Baden
Neun Flüchtlinge beginnen im August eine Lehre

Neun Flüchtlinge haben nach dem Pilotprojekt Integrationsvorlehre einen Lehrvertrag unterzeichnen können. Die Idee dieses Projektes kommt aus einem unerwarteten Lager.

Stefanie Garcia Lainez
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Der Eritreer Abdellatif Muhammad Ali beginnt eine Lehre als Baupraktiker bei der Frunz Bauunternehmung AG.

Der Eritreer Abdellatif Muhammad Ali beginnt eine Lehre als Baupraktiker bei der Frunz Bauunternehmung AG.

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Der 19-jährige Flüchtling Zahedullah Ayazi aus Afghanistan darf im August eine Lehre als Maler beginnen und gehört damit laut Kanton zu den ganz wenigen Ausnahmen im Aargau. Nun steht fest: In der Region Baden haben neun weitere Flüchtlinge einen Lehrvertrag unterschrieben. Ermöglicht hat dies das Pilotprojekt Integrationsvorlehre. Das Ziel: Flüchtlingen die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Zudem soll das Projekt dem Fachkräftemangel im Baugewerbe entgegenwirken und die Staatskassen entlasten.

Die Idee dazu kam nicht etwa aus dem linken Lager, sondern von Daniel Glanzmann, der für die SVP in der Finanzkommission der Stadt Baden sitzt. «Mich beschäftigt, dass für die Gemeinden Unterstützungsbeiträge anfallen können, wenn jene des Bundes wegfallen», sagt er. Bei anerkannten Flüchtlingen ist dies nach fünf Jahren der Fall, bei vorläufig Aufgenommenen nach sieben Jahren.

Also entwickelte Glanzmann die Idee, Flüchtlinge mit einem Pilotprojekt ins Baugewerbe zu integrieren. «Denn einerseits gibt es junge Flüchtlinge in der Region, die arbeitswillig und fähig wären, aber die hiesige Kultur und Arbeitswelt nicht kennen.»

So funktioniert die Integrationsvorlehre

Diese Betriebe aus der Region haben sich bereit erklärt, am Projekt mitzumachen: Bilgerig AG Gipsergeschäft, Frunz Bauunternehmung AG, Paul Hitz AG, Rolf Zünd AG, Schoop und Co. AG, Gärtner Toni Suter und Huser Gebäudetechnik AG; die Türenfabrik Brunex und Coristal AG kamen im Laufe des Projektes dazu.

Die geeigneten Kandidaten suchten die Sozialen Dienste und der Verein Lernwerk als Spezialist für Arbeits- und Berufsintegration. In Erstgesprächen im letzten Sommer mit anerkannten Flüchtlingen oder vorläufig Aufgenommenen war nicht nur die Sprachbarriere eine Schwierigkeit, sondern auch, dass sie das Konzept der beruflichen Grundbildung nicht kannten. Als zweiter Schritt folgte eine dreimonatige Arbeitsphase im Lernwerk. Während zweier Tage lernten die Flüchtlinge vor allem Deutsch und Mathe. An den drei anderen Tagen renovierten sie in einer internen Arbeitsgruppe eine Halle. Dabei ging es um die Prüfung von Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Einsatzwille, Arbeitstempo, Umgangsformen, Leistungsbereitschaft oder -fähigkeit. In dieser Phase absolvierten die Flüchtlinge auch Schnuppertage je nach Erfahrung und persönlichem Wunsch in einem der beteiligten Betriebe. Danach folgte ein dreimonatiger Einsatz im potenziellen Lehrbetrieb, um sich gegenseitig besser kennenzulernen. Anschliessend arbeiteten die Flüchtlinge in einem sechsmonatigen Praktikum beim selben Betrieb, der während des Einsatzes darüber entschied, ob er eine Lehrstelle anbieten möchte. In beiden Praktikumsphasen besuchten die Flüchtlinge weiterhin den zweitägigen Bildungskurs im Lernwerk.

"Mehr Lehrstellen als Suchende"

Nach Gesetz dürfen sie drei Monate nach Einreichung des Asylgesuchs bereits arbeiten – mit einer Bewilligung und unter Beachtung des Inländervorrangs. «Auf der anderen Seite hat es im Baugewerbe seit vielen Jahren mehr Lehrstellen als Suchende», so Glanzmann, der als Geschäftsführer der Frunz Bauunternehmung AG die Branche bestens kennt. «Ich war mir sicher, dass ich es locker schaffen würde, ein paar Firmen für ein solches Unterfangen zusammen trommeln zu können.» Denn viele alteingesessene Familienbetriebe im Baugewerbe seien seit je sozial engagiert.

Daniel Glanzmann, SVP.

Daniel Glanzmann, SVP.

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Letzten Sommer konnte das Pilotprojekt mit elf Eritreern, einem Syrer und einem Somalier starten. Daran beteiligten sich Betriebe aus der Baubranche, das Lernwerk in Turgi als Spezialist für Arbeits- und Berufsintegration, die Sozialen Dienste der Stadt Baden und der Kanton Aargau. Zuerst absolvierten die 13 Flüchtlinge eine Arbeitsphase im Lernwerk (siehe Kontext), danach durchliefen sie einen dreimonatigen Arbeitseinsatz bei den Firmen. «Dies könnte man auch als Angewöhnungsphase bezeichnen», sagt Glanzmann, «um beispielsweise unsere Gepflogenheiten kennenzulernen». Oder um Sprachbarrieren zu überwinden, wie bei der Schoop und Co. AG, bei der einer der Flüchtlinge ein Praktikum als Abdichter absolvierte. Da die Mitarbeiter den Vornamen von Aklilu Weldesilassie nicht aussprechen konnten, nannten ihn alle am Ende des ersten Tages wie die Comicfigur Lucky Luke.

Sicheres Einkommen dank Lehre

Wenn im darauffolgenden sechsmonatigen Praktikum alles zusammenpasste, boten die Firmen noch während des Einsatzes einen Lehrvertrag an. Neun Flüchtlinge konnten bis jetzt unterschreiben. Bei einem ist das Resultat noch unsicher. Zwei sind während des Projektes abgesprungen und einer erhielt eine Festanstellung, da er bereits zehn Jahre Berufserfahrung hat.

Dass ein solches Projekt Erfolg habe, hänge von verschiedenen Faktoren ab, sagt Ursula Haerri vom Lernwerk: «Die Flüchtlinge müssen beispielsweise schul- und lerngewohnt sein, denn die Anforderungen für eine Lehre sind hoch. Oder bereit sein, auf einer tiefen Stufe anzufangen, auch wenn sie vorher schon arbeiteten.» Andererseits sei wichtig, Firmen zu finden, die sich ohne Vorurteile auf dieses Projekt einlassen würden. Hildegard Hochstrasser, Leiterin Soziale Dienste in Baden, hofft, dass das Projekt in eine zweite Runde geht. «Uns ist klar: Nur mit einer Lehre kann man ein existenzsicherndes Einkommen erzielen – ob als Schweizer oder Flüchtling.