Aus dem Innern der Reformierten Kirche Baden dringt ein warmer Klang - Chorgesang, als käme er aus einer anderen Zeit. Vertraut, und doch anders. «Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt» – darauf folgt ein dissonanter Akkord, ein Moment des Schauderns.


Der Text stammt von Friedrich Schiller, die Melodie von Johannes Brahms. Traditionell wird Brahms «Nänie» mit Sinfonieorchester aufgeführt.

Doch in der Kirche ist kein Orchester zu sehen. Zwischen dem Kammerchor Baden und ihrem Dirigenten Renato Botti haben sich stattdessen drei Musikerinnen platziert: die Pianistin Rahel Sohn, die Cellistin Daniela Hunziker und die Akkordeonistin Ina Hofmann.

Ein Arrangement von Renato Botti ermöglicht den drei Musikerinnen, den Part des Orchesters zu übernehmen – «unkonventionell, fast ein bisschen frech, aber dennoch ganz der Brahm’schen Musik verpflichtet», wie Botti einräumt.


Wie kommt es dazu, dass ein Piano, ein Cello und ein Akkordeon ein ganzes Orchester zu ersetzen wagen? «Natürlich würden wir das Werk auch mit einem Sinfonieorchester aufführen, was wir in vergangener Zeit bereits gemacht haben.

Es ist jedoch schwieriger geworden, an finanzielle Mittel für solche Projekte zu gelangen», erklärt Botti. Was folgt daraus? Entweder verzichtet man darauf, diese Werke aufzuführen oder man entwickelt etwas Neues daraus.

So arrangierte Botti einige bekannte Werke von Brahms, Bruckner und Beethoven für Sinfonieorchester und Chor für die genannte Besetzung. «Darf man das?», wirft Botti die brennende Frage gleich selber in den Raum. «Ich glaube, man darf.»


Brahms adaptierte sich selber


Im 19. Jahrhundert war es nicht aussergewöhnlich, dass bedeutende Orchesterwerke kammermusikalisch adaptiert wurden, teilweise von ihren Komponisten selber. Eines der bekanntesten Beispiele liefert Brahms mit der Klavierfassung seines deutschen Requiems gleich selber. «Ich bin also nicht der Erste, der auf die Idee kommt», sagt Botti lachend.

Er verweist auf weitere arrangierte Fassungen von Orchester- und Chorwerken, die kürzlich auch in namhaften Verlagshäusern erschienen sind. «Wir sind also nicht die Einzigen, die diesen Wind spüren und neue Wege beschreiten.»


Auch die Sängerinnen und Sänger sehen sich mit einer neuen Situation konfrontiert. «Wir kennen die orchestrale Version der Werke. Deren Arrangements klingen jedoch anders und müssen anders gesungen werden.» sagt Jérôme Jacky, Tenorsänger im Kammerchor.

«Spannend ist für uns, dass wir die bekannten Stücke neu singen, neu hören und interpretieren müssen – eine kammermusikalische Herausforderung». Im Zyklus Neu Gehört wird der Kammerchor in nächster Zeit noch weitere arrangierte Werke aufführen.

Botti: «Es geht mir bei ‹Neu Gehört› nicht darum, Dinge infrage zu stellen oder über besser oder schlechter zu diskutieren. Vielmehr möchte ich die Musik in anderem Gewand zeigen und in einer ungewohnten Klangwelt vermeintlich Bekanntes neu entdecken.»