Obersiggenthal
Grüne in der Krise: Sie treten nicht zu den Parlamentswahlen an

Bei den Einwohnerratswahlen in der 8600-Einwohner-Gemeinde im Bezirk Baden gibt die Partei ihre drei Sitze kampflos her. Präsident und Grossrat Christian Keller über die Gründe.

Pirmin Kramer
Drucken
Teilen
Grünen-Präsident Christian Keller: Noch vor einigen Monaten habe er geglaubt und gehofft, «dass wir vielleicht die Chance haben, sogar einen vierten Sitz zu erobern».

Grünen-Präsident Christian Keller: Noch vor einigen Monaten habe er geglaubt und gehofft, «dass wir vielleicht die Chance haben, sogar einen vierten Sitz zu erobern».

Britta Gut (4.5.2021)

Vor Corona gab es auch in der Lokalpolitik der Region ein dominierendes Thema: die grüne Welle. Beispiel Baden: Im Schnellzugstempo hat der Stadtrat seit 2018 mehrere Ideen für eine nachhaltigere Klimapolitik umgesetzt. Und bei den Grossratswahlen vergangenen Herbst gehörten die Grünen auch im Bezirk Baden zu den Siegern.

Viel besser könnte die Ausgangslage für die Grünen vor den Einwohnerratswahlen in Obersiggenthal in gut vier Wochen also nicht sein – würde man meinen. Doch überraschenderweise befindet sich die Einwohnerratsfraktion der Grünen in der 8600-Einwohner-Gemeinde vor dem Aus. Ortsparteipräsident und Grossrat Christian Keller sagt: «Die Grünen Obersiggenthal werden in der kommenden Legislatur nicht im Einwohnerrat vertreten sein, es wurde kein Wahlvorschlag eingereicht.» Das bedeutet: Die Grünen geben ihre drei Sitze im Einwohnerrat kampflos her. «Die Ortspartei existiert weiter und will sich punktuell ausserparlamentarisch in die Gemeindepolitik einbringen», sagt Keller, der selber versuchen wird, seinen Sitz im Gemeinderat zu verteidigen.

Wie ist es möglich, dass man die Grünen in Obersiggenthal am 26. September nicht ins Parlament wählen kann? Keller sagt:

«Die Antwort ist einfach: Wir haben nicht genügend Kandidatinnen und Kandidaten gefunden. Die drei amtierenden Einwohnerratsmitglieder hören alle auf.»

Noch vor einigen Monaten habe er geglaubt und gehofft, «dass wir vielleicht die Chance haben, sogar einen vierten Sitz zu erobern».

Urs Müller sei insgesamt über 20 Jahre Mitglied des Parlaments gewesen, er habe sich nun entschieden, mit der Lokalpolitik aufzuhören. Sonja Scherer hätte nur noch für ein Jahr zur Verfügung gestanden, weil sie einen Auslandaufenthalt plane, so Keller. Und Rolf Bachmann höre aus persönlichen Gründen auf.

«Wir sind nicht gut genug vernetzt»

In Obersiggenthal gebe es zwar viele Grüne Wähler. «Bei den Grossratswahlen 2020 hatten wir einen Wähleranteil von 13 Prozent. Aber die bittere Wahrheit ist: Wir kennen viele von ihnen nicht», sagt Keller. «Die Mehrheit der aktiven Mitglieder ist nicht in Obersiggenthal aufgewachsen und auch nicht in Vereinen aktiv. Wir sind nicht gut genug vernetzt.» Man habe versucht, mit Flyern und Briefen Kandidatinnen und Kandidaten für den Einwohnerrat zu finden, leider vergeblich.

Erstmals werden die Grünliberalen mit einer Liste antreten. Hat diese Partei den Grünen die Kandidatinnen und Kandidaten weggeschnappt? «Nein, das glaube ich nicht», sagt Keller. «Die Grünliberalen vertreten gerade finanzpolitisch doch erheblich andere Positionen als wir. Aber ich gehe davon aus, dass die GLP davon profitieren wird, dass wir nicht antreten. Es dürfte vor allem die SP gewinnen, die uns Grünen mit der ökologischen und sozialen Ausrichtung am nächsten steht.»

Die Grünen-Ortspartei bleibe aber bestehen, sagt Keller. «Unser klares Ziel ist es, dass wir in vier Jahren wieder mit einer Liste zu den Einwohnerratswahlen antreten können.»

Aktuelle Nachrichten