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Obergrenze für Prüfungen zur Entlastung der Jugendlichen vom Schuldruck

Weniger ist mehr: Zu komplizierte und zu viele Hausaufgaben verbessern nicht unbedingt die Leistung der Schüler. Symbolbild/Thinkstock

Weniger ist mehr: Zu komplizierte und zu viele Hausaufgaben verbessern nicht unbedingt die Leistung der Schüler. Symbolbild/Thinkstock

Der Übertritt an die Oberstufe bedeutet für die Jugendlichen vor allem eins: Stress. Mit verschiedenen Regelungen entlasten Schulen die Jugendlichen nun vom Schuldruck. Dies stellt aber die Lehrer vor die Herausforderung einer individuellen Gestaltung des Lehrplans.

«Wir laufen Gefahr, dass eine Generation von Kindern unter dem Leistungsdruck und überzogenen Erwartungshaltungen zusammenbricht», hat Schulrechts-Experte Peter Hofmann kürzlich gewarnt. Und eine Studie von Juvenir zeigt, dass fast die Hälfte der Schweizer Jugendlichen häufig gestresst ist. Nur 14 Prozent sind selten oder nie gestresst.

In der Region Baden leiden vor allem jene Schüler an Stress, die in die Oberstufe wechseln. «Das ist eine kritische Situation», sagt Katrin Gossner, Fachpsychologin und Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) der Regionalstelle Baden. «Neben dem Stufenwechsel kommen auch die Pubertät und die näher rückende Berufswahl dazu.» Die schulische Laufbahn sei durchlässiger und die Auf- und Abstiegsmöglichkeiten flexibler geworden. Dies führt zu mehr Möglichkeiten für die Schüler, kann aber auch mehr Leistungsdruck erzeugen: «Der Anspruch wird grösser, das Beste aus den vorhandenen Möglichkeiten zu machen. Eine normale Lehre reicht aus Sicht der Eltern aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung oft nicht mehr aus», sagt Katrin Gossner.

Druck müsse aber nicht zwingend negativ sein. «Er kann auch anspornen.» Überfordert der Druck aber, kann das zu Problemen führen. Alarmierend ist die Situation noch nicht: Einen massiven Anstieg der Anzahl gestresster Schüler, die beim SPD angemeldet sind, kann Gossner nicht feststellen. «Die Zahl hat in den letzten Jahren aber leicht zugenommen.» Im letzten Jahr verzeichnete die SPD 670 Neuaufträge und 690 Langzeitberatungen. «Da die Bildung einen immer grösseren Stellenwert hat, wird der Druck vermutlich in Zukunft steigen.»

Karrieredruck steigt

Auch in den Schulen der Region zeigt sich, dass der Leistungsdruck und der Schulstress noch nicht überhand gewonnen haben. «Ich denke nicht, dass der Druck in der Schule als solches grösser geworden ist», sagt etwa der Mellinger Schulleiter Stefan Lüpold. «Ich denke aber, dass einerseits der Druck, den richtigen Beruf zu wählen oder in eine höhere Schule überzutreten, grösser geworden ist. Andererseits sind die Schüler auch immer weniger gewohnt, mit Druck umzugehen.» Sie müssten wieder vermehrt lernen, sich besser zu organisieren.

Auch die Schulsozialarbeiterin Simone Spätig bestätigt: In Mellingen suchen nicht mehr Schüler die Schulsozialarbeit, die mit dem schulischen Druck nicht mehr zurechtkommen, als früher. Seien die Jugendlichen gestresst, stehe dies meist im Zusammenhang mit anderen Lebensbereichen. «Hat eine Schülerin eine Identitätskrise, familiäre Probleme oder sich gerade vom Freund getrennt, führt dies zu erhöhtem Stress in dem Bereich, in dem Leistung gefragt ist: in der Schule.»

Zwar könne man schon festhalten, dass der schulische und gesellschaftliche Druck gestiegen seien. «Aber dies muss man im Kontext betrachten», sagt Simone Spätig. Denn ganzheitlich gesehen hätten die Schüler heute nicht mehr oder weniger Druck als früher, er habe sich verlagert: «Früher musste man zu Hause mehr mitarbeiten, dafür war die Berufsfindung tendenziell einfacher – auch weil die Jugendlichen weniger Wahlmöglichkeiten hatten.» Heute müssten sie weniger in der Familie mithelfen, sollten aber bereits mit 14 Jahren ein professionelles Bewerbungsdossier für eine Schnupper- beziehungsweise Lehrstelle erstellen können.

In Baden sieht es ähnlich aus: «Ich würde nicht sagen, dass sich der Leistungsdruck verstärkt hat», sagt Schulleiter Alexander Grauwiler. «Aber die Komplexität des Lebens und somit die Anforderungen an die Schüler haben zugenommen: Früher war alles überschaubarer.» Heute seien alle vielseitig vernetzt und abhängig, auch die Schüler. «Das macht es für sie schwieriger, sich zurechtzufinden.»

Maximal fünf Prüfungen

Obwohl die Zahlen noch nicht beunruhigend sind, haben die Schulen Massnahmen ergriffen, um den Stress für die Schüler in Grenzen zu halten. So gelten an der Bezirksschule Mellingen fünf Prüfungen pro Woche als maximale Obergrenze. «Wobei es im Alltag ganz selten mehr als drei Prüfungen sind», sagt Schulleiter Lüpold. «Wir führen die Prüfungsübersicht in einem elektronischen Tool, sodass alle Lehrpersonen die Prüfungen aller Fachlehrpersonen sehen können.» Dadurch könnten grössere Kumulationen meist verhindert werden.

In Baden gibt es keine bestimmten Regeln, aber ungeschriebene Gesetzte, wie Schulleiter Alexander Grauwiler erklärt: «Zum Beispiel ist es verpönt, Aufgaben über das Wochenende zu geben oder schwierige Prüfungen auf den Montag anzusetzen.» Es könne aber sein, dass die Schüler am Donnerstag Aufgaben erhalten auf die Lektion, die am nächsten Montag stattfindet. «Ob dann die Schüler die Aufgaben am Donnerstag oder über das Wochenende erledigen, ist ihnen selber überlassen.»

Grundsätzlich sei es die Aufgabe der einzelnen Lehrperson, das Mass des Druckes zu steuern. «Wir halten die Lehrer aber dazu an, den Unterricht zu individualisieren. Das heisst: die Schüler nicht über- oder unterfordern, sondern den Unterricht ihren Fähigkeiten und den Leistungserwartungen anpassen.»

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