Baden

Objekte lassen die Geschichte Spaniens aufleben

Xavier Bobés

Wo Gegenstände von Geschichte erzählen: Xavier Bobés Objekttheater «Dinge, die man leicht vergisst» ist eine Reise in die Vergangenheit Spaniens während der Franco-Zeit, die unter die Haut geht.

Ich wette, Sie haben sie auch, diese eine Schublade oder Kiste, in denen sich ganz verschiedene Gegenstände anhäufen: Schlüsselanhänger, Urlaubskarten, Schatullen, Passfotos, vielleicht ein paar Schmuckstücke oder ein Notizbuch. Kleine Alltagsgegenstände, denen wir zwar immer wieder begegnen, die uns aber gerade deshalb häufig nicht mehr auffallen.


Solche «Dinge, die man leicht vergisst» dienen Xavier Bobés als Requisiten für sein gleichnamiges Objekttheater, das derzeit im Rahmen des «Kurtheaters ausser Haus» im «Stoffwechsel» an der Mäderstrasse in Baden aufgeführt wird. Der Titel verweist dabei auf ein Paradox: Denn die «Dinge, die man leicht vergisst» sind gleichzeitig Dinge, die man aufbewahrt, weil sie an etwas erinnern sollen; an einen Urlaub, an einen lieben Menschen, an ein bestimmtes Ereignis.


Nur fünf Personen sitzen während der Aufführung um einen runden Tisch und sehen zu, wie die Geschichte Spaniens um die Mitte des letzten Jahrhunderts anhand historischer Gegenstände unmittelbar vor ihnen zum Leben erwacht. Dabei ist es die Patina auf diesen Gegenständen, die Zeichen der Alterung, die sich als Spur und roter Faden durch die Geschichte zieht.


Für den aus Barcelona stammenden Schauspieler und Theatermenschen Xavier Bobés diente ein Notizbuch aus dem Jahr 1942 als Ausgangspunkt für eine Reise in die Franco-Zeit. Einem inneren Impuls folgend kauft er das Buch mit dem grünen Ledereinband von einem Flohmarktverkäufer ab. Erst später realisiert er, dass sowohl seine Mutter wie auch sein Vater 1942 geboren sind. Ihr Aufwachsen unter der Diktatur Francisco Francos ist gezeichnet von der Gewalt gegen politische Gegner, von Repression, Instabilität und einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen in der Geschichte Spaniens. Bobés Eltern haben von allem zu wenig: Lebensmittel sind streng rationiert, viele Produkte erhält man nur über den Schwarzmarkt.


«Meine Eltern haben nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen», erzählt Xavier Bobés. Das Schweigen dieser Generation, die unter dem Franco-Regime aufgewachsen ist, prägt Bobés nachhaltig. Umso mehr wecken Gegenstände aus dieser Zeit seine Neugier. Für «Dinge, die man leicht vergisst» inszeniert und wiederholt er seine Suche nach der verdrängten und vergessenen Geschichte seiner Elterngeneration. Auf spielerische Weise verwebt er dabei politische und individuelle Vergangenheit. Die zufälligen Entdeckungen und Lücken in diesem Prozess vollziehen wir als Zuschauer in diesem Moment mit ihm.

Blick in die Vergangenheit

Über Tausend Mal hat Bobés das Stück seit 2015 in verschiedenen Ländern aufgeführt. Stück für Stück, Ding um Ding lenkt er den Blick seiner Gäste auf die Vergangenheit und von dort zurück in die Gegenwart oder in die Zukunft. Die zyklische Wiederholung in seiner Inszenierung, sagt Bobés, wirft grundlegende Fragen auf: War alles schon einmal da? Muss es deshalb wiederkommen? Welche Lehren bietet uns die Vergangenheit? Ein lehrreiches und poetisches Theater, welches das ganz Grosse im ganz Kleinen spiegelt.

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