Baden
«Junge sollen sich kreativ ausleben können»: Künstlerpaar eröffnet eine Galerie – und setzt dabei auf den Dialog

Der «1489 Kreativraum» am Cordulaplatz ist Galerie, Atelier und Eventlokal zugleich. Das Konzept von Tanja Schmid und Norman Küter: keine hohen Gebühren für junge Kunstschaffende und die Diversität der Badener Kunstszene fördern.

Rahel Künzler
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Tanja Schmid und Norman Küter wollen mit der Galerie jungen Kunstschaffenden eine Plattform bieten – der Verkauf ist zweitrangig.

Tanja Schmid und Norman Küter wollen mit der Galerie jungen Kunstschaffenden eine Plattform bieten – der Verkauf ist zweitrangig.

Valentin Hehli

Wo lange das Modegeschäft Modelin residierte und Unterhosen, Dessous und Bademode dicht gedrängt an Kleiderstangen hingen, zieren jetzt bunte Bilder von John Lennon, James Dean und Andy Warhol die Wände. Es sind die Werke vom New Yorker Künstler Bobby Hill.

Etwas weiter hinten im 50 Quadratmeter grossen Ladenlokal am Badener Cordulaplatz stehen die abstrakten Gemälde und Möbelkreationen vom jungen Designer Fabian Bolliger sowie Skulpturen von Bildhauer Ramin Dänzer – beide Künstler sind aus Baden.

Knapp drei Monate nach der Eröffnung des Kunstlokals 1489 Kreativraum haben dessen Inhaber Tanja Schmid und Norman Küter schon die zweite Ausstellung organisiert. Am Samstag hat diese Vernissage gefeiert.

Schmid hat als Künstlerin viele Länder bereist

Bei der viermonatigen Vorbereitung nahm sich das Künstlerpaar Zeit. Schmid und Küter führten persönliche Gespräche mit Interessenten, besuchten Künstler aus der Region in deren Werkstätten. Sie haben sich lange überlegt, welche Werke wie zusammenpassen, holten dazu auch die Meinungen der Kunstschaffenden ab.

Den Titel setzten sie zuletzt: «Gegenwärtig/fiktiv». Dies, weil in vielen der Kunstwerke zwar reale Formen wiederzuerkennen sind, diese aber oft von einer Traumwelt umgeben sind, erklärt Tanja Schmid. Die 43-Jährige, die in Baden aufgewachsen ist, sagt:

«Ein eigenes Kunstlokal zu eröffnen, ist ein lang gehegter Traum von uns beiden.»

Schmid war die letzten 20 Jahre im Ausland unterwegs. Unter dem Künstlernamen «Missy S.» hat sie für Musikmagazine gearbeitet und unzählige Ausstellungen kuratiert – war etwa 2016 bei den Art Weeks Miami dabei.

Kunstschaffende sollen Eigensinn nicht verlieren

Bei einem Auftrag in Deutschland hat sie ihren heutigen Lebenspartner Norman Küter kennengelernt. Der gebürtige Leibziger hat lange in der Automobilindustrie gearbeitet und fand erst 2018 zur Fotografie.

Er sagt: «Vorher war ich stark auf die Karriere fokussiert.» Der offene Geist sei das, was er an der kreativen Arbeit am meisten schätze, so Küter.

«Beim Experimentieren mit der Kamera kann ich voll abtauchen.»

Genau das ist es, was das Künstlerpaar mit dem 1489 Kreativraum in Baden bewirken will. Küter sagt: «Wir wollen eine Plattform für junge Künstler schaffen, die neue Erfahrungen ermöglicht und den Dialog fördert.»

Zur ersten Ausstellung erschien Fabian Bolliger als Besucher. Nun sind die Kunstwerke des jungen Badeners im Kreativraum 1489 ausgestellt.

Zur ersten Ausstellung erschien Fabian Bolliger als Besucher. Nun sind die Kunstwerke des jungen Badeners im Kreativraum 1489 ausgestellt.

Valentin Hehli

Geschäftsmodell voraussichtlich nicht rentabel

Dass das Künstlerpaar diese Idee nun in einem konkreten Projekt realisiert hat, dazu habe Corona entscheidend mitgetragen. Wegen den ständig wechselnden Reisebeschränkungen und um Schmids Familie näher zu sein, hat sich das Paar in Baden niedergelassen.

Schmid sagt dazu:

«Ich war überrascht, wie wenig kleine Lokale in der Stadt übriggeblieben sind.»

Dies sei besonders ein Problem für den Kunstnachwuchs. Sie erklärt: «In Galerien müssen Künstler oft schon Geld bezahlen, nur damit ihre Werke angeschaut werden.» Während der Ausstellung würden dann unabhängig vom Verkauf weitere Fixkosten anfallen. «Das kann man mit 25 Jahren nicht bezahlen», so Schmid.

Im Kreativraum gibt es deshalb nur einen einfachen Galerievertrag. Bei einem Verkauf erhält der Kunstschaffende den grössten Teil des Geldes. Dies hat seinen Preis: Während Küter das Lokal als Geschäftsführer leitet, arbeitet Schmid Vollzeit als Marketing- und PR-Beraterin.

Der Kunstform sind keine Grenzen gesetzt

Auch in Zukunft rechnet das Künstlerpaar nicht damit, dass sie mit diesem Geschäftsmodell gross Geld machen. Das Konzept anzupassen, komme aber nicht in Frage, so Schmid. Nach dem Vorbild eines «offenen Ateliers» findet sie es wichtig, ihre Erfahrungen an jüngere Kunstschaffende weiterzugeben. Sie sagt:

«Fast schlimmer als die Gebühren ist diese ständige Überbewertung des Lebenslaufs.»

Dementsprechend sei der Druck hoch, bei der ersten Ausstellung schon etwas zu verkaufen. Doch gerade am Anfang der Künstlerkarriere sei es viel wichtiger, die eigene Kreativität auszuleben und sich dabei nicht an das anzupassen, was anderen gefällt oder Geld bringt, so Schmid.

Feste Vorstellungen zur Kunstform gebe es im Kreativraum nicht, viel mehr stehe der Eigensinn der Werke im Vordergrund. Neben der Galerie im Erdgeschoss sind bald auch Veranstaltungen wie Lesungen, kleinere Konzerte und Videoperformances angedacht.

Viele Jahre war hier das Wäschegeschäft Modelin beheimatet, nun wird im Ladenlokal am Cordulaplatz 8 erstmals Kunst zur Schau gestellt.

Viele Jahre war hier das Wäschegeschäft Modelin beheimatet, nun wird im Ladenlokal am Cordulaplatz 8 erstmals Kunst zur Schau gestellt.

Valentin Hehl

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