Neuenhof
Vater-Sohn-Gespann lanciert erstes Carsharing mit E-Auto in der Region Baden: «Das Projekt hat Experiment-Charakter»

Beim Hochhaus Limmathof in Neuenhof steht jetzt ein «Elektroauto für alle» zur Verfügung. Wieso E-Carsharing-Projekte in Wohnsiedlungen vielversprechend sind.

Rahel Künzler
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Bei der Einweihung strahlen Vater und Sohn um die Wette: Roni Brunner (l.) und Samuel Brunner, Geschäftsführer der «edrive carsharing AG».

Bei der Einweihung strahlen Vater und Sohn um die Wette: Roni Brunner (l.) und Samuel Brunner, Geschäftsführer der «edrive carsharing AG».

Rahel Künzler

Das Hochhaus Limmathof an der Neuenhofer Hardstrasse, direkt neben der Schule, hat ein neues Accessoire erhalten: Ein weiss glänzendes Elektroauto des Typs Renault Zoé steht seit kurzem auf einem der Aussenparkplätze. Es ist mit einem dicken, blauen Kabel an einer der beiden ebenfalls neuen Stromzapfsäulen angemacht. Das Spezielle? Der schlanke Fünfplätzer ist kein Privatauto. Als «E-Auto für alle» soll er Mieterinnen und Mietern des Hochhauses und der umliegenden Wohnsiedlungen zur Verfügung stehen – auf Englisch «Carsharing» genannt.

Hinter dem ersten E-Carsharing-Angebot im Raum Baden stehen zwei Parteien: Liegenschaftseigentümer Roni Brunner und dessen Sohn Samuel Brunner, seit April Geschäftsführer von der edrive carsharing AG. Das Carsharing-Unternehmen, das 2018 als Start-up der Landi Luzern West entstand, betreibt seine Fahrzeugflotte mit Solarstrom aus der Landwirtschaft. Um dem Grundgedanken der geteilten Mobilität gerecht zu werden, können auch Private ein Elektrofahrzeug auf der Plattform vermieten. Wie Roni Brunner.

Einkaufsfahrt ins Shoppi für wenig Geld

Der Eigentümer des Limmathofs erzählte seinem Sohn von der Idee, für die rund 100 Mieterinnen und Mieter eine E-Tankstelle zu installieren. Dieser entgegnete: «Wieso nicht einen Schritt weiter gehen und in ein E-Carsharing-Auto investieren?» Das war im vergangenen September. Jetzt ist das Vater-Sohn-Projekt realisiert: Am Dienstag hat edrive in Neuenhof einen neuen Standort eröffnet.

Bei der Einweihung im kleinen Kreis erklärt Samuel Brunner, wie das Angebot funktioniert. Jede und jeder mit Führerausweis kann sich kostenlos online registrieren und eine Fahrt buchen. Per App oder mittels Kundenkarte verbindet sich der Nutzer mit einem Boardcomputer im Auto. Damit wird es entriegelt und die gefahrene Strecke automatisch aufgezeichnet. 2.80 Franken pro Stunde und 62 Rappen pro Kilometer kostet der Fahrspass. Für eine dreistündige Einkaufsfahrt von Neuenhof ins Shoppi-Tivoli werden demnach rund 15 Franken fällig. Ziel sei, nebst ökologischen und ökonomischen Aspekten, dass das Autofahren für alle erschwinglich bleibt, sagt Samuel Brunner.

Carsharing-Autos in Wohnsiedlungen haben Potenzial

27 Elektroautos hat das Carsharing-Unternehmen in drei Jahren in der ganzen Schweiz installiert – mit Gemeinden, Unternehmen und Privatpersonen als Partner. Der regionale Partner zahlt jährlich eine Pauschale fürs Auto. edrive kümmert sich um die Wartung der Fahrzeugflotte und betreibt die Buchungsplattform. 70 Prozent der Einnahmen gehen an den Partner zurück. Ab einer Fahrleistung von rund 15'000 Kilometern pro Jahr sind die laufenden Kosten gedeckt, so Samuel Brunner. An einzelnen Standorten sei dieser Zielwert bereits Mitte Jahr erreicht, an anderen sei man noch weiter davon entfernt. Samuel Brunner sagt:

«Die wenigsten von uns haben schon ein E-Auto gelenkt, geschweige denn ein Sharing-Angebot genutzt. Die Schwelle ist hoch.»

Er rechnet mit ein bis zwei Jahren, bis sich ein Angebot an einem neuen Ort etabliert. Neuenhof ist der erste Standort im Aargau und erst das sechste Auto in einer Wohnsiedlung innerhalb der edrive-Fahrzeugflotte. Weil das «geteilte» Auto so praktisch gleich nah ist wie der Eigenwagen, sieht der Geschäftsführer ein besonders grosses Potenzial. Er sagt: «Ein Carsharing-Auto kann 7 bis 11 Stehautos ersetzen.»

Der Renault Zoe wartet vor dem «Limmathof» auf seine ersten Nutzer. Ist eine Fahrt gebucht, wird er per App oder mit Kundenkarte entriegelt.

Der Renault Zoe wartet vor dem «Limmathof» auf seine ersten Nutzer. Ist eine Fahrt gebucht, wird er per App oder mit Kundenkarte entriegelt.

Rahel Künzler

Liegenschaftsbesitzer Roni Brunner hat darauf verzichtet, seine Mieterschaft im Voraus zum Interesse an einem E-Carsharing-Angebot zu befragen. Das Projekt hat für ihn «Experiment-Charakter». Er sagt:

«Ich finde, es ist ein Gebot der Stunde, dass Eigentümer von grösseren Liegenschaften ihren Mietern solche Angebote zur Verfügung stellen.»

In den nächsten Tagen verteilt er Flyer auch in den umliegenden Wohnsiedlungen. Ob das Angebot in Neuenhof Anklang findet, wird sich zeigen.

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