Turgi

«Nur wer Armut erlebt hat, kann etwas verbessern»

Der Turgemer Matthias Meier (Mitte sitzend) bei einer Zusammenkunft von Stipendiaten der Organisation Aiducation in Kenia..

Der Turgemer Matthias Meier (Mitte sitzend) bei einer Zusammenkunft von Stipendiaten der Organisation Aiducation in Kenia..

Als Chef der Organisation Aiducation International Schweiz ermöglicht Matthias Meier intelligenten aber bedürftigen Kindern in Kenia und auf den Philippinen eine Schulbildung.

Irgendwann hatte Matthias Meier (33), der in Turgi aufgewachsen ist, genug von seinem Job als Wirtschaftsberater. Er wollte sich sozial engagieren um Menschen zu helfen, die weniger Glück hatten als er. Das war vor gut fünf Jahren. Heute ist er CEO einer Organisation, die knapp 700 Schülern in Kenia und auf den Philippinen zu einer soliden Schulbildung verholfen hat.

Es war perfektes Timing, als Meier 2009 ein Mail erhielt, in dem ein Schulfreund für die neu gegründete Organisation Aiducation warb. Meier meldete sich sofort und stieg bei Aiducation ein – auf ehrenamtlicher Basis. «Alles war damals noch völlig chaotisch. Da konnte ich mein Know-How aus der Praxis als Unternehmensberater sinnvoll einsetzen. Genau danach hatte ich gesucht.»

Knapp 700 Schülern geholfen

Mittlerweile konnte Aiducation 697 Stipendien vergeben. Die Stipendiaten sind Schüler, die zwar die Primarschule mit Bestnoten abgeschlossen haben, sich aber keine Sekundarschule leisten können. «Wir suchen Unterstützer, die an das Prinzip ’Bildung als Hilfe zur Selbsthilfe’ glauben und vier Jahre lang jährlich 700 Franken in einen Schüler investieren. Die Sponsoren können die Schüler auf unserer Website aussuchen und dann jährlich Zeugnisse erhalten.»

Für Meier ist klar: «Bildung ist der wichtigste Hebel für die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft. Dass so viele Menschen keinen Zugang zu Bildung haben, können wir nicht akzeptieren.» Der ehemalige Schüler der Kanti Baden meint: «Es ist inspirierend, diese Schüler zu erleben. Sie wollen lernen, kennen die Armut und wollen etwas verändern.» Langfristig wünscht sich Meier, dass einer der Aiducation-Stipendiaten Präsident wird und konkrete Veränderungen einleiten kann.

Doch wie sucht sich Aiducation die Schüler aus? «Uns sind zwei Kriterien wichtig: Leistung und Bedürftigkeit. In Kenia schliessen pro Jahr rund 880 000 Kinder die Primarschule ab. Von diesen können sich etwa die Hälfte die weiterführenden Schulen nicht leisten. Aiducation konzentriert sich auf die besten zehn Prozent dieser Schüler.» Aiducation ist in Kenia mittlerweile eine der grössten nichtstaatlichen Organisationen im Bildungswesen.

«Die Schüler müssen sich handschriftlich bei uns bewerben und Zeugnisse beilegen.» Dazu gehört ein Aufsatz mit einer Zukunftsvision: «Wir fragen, was die Schüler ihren Enkeln einst aus ihrem Leben erzählen möchten.» Zudem geben die Jobs der Eltern und der Wohnort oft Aufschluss darüber, in welchen Verhältnissen die Familie lebt. «Nur, wer die Armut erlebt hat, kann seine Handlungen darauf ausrichten, etwas zu verbessern», sagt Meier.

Netzwerk und Mentoren

Neben der normalen Schulbildung ermöglicht Aiducation den Stipendiaten aber noch mehr: ein Netzwerk untereinander sowie Mentoren, die den Schülern als Vorbilder dienen sollen. «Mehrmals pro Jahr bringen wir eine Woche lang rund 100 Stipendiaten zusammen und ermöglichen einen Austausch. Dort werden Themen wie Korruption, Kommunikation, Berufswahl, Persönlichkeitsentwicklung, Unternehmertum und weitere Themen behandelt. Dafür laden wir lokale Vertreter aus Wirtschaft, Wisschenschaft und Politik ein. Wir sind überzeugt, dass es nichts nützt, wenn wir als Ausländer den Schülern etwas über ihr Land erzählen wollen.» Dabei lernen sich die Stipendiaten gegenseitig kennen und vernetzen sich über das ganze Land hinweg.

2014 sei das Jahr der Veränderungen, findet Matthias Meier. Per Anfang Jahr hat er seinen Job gekündigt und arbeitet nun beinahe ausschliesslich für Aiducation. Als CEO ist er der einzige im Schweizer Team, der eine bescheidene Entschädigung für seine Arbeit erhält. Dafür will er die Organisation vorantreiben. «Seit diesem Jahr haben wir auch die Philippinen ins Programm aufgenommen, das war ein grosser Schritt für uns.» Ein Highlight ist auch, dass mittlerweile die erste ehemalige Stipendiatin aus Kenia selbst wieder ein Stipendium für einen Schüler übernommen hat. «Dieses Engagement beweist, dass Aiducation ein nachhaltiges Programm ins Leben gerufen hat, und dass das Prinzip der Multiplikation von Hilfe- und Selbsthilfe zu greifen beginnt», ist er überzeugt. Ausserdem wird Matthias Meier dieses Jahr Vater. 2014 steht also in der Tat für Veränderung auf allen Ebenen - sowohl für Aiducation als auch für Meier selbst.

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