Seit dieser Woche steht fest: Heinz Gassmann (66) gibt ein Comeback als Präsident des FC Baden. Er hatte das Amt bereits 2002 bis 2010 inne. Im Interview auf der Tribüne des Stadions Esp nimmt er kein Blatt vor den Mund: Ein Schuldenberg drückt den Verein, der FC Baden kämpft in den kommenden Wochen um nicht weniger als seine Existenz. Er spricht ausserdem über die schwierige sportliche Situation der 1.-Liga-Mannschaft und das Verhältnis zu den Fans, die befürchten, Baden werde künftig zu einer Marionette des FC Aarau.

Herr Gassmann, wie schlimm steht es um den FC Baden?

Heinz Gassmann: Uns fehlt ein für unsere Verhältnisse hoher sechsstelliger Betrag, den wir so rasch wie möglich beschaffen müssen. Es geht um die Existenz des Vereins, ganz klar. Wir müssen dringend liquide werden. Manche Leute sagen mir: Gebt doch einfach auf. Aber das kommt für mich nicht infrage. Wir sind ein Traditionsverein, 1897 gegründet, wir haben 27 Mannschaften, betreut durch 63 Trainer und 65 Funktionäre. Wir dürfen den FC Baden nicht fallen lassen.

Ist es später als fünf vor zwölf?

Dank gewissen positiven Signalen von langjährigen Unterstützern des FC Baden, die ich bereits erhalten habe, würde ich sagen: Es ist fünf vor zwölf, aber noch nicht später. Jetzt müssen wir aber den Club sanieren, und damit wir die Schulden abbauen können, sind wir auf die Unterstützung von den Unternehmen und dem Gewerbe aus der wirtschaftlich stärksten Region im Aargau angewiesen.

Wie konnte dieser Schuldenberg entstehen?

Eine berechtigte Frage. Wie kann das passieren, dass ein 1.-Liga-Verein so viele Schulden anhäuft? Es passierte im Laufe der letzten Jahre. Wir begannen Defizite zu schreiben, das wiederholte sich leider Jahr für Jahr. In unserer Region gab es wirtschaftliche Probleme, Sponsoren sprangen ab. Es hätten ganz klar schon viel früher Budgetreduktionen angestrebt werden müssen. Ein weiteres Problem ist, dass auch 1.-Liga-Vereine für ihre Spieler Unfallversicherungen abschliessen müssen. Diese Prämien sind unglaublich hoch und steigen Jahr für Jahr.

Wer sind die Gläubiger?

Bei den grossen Ausständen handelt es sich um Versicherungsprämien und die Sicherheitskosten für die letzten zwei Cupspiele. Die immensen Auflagen und Kosten können einem 1.-Liga-Verein wie uns beinahe das Genick brechen. Ein Cupspiel durchzuführen, lohnt sich finanziell fast nicht, bei Sicherheitskosten von mehreren 10'000 Franken. Zwar sind die Gläubiger kooperativ, doch die Schulden bleiben bestehen und belasten uns immens.

Erhalten die Spieler Löhne?

Wir haben einige junge Spieler, die zum Nulltarif spielen. Anderen bezahlen wir Spesenentschädigungen, ab 6000 Franken im Jahr handelt es sich offiziell um Löhne. Unsere Spieler verdienen aber sicher nicht zu viel. Die Spieler der ersten Mannschaft sind nicht wegen des Geldes in Baden, sondern wegen der Tradition und des professionellen Umfeldes, des tollen Stadions und der guten Trainer. Wir bieten jungen Talenten eine Plattform, um es an die Spitze zu schaffen, hierfür gibt es diverse Beispiele: Marco Thaler, Miguel Peralta und Olivier Jäckle spielen inzwischen in Aarau, Joel Geissmann in Lausanne, Marvin Spielmann in Thun, Silvan Widmer hat es sogar zu Udinese in die italienische Serie A geschafft, Andreas Hirzel als Ersatztorhüter in die Bundesliga zum Hamburger SV.

Wie sieht Ihr Sanierungsplan aus?

Es ist ein unglaublich hohes Ziel, aber ich gebe mir bis Ende Juni Zeit, Geld zu beschaffen. Die Liquidität zwingt uns dazu, und wir müssen mit einem verbindlichen Budget in die neue Saison starten können. Alleine kann ich es nicht schaffen: Ich appelliere an alle, die es sich leisten können, uns finanziell zu unterstützen. Der Verein mit 27 Mannschaften, 490 Aktiven, davon 350 Junioren, verdient Support. Wir sind in erster Linie ein Breitensportverein, der viel für die Gesellschaft leistet.

Schiessen Sie selber auch Geld ein?

Das habe ich in der Vergangenheit immer so gemacht. Ich kann die Leute schlecht um Geld bitten, selber aber nichts beisteuern.

In Baden hat die Kultur im Gegensatz zum Sport einen hohen Stellenwert. Wünschen Sie sich manchmal mehr Unterstützung von den Politikern?

