Baden

Neue Funde am Kurplatz lösen Begeisterung aus – doch es wird auch Kritik laut

Bei den Grabungen am Kurplatz kommen weitere historische Funde zum Vorschein.

Bei den Grabungen am Kurplatz kommen weitere historische Funde zum Vorschein.

Bei der Sanierung der Wasserleitungen im Badener Bäderquartier kommen neue Funde aus der Römerzeit zum Vorschein. Historiker befürchten unnötige Zerstörungen. Der Kantonsarchäologe verteidigt das Vorgehen.

Vor wenigen Monaten kam bei Grabungen im Badener Bäderquartier das historische Verenabad zum Vorschein. Ein sensationeller Fund, der europaweit für Schlagzeilen sorgte und die Herzen von Archäologen und Historikern höher schlagen lässt. Damit war es aber noch nicht zu Ende mit der archäologischen Herrlichkeit auf dem Kurplatz: Es sind seitdem weitere Funde dazugekommen. Davon kann sich überzeugen, wer die Baustelle auf dem Kurplatz aufsucht. Dort sind seit einigen Wochen Sanierungsarbeiten für die Thermalwasser- und Werkleitungen im Gang.

Dabei stehen auch Bagger im Einsatz, die im Erdreich graben, um die Leitungen frei- und teilweise zu verlegen. Ans Tageslicht kamen etwa grosse Sandsteinplatten und eine Mauer, die mit Marmor verkleidet ist.» Das Herz der Badener Bäder eröffnet uns sein Innerstes. Funde, mit denen Baden locker in der Champions League der Archäologie mitspielen könnte», schreibt der Verein Bagni Popolari auf Facebook.

Die Bäderkultur hatte bei den Römern einen enormen Stellenwert. Rund um Thermalbäder wie in Baden befanden sich ganze Kulturzentren. Baden war ein wichtiges überregionales Zentrum mit den entsprechenden Bauten – im Vergleich dazu war Zürich nur ein kleines Nest. Im Gegensatz zu anderen Orten sind die Hinterlassenschaften aus der Römerzeit in Baden unter dem Boden verschwunden.

Doch wie sind die aktuellen Funde einzuschätzen? Der Aargauer Kantonsarchäologe Thomas Doppler äussert sich zurückhaltend. «Ich will keine falschen Hoffnungen wecken», sagt er. «Im Moment können wir noch nicht sicher sagen, ob es sich um bedeutsame Funde handelt. Ähnliche Funde gab es schon in anderen Baufeldern.» Es sei auch noch nicht sicher, wie viele Elemente römischen Ursprungs sind und aus welchen Zeiten sie stammen. Die Abklärungen dazu, auch zur zeitlichen Einordnung der Funde, seien im Gang.

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Bei Bauarbeiten in der Nähe des ehemaligen Hotels "Verenahof" fanden Archäologen im Mai ein bisher unbekanntes römisches Badebecken. Das Stück ist vermutlich gegen 2000 Jahre alt.

"Ich wundere mich über die Bagger"

Die Grabungen und das Vorgehen lösen Befürchtungen aus. Die Badener Historikerin Ruth Wiederkehr äussert sich kritisch: «Ich wundere mich über die Bagger und frage mich ernsthaft, wie man im Jahr 2020 Leitungen ohne die Zerstörung der römischen und mittelalterlichen Mauern, die notabene nicht wissenschaftlich dokumentiert sind, einbauen will.»

In der Nähe der Baugrube dürfte sich das ehemalige Freibad und die Quelle des Heissen Steins befinden. Wiederkehr  fragt: 

Das Kulturgesetz schreibt vor, dass der Untergrund des Badener Kurplatzes nicht zerstört werden darf – und wenn, dann nur mit einer aufschlussreichen Dokumentation.»

Besorgt ist auch der Badener Historiker und Verleger Bruno Meier. Er befürchtet, dass mit dem Kulturerbe von überregionaler Bedeutung fahrlässig umgegangen wird. «Man hätte die nötigen Abklärungen vorher treffen müssen», kritisiert er. «Solche Funde hätte man erwarten können, auch wenn man nicht wusste, wie viel von früher schon zerstört ist von früheren Bauarbeiten.»

Kantonsarchäologe verteidigt das Vorgehen gegen die Kritik

«Kein Bagger reisst hier einfach so eine Schneise», kontert Thomas Doppler. «Erst wenn die Archäologen nach ihren Untersuchungen einen Bereich freigeben, gehen die Bauarbeiten weiter.» Der Schutz und der Erhalt stünden bei den Grabungen im Vordergrund. Wo das nicht möglich sei, werde archäologisch dokumentiert. Natürlich bestehe bei diesem komplexen Projekt ein enormer Zeitdruck. Die Kantonsarchäologie halte sich beim Vorgehen aber an das Kulturgesetz. Doppler: 

Die Stadt Baden und die Kantonsarchäologie haben vor wenigen Wochen zu den Sanierungsarbeiten eine Medienmitteilung publiziert. Die Formulierungen spiegeln die Vorsicht angesichts der heiklen Arbeiten wider. So stand geschrieben: «Um das Kulturerbe bestmöglich zu bewahren, erfolgen die archäologischen Untersuchungen nur in jenen Bereichen, in welchen gemäss der definitiven Planung Bodeneingriffe stattfinden.»

Die Beteiligten würden «in enger Absprache und laufend prüfen, ob und wie weitere Anpassungen von Leitungsverläufen an die jeweils aktuellen Gegebenheiten möglich sind». Das Vorgehen der Kantonsarchäologie beschränke sich auf «baubegleitende Massnahmen und punktuelle Detailuntersuchungen». Das Ziel dabei sei «eine möglichst sorgfältige und umfassende Dokumentation».

Wiederkehr will das nicht so stehen lassen. «Dieses Vorgehen erscheint mir heikel, weil fehleranfällig», sagt sie. «Denn wer im Kurplatz baut, stösst täglich auf archäologische Überraschungen. Täglich müssen folglich unter Zeitdruck kritische Entscheidungen hinsichtlich des Kulturerbes getroffen werden. Eine Dokumentation erfolgt im Falle von Zerstörung in Bezug auf das Ensemble lückenhaft und im Eiltempo.» Für die Personen, die auf der Baustelle arbeiten, sei das «enorm anspruchsvoll», sagt sie. «Ich hoffe, dass das Gesetz eingehalten wird und dass die Zuständigen nicht zugunsten eines Zeitplans oder aus Furcht vor Kosten dagegen verstossen.»

Historische Fotos des Bäderquartiers:

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