Turgi

Nello-Piero Amaducci ist 70 Jahre alt und arbeitet noch immer

Nello-Piero Amaducci bewickelt einen Motor bei der Werder Elektromaschinen AG.  (Andreas Bannwart)

Arbeitet seit 50 Jahren in Turgi

Nello-Piero Amaducci bewickelt einen Motor bei der Werder Elektromaschinen AG. (Andreas Bannwart)

Seit 49 Jahren wickelt Nello-Piero Amaducci bei der Werder Elektromotoren AG in Turgi Motoren. «Elektromotoren für Ventilatoren, Pumpen, Drehbänke», zählt er auf. Er kennt sie alle.

Von einer Spule wickelt er Kupferdraht ab und wickelt diesen über ein Holzbrettchen auf, damit er eine rechteckige Form erhält. So passt der Draht ins Motorengehäuse. Tag für Tag, am selben Tisch, an derselben Maschine. Längst hätte sich Amaducci pensionieren lassen können.

Zum Beispiel letztes Jahr, im feierlichen Rahmen des Chefwechsels von Bruno Werder zu André Plüss. Doch was dann? «Ich kenne viele Leute, die sind kurz nach der Pensionierung gestorben», sagt Amaducci und fügt ratlos an: «Was soll ich denn machen nach dem Schaffen?»

Von Norditalien nach Baden

Region «Emilia Romagna», Norditalien, 1960. Nello-Piero Amaducci hätte wie sein älterer Bruder Militärdienst machen müssen. «Ich wollte aber ‹ums Verrecke› kein Militär machen», erinnert er sich. Im Konsulat in Italien erhielt er zusammen mit einem Freund ein dreimonatiges Visum für die Schweiz. Selbst genügend Arbeit in Italien konnte Amaducci nicht zurückhalten.

Sein Freund fand schnell Arbeit im damaligen Hotel Engel in Baden. Amaducci hatte es schwerer, aber auch Glück: «Ich hörte von einer Frau, die hinter dem Markasport wohnte.» Und diese Frau wusste Bescheid über Arbeitsplätze in der Region. Deshalb verteilte Amaducci bald um 4 Uhr früh für die damalige Bäckerei Meier (heute Arnet) gegenüber der ABB Gipfeli. «Das war nicht toll», erinnert er sich. Und er verteilte zwei Wochen später keine Gipfeli mehr.

Stattdessen begann er im September 1960 beim Bahnhofbuffet in Turgi als Küchenbursche zu arbeiten; «für das 1.- und 2.-Klass-Restaurant», sagt Amaducci. 1. und 2. Klasse? «Ja, so war das», erinnert er sich an den Ort, wo er mit zwei anderen im Keller im Akkord Kartoffeln rüstete. Das Restaurant sei mit durchschnittlich 15 Gästen gut besetzt gewesen.

Vom Rüsten zum Motorenwickeln

Mittlerweile hatte Amaducci sein Visum um ein Jahr verlängert gehabt und sein Bruder war ihm in die Schweiz nachgereist. «Er arbeitete bei der Schlunegger AG Apparaturbau in Ennetturgi mit Walter Werder», erinnert sich Amaducci.

Walter Werder machte sich bald selbstständig, gründete die Werder Elektromaschinen AG und fand in Nello-Piero Amaducci jemanden, den er brauchte: Einen zuverlässigen Mitarbeiter. «Hilfswickler war ich», sagt Amaducci. Im Sommer 1961. «Es war am Anfang nicht einfach für einen Ausländer», sagt er. Aber er habe das Bewickeln von Motoren rasch gelernt. «Doch man lernt auch nie aus.»

Ein anderer hätte sich gelangweilt, Amaducci nicht. «Muss immer etwas zu tun haben, muss Programm haben», sagt er. Und verrät damit, dass diese Arbeit sein Glück war. Er scheue sich nicht, am Wochenende über einen komplizierten Motor nachzudenken. Einen mit verschiedenen Geschwindigkeitsstufen, Wicklungen und Schaltsystemen.

Verheiratet war Amaducci nie. Er wohnte in Turgi und ging mit Italienern Fussball schauen. Oder er erholte sich zusammen mit Schweizern, wenn ihm die Italiener zu viel von Fussball geredet hatten. Mittlerweile sind viele seiner italienischen Kollegen gestorben.

Das Ungewisse nagt

Doch er gönnte sich auch freie Tage – eine dreitägige Zugfahrt. Oder 2 Wochen Ferien in Italien. «Nachher musste ich aber wieder etwas machen», sagt er. «Er ist der Unternehmer im Unternehmen», bringt es Geschäftsführer André Plüss auf den Punkt. Er wisse enorm viel, sei pflichtbewusst und erhalte viele Komplimente von Kunden.

Das stimme, sagt Amaducci und fügt an: «Das tut am Abend gut. Aber sterben möchte ich nicht an der Arbeit», sagt er ernst, wird nachdenklich und führt aus: «Ich muss eben immer etwas machen, richtig fest.» Sonst habe er ein Problem, nämlich freie Zeit.

Früher ging er zwar Velo fahren oder lief weite Strecken, heute walkt er noch. Das tue ihm gut. Aber es bleibt noch immer viel freie Zeit. «Das ist ein grosses Problem für mich», sagt er. Andere verstünden dies nicht und versuchten vergebens zu helfen: «Arbeite nur halbtags», sagte ihm ein Freund. «Beginne erst um 9 Uhr, lese vorher die Zeitung, geniesse das Frühstück», versuchte sich ein anderer. «Was schaffsch du no», sagten ihm seine Verwandten in Italien und sein Bruder, der längst wieder zurückgereist war. «Ich bin da bei der Arbeit zu Hause», sagt Amaducci und fügt an: «Ohne Beschäftigung ist es für mich eine Katastrophe.»

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