaktiven Abfällen als besonders geeignet erwiesen. Heute führen dort 16 Organisationen aus acht Ländern wissenschaftliche Experimente durch. Zum 20-Jahr-Jubiläum des Mont-Terri-Labors hielt Thury als Gründer des Projektes vor wenigen Tagen einen Vortrag vor hundert hochkarätigen Gästen aus Politik und Wissenschaft und wurde für seine Pionierleistungen von Bundesrat Guy Parmelin persönlich geehrt.

Ritterlichkeit und Bauernschläue

Der 200 Kilo schwere Renaissance-Schrank stand einst im Schloss Jegenstorf BE, wo die Schwiegermutter aufwuchs. Thurys Mutter stammt aus einer Berner Bauernfamilie. «Ich hab von ihr einen Schuss Bauernschläue mitbekommen, die mir oft mehr geholfen hat als alle wissenschaftlichen Erkenntnisse», verrät er und fügt hinzu: «Durch die Erziehung meiner Mutter erhielt ich so viel Selbstvertrauen, dass es fürs ganze Leben reichte.» Vom Vater, aus einer Waadtländer Familie von Wissenschaftern und Ingenieuren, stammt seine ritterliche Grundhaltung, dass man als Stärkerer immer den Schwächeren hilft. «Servir sans être serviteur» (Dienen, ohne Diener zu sein) war dessen Credo.

Im untersten Stockwerk, wo Marc Thury «sein Reich» hat, ist es noch enger als im Wohnzimmer. Die selbst gezimmerten Regale quillen über von Sammelobjekten; ins Auge sticht eine Kollektion von 40 doppelwandigen Dampfkochtöpfen der Edelmarke Kuhn Rikon. Hier ist auch das Labor, in dem er aus selber gezogenen Heilkräutern und Alkohol verschiedene Tinkturen braut. Der Hobby-Apotheker schwört auf sie: «Grad kürzlich hat mir mein Arzt bestätigt, dass alle meine Blutwerte im grünen Bereich sind.»

Seinen Forschungsdrang lebt er heute aber am liebsten in der Küche aus. Täglich tüftelt er an neuen Rezepten und führt darüber Tagebuch. Genüsslich schnalzt er mit der Zunge, wenn er an das Siedfleisch in Bouillon denkt, welches er 30 Stunden lang bei ganz genau 75 Grad zart gart. Noch rasch ein Blick auf die Leica-Sammlung, denn Thury ist auch ein passionierter Fotograf; und in den Garten mit den über dreissig Obstbäumen. Marc Thury müsste etwa 300 Jahre alt werden, um noch all das zu machen, worauf er Lust hat. Doch er sagt: «Ich bin erfüllt. Wenn ich morgen einen schlechten Bescheid bekäme vom Arzt, wäre ich gelassen. Das Einzige, was es im Leben zu bereuen gibt, sind die verpassten Sünden.»