Würenlos/Schlieren

Nur das Ganze ist ihm gross genug

«Wir müssten eigentlich vor Ideen explodieren», ist Othmar Käppeli überzeugt. Dem heutigen System gelte es nachhaltige Alternativen entgegenzustellen.

«Wir müssten eigentlich vor Ideen explodieren», ist Othmar Käppeli überzeugt. Dem heutigen System gelte es nachhaltige Alternativen entgegenzustellen.

Othmar Käppeli zeichnet in seinem neuen Buch die grossen Linien unserer Entwicklung nach und will einer einfallslosen Zeit neue Ideen vermitteln. Seine eigene Person stellt er dabei lieber in den Hintergrund.

«Schreiben Sie nicht zu viel davon!» Othmar Käppeli spricht nur ungern über sich. Er ist ein Mann der Makroperspektive. Jemand, der es liebt, herauszuzoomen und die Dinge aus einer gehörigen Entfernung zu betrachten. Dass er einmal an der ETH Zürich lehrte und da in Biotechnologie habilitierte, scheint dem Würenloser kaum der Rede wert. Ebenso wenig, dass er später in die Privatwirtschaft wechselte und nun in Schlieren gesunde Lebensmittel entwickelt.

«Es geht schliesslich nicht um mich», sagt Käppeli mit Nachdruck. Stattdessen hebt er während des Gesprächs immer wieder sein Buch in die Höhe und deutet mit dem Zeigefinger darauf. Darin stehe, was er sagen wolle. Was freilich darin steht, würde man dem schlanken Büchlein nicht zutrauen. Es geht um nichts weniger als die Entwicklungsgeschichte des Lebens, um die zugrunde liegenden Gesetze, die es und uns geprägt haben.

Rund ein Jahr lang hat Käppeli an «Aufbruch ins Zeitalter der Kulturellen Evolution» gearbeitet. Die Zeit dafür hat er sich vom Schlafen abgespart, die meisten Kapitel sind in der zweiten Nachthälfte entstanden. Keinesfalls aber hatte das eine traumverwirrte Prosa zur Folge. Sie ist sehr klar und sprachlich kompakt geraten. Man merkt beim Lesen, dass der 69-Jährige schon einmal einen Gedichtband verfasst hat.

Von iPads und Säbelzahntigern

Wie schon der Titel verrät, spielt Evolution eine tragende Rolle in Käppelis Buch. Bekanntlich hat die Umwelt mit ihren begrenzten Ressourcen und Gefahren den Arten immer wieder neue Anpassungen abverlangt. Man denke etwa an Dürreperioden oder an unvermutet aus dem Gebüsch springende Säbelzahntiger. Zur Entwicklung beigetragen haben auch die Weibchen, die einen innermännlichen Konkurrenzkampf angestiftet hatten und so etwa die Entwicklung des Hirschgeweihs beflügelten.

Von dieser natürlichen Evolution ist in Käppelis Buch auch, aber nicht ausschliesslich die Rede. Zumindest für unsere Spezies seien ganz andere Faktoren ausschlaggebend. Immer stark gestikulierend, die Worte etwas bemüht zusammensuchend, hebt Käppeli zu einer Erklärung an. Man merkt: Viele Gedanken drängen sich in diesem Kopf und alle drängen sie nach aussen.

«Für den Menschen ist die kulturelle Evolution entscheidend.» Darunter kann man die Weitergabe von gelernten Verhaltensweisen verstehen – das Wechseln eines Autoreifens beispielsweise oder die Benutzung eines iPads. Ebenfalls zur kulturellen Evolution gehören die vom Menschen hergestellten Produkte, praktisch alles, was uns heutzutage umgibt.

Da sich Wissen und Technologie rasant verändern, vollzieht sich auch die kulturelle Evolution in Sprüngen. Das, so Käppeli, habe Auswirkungen. Externe Einflüsse prägten sich dem Menschen ein, derart tief, dass sie geradezu verschiedene Gene an- und abschalten. Es geht uns demnach wortwörtlich in Fleisch und Blut über, was wir erleben. Und: Wir geben diese uns eingeschriebenen Einflüsse an die nächste Generation weiter.

Zeit für eine neue Richtung

Auf das sich beschleunigende Wachstum angesprochen, wird Käppeli zum ersten Mal laut. «Das heutige System wird uns als alternativlos beschrieben. Das stimmt so nicht!» Dieses Gefühl der Alternativlosigkeit äussere sich in einer fatalen allgemeinen Grundstimmung. Kürzlich im Zug habe er zwei Jugendliche beobachtet, von denen einer unvermittelt eine Biene zerquetschte. Vom anderen darauf angesprochen, habe jener nur mit der Achsel gezuckt: «In 50 Jahren ist hier sowieso alles tot.»

Käppeli aber will nicht kritisieren, will nicht andere Menschen verurteilen. Dafür ist er selber viel zu konstruktiv, viel zu sehr auf Lösungen bedacht. Um seine Ideen einzubringen, hat er ein Unternehmen gegründet, das seit 2003 seinen Geschäftssitz in Schlieren hat. Es hat sich zum Ziel gesetzt, sogenannte «bioaktive Nahrungsmittel» zu entwickeln. Diese sollen Krankheiten verhindern und nicht zuletzt einen Kontrapunkt zum jetzigen System setzen.

Das aktuelle Wirtschaftssystem habe nicht die Glücksförderung, sondern Geldmacherei im Sinn, sagt der Würenloser. Mit seinem irrwitzigen Wachstumsstreben laufe es den Gesetzen zuwider, die der Evolution zugrunde liegen. Wachstum um des Wachstums Willen ist für Käppeli nicht nur unsinnig, sondern schlicht unmöglich – die auf der Erde zur Verfügung stehenden Ressourcen müssen sich schliesslich einmal erschöpfen.

Es sei Zeit, so Käppeli, dass man diese Tatsache endlich respektiere und eine völlig neue Richtung einschlage. «Wir müssten eigentlich vor Ideen explodieren.» Stattdessen würden wir immer wieder von Nebensächlichkeiten absorbiert: von steigenden Aktienkursen und neuen Wirtschaftszahlen. Letztere würden dieser Tage beinahe als alleiniger Glücksindikator angeführt.

Als Mann der Makroperspektive bleibt Käppeli bei aller zur Schau gestellten Sorge optimistisch. Was mit dem Urknall begann, wird weitergehen. Jener grosse Prozess des Werdens wird sich letztlich über alles hinwegsetzen. Wir Menschen sind ein Teil davon – und können uns in diesem kosmischen Kontinuum auch ein wenig aufgehoben fühlen.

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