Pauschal gesagt: Ja. In Aarau gehören viele Politiker dem «Club 100» an, zahlen einen Jahresbeitrag und bekunden somit auch gegen aussen Interesse am Verein. Ich wünschte mir schon mehr Unterstützung, ein Bekenntnis dazu, dass wir einen super Job machen, vor allem mit den Junioren. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Baden, der Besitzerin des Stadions Esp, ist indes sehr gut. Wir sind dankbar für die top unterhaltene Infrastruktur.

Nicht nur finanziell, auch sportlich sieht es derzeit nicht gerade gut aus. Baden hat aus den letzten sieben Spielen nur einen Punkt geholt.

Wir spielen völlig ungewohnt im hinteren Tabellendrittel, haben eine junge, extrem günstige Mannschaft. Es darf nicht passieren, dass wir in der Tabelle noch weiter abrutschen. Spieler und Interimstrainer Fredy Strasser sind extrem gefordert, es stehen noch sieben schwere Spiele vor uns. Wir wollen den Ligaerhalt rasch möglichst sichern und greifen dann nächste Saison mit Sicherheit wieder an. Diesen Anspruch haben wir, dann kommen auch wieder mehr Zuschauer, um die 1. Mannschaft zu unterstützen.

Wer wird ab Sommer neuer Trainer, und wie viel Mitspracherecht hat dabei der FC Aarau? Baden soll bekanntlich stärker mit der U21 des Team Aargau zusammenarbeiten.

Eine ganz wichtige Frage. Der FC Baden hat eine eigene Identität. Wir haben den Anspruch, jungen Talenten eine Plattform zu bieten. Hierfür wollen wir mit dem FC Aarau beziehungsweise dem Team Aargau und dem FC Wohlen zusammenarbeiten. Es wird aber nicht so sein, dass die Verantwortlichen vom Team Aargau bestimmen, wer Trainer wird. Ich selbst bin dort Vorstandsmitglied. Aber wir werden sicher niemanden engagieren, der mit der Philosophie vom Team Aargau nichts anfangen kann. Wir werden künftig wieder rund drei, vier Spieler aus dem Team Aargau im Kader haben. Wir wollen sportlich an die sehr erfolgreiche Zeit von vor sechs bis acht Jahren anknüpfen. Unser sportlicher Verantwortlicher Marco Bonadei wird das Kader bald zusammenstellen, das Gerüst der Mannschaft bleibt bestehen.

Warum ist das Team Aargau so wichtig? Fans befürchten, Baden werde zu einer Marionette der Aarauer.

Es ist die einzige Chance für Aarau, Wohlen und Baden zu verhindern, dass finanzstarke Teams wie Basel oder Zürich unsere Talente abwerben. Ich bin sehr froh, dass Sandro Burki als erfahrener Spitzenfussballer und ab Sommer als Präsident des Team Aargau das Geschehen aktiv mitgestaltet. Er ist ein souveräner Partner, ein fairer Sportsmann und die ideale Lösung. Ich bin zudem bestrebt, dass das Konstrukt Team Aargau vor dem neuen Saisonstart an einem gross angelegten Infotag im Stadion Esp endlich einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird, denn es kursieren die wildesten Gerüchte um diesen Verbund.

Herr Gassmann, Sie stehen vor einer Herkulesaufgabe. Warum tun Sie sich das Comeback als Präsident an? Sie sind 66 Jahre alt und könnten Ihr Rentnerleben geniessen mit vielen Ferien im Tessin.

Ich mache es aus der Not heraus, und aus einer tiefen Verbundenheit zum Verein, nach über 50 Jahren Mitgliedschaft. In meiner Funktion als Ehrenpräsident kümmerte ich mich im Winter um die Suche nach einem Nachfolger für Präsident Thomi Bräm. Mein Auftrag war zudem die Sanierung des Vereins vor dem Antritt des neuen Präsidenten. René Scherer zog seine Kandidatur nun aber zurück, und ich sah keine Chance mehr, bis im Juni einen neuen Kandidaten zu finden. Es bleibt jetzt an mir hängen.

Laut Mitteilung gab es Differenzen zwischen Scherer und dem Vorstand betreffend einer Neuausrichtung des Vereins. Worum ging es?

Scherer hat sich nach einem gemeinsamen Gespräch und guten Dialog zurückgezogen. Er wollte eine radikale 180-Grad-Wende. Er besitzt jedoch keine Erfahrung im Fussballgeschäft, was wir alle zuerst nicht als Nachteil anschauten. Bei einer Radikalwende wäre jedoch zu viel Know-how im Club verloren gegangen. Trotzdem hat er auch Denkanstösse ausgelöst, dafür danken wir ihm.

Apropos Fans: Sie sorgten in der Vergangenheit wiederholt für negative Schlagzeilen. Wie gehen Sie mit diesen um?

Manche unserer Fangruppierungen haben in der Vergangenheit sicher nicht geglänzt, Pyros gezündet und über die Stränge geschlagen. In den vergangenen zwei, drei Jahren ist es aber unbestritten ruhiger geworden. Aktuell ist die Fankurve nicht zufrieden mit der sportlichen Situation. Dafür habe ich Verständnis. Ich habe diese Woche bereits Gespräche mit Fans geführt, wir suchen den Dialog. Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen, alle müssen zusammenstehen, damit es gut kommt mit dem FC Baden.