Gender
«Nein, Frauen denken nicht anders»

Im PhiloThiK sprach die Philosophieprofessorin Elisabeth Bronfen über Frauen und Bildung – und den Wert des Lesens.

Corinne Rufli
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«Es ist Unfug, zu glauben, dass Frauen anders denken als Männer. Frauen bringen aber eine andere Lebenserfahrung ein», sagt Elisabeth Bronfen, Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich. Die passionierte Wissensvermittlerin hat zahlreiche Aufsätze in den Bereichen Gender Studies, Psychoanalyse, Film- und Kulturwissenschaften geschrieben. Mit Witz, Charme und sprudelnder Intelligenz fesselt Bronfen die vielen Zuschauerinnen und Zuschauer, die am Sonntagmorgen ins ThiK gekommen sind.

Zwei Thesen in den Raum gestellt

PhiloThiK heisst die Reihe, die seit zehn Jahren fester Bestandteil des Spielplanes des Theaters in der Halde in Baden ist. Man wird zum Zuhören, Diskutieren, Philosophieren und Nachdenken angeregt. Die Gäste inspirieren durch ihr Wissen und ihre Erfahrung. So auch Elisabeth Bronfen, die zum Thema «Wie viel Herz erträgt die Bildung?» über Bildung und Frau referierte. «Männer waren bis vor zwanzig Jahren Verwalter von Bildung», sagt die Professorin.

Heute machen Frauen über die Hälfte der Studierenden der Geisteswissenschaften aus. Bronfen stellt zwei Thesen in den Raum: Weil die Bedeutung der Geisteswissenschaften durch die immer höher eingestufte Wirtschaft gesunken ist, haben die Frauen überhaupt erst Zugang dazu bekommen. Und: Eine Wissenschaft oder ein Beruf verliert durch die schlechter bezahlten Frauen an Wert.

Bronfen kritisiert die Ökonomisierung der Bildung. Immer gehe es um die Rendite. Die Menschen müssten wie Ameisen innerhalb ihres Rasters funktionieren. Es gehe viel Kreativität verloren, wenn nur Effizienz im Mittelpunkt stehe. Kontemplation komme zu kurz. Bronfen erwähnt mehrmals die Wichtigkeit des Lesens: «Dabei kommt die innere imaginäre Fähigkeit zum Tragen. Es zwingt einen, mit Einbildungskraft und Gefühlen zu interagieren. Man muss dabei in das Denken eines anderen eintauchen und kommt weg vom eigenen egozentrischen Wesen.» Der Zugang zu Büchern sei heute einfacher denn je. Aber viele schrieben lieber nur SMS.

Die Harvard-Absolventin appelliert an das Engagement aller: «Auch wenn der öffentliche Raum immer komplizierter wird und wir nicht alles wissen können – wenn wir nichts tun, dann überlassen wir anderen das Feld.»